Jobkarawane Warum die Polen "sächseln"

Das Lohnniveau in Polen ist immer noch recht niedrig, und für manche gibt es gar keine Arbeit. Viele gehen deshalb ins Ausland, um sich ihren Traum vom Wohlstand zu erfüllen. Denn in der Fremde winkt eine fürstliche Bezahlung - verglichen mit dem, was man in gleicher Stellung daheim kriegen kann.

von Cezary Bazydlo

Jahr für Jahr machen sich Tausende Polen auf den Weg "ins Sächsische". Dabei ist aber nicht das ostdeutsche Bundesland gemeint, sondern Arbeit im Westen allgemein - egal ob Deutschland, Holland oder Norwegen. Die Redewendung rührt daher, dass Sachsen einst neben Preußen zu den Top-Destinationen polnischer Saisonarbeiter zählte. Heute ist der Freistaat für sie weniger attraktiv, das Arbeiten im Ausland lohnt sich aber für viele nach wie vor. Bei einer Umfrage des polnischen Meinungsforschungsinstituts CBOS gab jeder zehnte Erwachsene an, innerhalb der letzten zehn Jahre außerhalb Polens gearbeitet zu haben - in absoluten Zahlen sind das 3,3 Millionen Menschen.

Zu einem regelrechten Massenphänomen wurde das "Sächseln" nach dem EU-Beitritt Polens, als die westeuropäischen Länder nach und nach ihre Arbeitsmärkte öffneten. Für die junge Generation wurde das sogar zu einer prägenden Erfahrung. Die wichtigsten Zielländer für die polnischen Job-Migranten sind nach Berechnungen des Statistischen Hauptamtes in Warschau Großbritannien, Deutschland, Irland und Holland. Unter der Hand sagt man, dass der enorme Zustrom polnischer Migranten einer der Gründe für das Brexit-Votum der Briten war.

Gute Perspektiven in Deutschland

Auch Deutschland, das erst 2011 seinen Arbeitsmarkt für polnische Arbeitnehmer öffnete, ist ein attraktives Ziel. Das Land trotzt allen Wirtschaftskrisen der letzten Jahre und ist geographisch nicht so weit entfernt wie Großbritannien oder Irland. Oft reichen schon einige Stunden Autofahrt, um die deutsche Grenze zu erreichen. Allein schon durch diese räumliche Nähe fühlen sich viele Polen hier sicherer als anderswo in Europa. Seitdem der Brexit im Raum steht, hat Deutschland noch weiter an Attraktivität gewonnen - das bestätigen Agenturen, die ausreisewillige Polen an Arbeitgeber im Ausland vermitteln.

Gute Jobaussichten haben hierzulande vor allem polnische Facharbeiter: Maurer und Angehörige aller Bauberufe, Schlosser, Mechaniker. Unter Akademikern sind Informatiker, Ingenieure und Ärzte besonders gefragt. Recht gute Chancen hat auch mittleres medizinisches Personal - Schwestern und Pfleger. Viele deutsche Arbeitgeber schätzen den Fleiß und die Fähigkeiten der polnischen Arbeitnehmer. Allerdings erwarten sie von ihnen - außer in der Landwirtschaft - gute Sprachkenntnisse, woran so mancher Arbeitsaufenthalt dann doch noch scheitert.

Auswanderung hat Tradition

Auswanderung ist fast schon ein Bestandteil der polnischen Identität. Nach der Aufteilung Polens zwischen Russland, Preußen und Österreich im 18. Jahrhundert gingen viele Bürger aus politischen Gründen in die Fremde. Oft waren es Aufständische, die sich der Fremdherrschaft widersetzt hatten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts waren eher wirtschaftliche Motive ausschlaggebend – Arbeitsmigration wurde ein Massenphänomen. Es ging nicht mehr um Freiheit, sondern ums Brot.

So kamen Ende des 19. Jahrhunderts Hunderttausende Menschen aus Preußisch-Polen ins rheinisch-westfälisch Ruhrgebiet und arbeiteten vor allem im Bergbau und in der Industrie. Die sogenannten "Ruhrpolen" besaßen die preußische, also quasi die deutsche Staatsangehörigkeit, sprachen aber polnisch.

Auch nach Übersee - vor allem in die USA – zog es viele Polen. Spezielle Vermittler organisierten diese frühen Jobkarawanen. Armut und Übervölkerung in der Heimat trieben die Menschen regelrecht außer Landes. In der Fremde führten diese einfachen, aber fleißigen Leute oft ein Leben, von dem die daheim gebliebenen Verwandten nur träumen konnten. "In einer normalen Arbeiterwohnung finden wir hier das vor, was sich daheim nur ein reicher Bürger leisten kann - also Teppiche, Sofas und sonst allerlei Kram, wenn auch nicht immer geschmackvoll eingerichtet", schrieb der polnische Exil-Seelsorger Waclaw Kruszka im Jahr 1905.

Nach der Wiedergeburt eines unabhängigen Polens verließen weiterhin Tausende das Land - mit offizieller Unterstützung der Staatsregierung, die darin ein probates Mittel im Kampf gegen Armut sah. 1920 wurde eine Auswanderungsbehörde gegründet. Zehn Jahre später entstand das "Auswanderungs-Syndikat" - eine GmbH, an der neben dem Staat große in- und ausländische Reedereien beteiligt waren. Das Unternehmen mit über zwei Dutzend Filialen sammelte Infos über mögliche Zielländer, half den Papierkram zu erledigen und unterhielt Auswandererheime in den Großstädten Warschau, Lemberg und Posen sowie ein Auswanderungslager in der Hafenstadt Gdynia. Wichtigstes Zielland in Übersee blieben die USA. In Europa waren es Deutschland, Frankreich und Belgien.

Auch die Heimat braucht viele Hände

Wie sich die polnische Job-Migration in Zukunft entwickeln wird, ist schwer abzuschätzen. Eines dürfte aber großen Einfluss auf die Ströme der "Jobnomaden" haben: Der eigene, polnische Arbeitsmarkt steht aus Sicht der Arbeitnehmer inzwischen so gut da, wie noch nie seit der Wende. Die Arbeitslosigkeit lag im Februar 2017 bei niedrigen 8,5 Prozent. Die Zahl der offenen Stellen steigt ebenso wie die Gehälter und Löhne.

Bereits jetzt sind rund 300.000 Stellen unbesetzt und aufgrund des demografischen Wandels wird diese Zahl weiter steigen. Die Regierung und so manches Unternehmung hoffen deshalb, dass nach dem Brexit eine Rückreisewelle Richtung Polen einsetzt. Doch Meinungsumfragen geben diesbezüglich wenig Grund zur Hoffnung. Nur 20 Prozent der in Großbritannien lebenden Polen denken darüber nach, ihr Gastland zu verlassen. Ein Großteil von ihnen dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit nach Deutschland kommen, nur fünf Prozent gaben an, in die Heimat zurückkehren zu wollen.

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2017, 09:17 Uhr