Grenze zwischen Kaliningrad und Polen
Grenzübergang zwischen Kaliningrad und Polen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einkaufen in Polen, tanken in Kaliningrad

Vor einem Jahr hat Polen den "kleinen Grenzverkehr" mit der russischen Exklave Kaliningrad aufgekündigt. Seitdem ist das Reisen für beide Nachbarn erheblich schwieriger geworden. Polen und Russen brauchen nun ein Visum. Trotzdem ist Polen bei den Kaliningradern noch immer sehr beliebt. Das Reiseaufkommen stieg sogar. Bei den Polen ist das genau das Gegenteil der Fall. Sie fahren nur noch halb so oft zu ihren russischen Nachbarn.

von Marius Emsel

Grenze zwischen Kaliningrad und Polen
Grenzübergang zwischen Kaliningrad und Polen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Klamotten, Elektronik und Lebensmittel: Im siebten Stock der Kaliningrader Wohnung von Olga Solovieva wimmelt es von polnischen Produkten. Die 29-jährige Russin öffnet ihren Kühlschrank: Wurst, Milch, Sahne, Käse und Joghurt - alles aus Polen. Die Hälfte der Fächer ist voll mit Lebensmitteln aus dem Nachbarland. Einmal im Monat fährt sie mit ihren Freunden oder Eltern ins polnische Grenzgebiet nach Braunsberg, Elbing oder Danzig zum Einkaufen.

Olga Solovieva
Olga Solovieva fährt einmal im Monat zum shoppen ins Nachbarland Polen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das liegt am Preis und an der Qualität. Nehmen wir zum Beispiel mal Sahne. Die kaufe ich in Polen für umgerechnet 50 Rubel ein, hier sind es 180. Außerdem brauche ich zum Kuchen backen Sahne mit mindestens 30 Prozent Fett. Auch das ist einfach schwer zu finden", erzählt Olga. Vom russischen Kaliningrad bis zur polnischen Grenze braucht sie mit dem Auto etwa eine Stunde. Schneller geht es, wenn Olga wochentags gleich nach der Arbeit zum Shoppen fährt. Ihr Büro liegt nämlich am Stadtrand. Von dort ist sie doppelt so schnell an der Grenze.

Illegales Geschäft mit polnischen Lebensmitteln

Die polnischen Lebensmittel sind in Kaliningrad so gefragt, dass sich neben etlichen Supermärkten in der russischen Exklave ein Parallel-Geschäft entwickelt hat. So verkaufen einige Russen an kleinen Ständen oder aus dem Kofferraum heraus polnische Waren, die teilweise vom Lebensmittel-Embargo betroffen sind. Auch haben diese Verkäufer keine Lizenz, so Olga.

Illegaler Verkauf von polnischen Produkten
Illegaler Verkauf von polnischen Produkten in Kaliningrad Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Satte Steuervorteile

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum sich das Einkaufen in Polen für die Russen lohnt. Sie bekommen die Mehrwertsteuer zurück. Und das nicht nur auf Lebensmittel, sondern auch auf Elektronik und Kleidung. Auch da schlug Olga zu, als sie vor einem Jahr ihre Wohnung im Plattenbau-Viertel "Selma" bezogen hat. Für ihr Wohnzimmer kaufte sie sich einen nagelneuen 40-Zoll-Fernseher – natürlich steuerfrei in Polen. Auch ihr Laptop ist von "drüben", erzählt sie. Gespart hat sie 23 Prozent Steuern – also gut 260 Euro. Und nicht nur das. Da die gleichen Produkte im russischen Kaliningrad teurer sind als in Polen, hat sie alles in allem sogar 500 Euro gespart. Dafür lohnt sich die Reise zum Nachbarn. Die Rückerstattung würde übrigens auch in Deutschland klappen, nur ist Berlin nicht gerade um die Ecke.

Visumpflicht schreckt Russen nicht ab

So wie Olga machen es viele: Mehr als eine halbe Million Kaliningrader sind seit Jahresbeginn nach Polen gereist. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht gestiegen: 5.266 Russen mehr, das belegen die Zahlen des polnischen Grenzschutzes für das erste Halbjahr. Und das, obwohl Polen und Russland im letzten Jahr eine Vereinbarung zum sogenannten "kleinen Grenzverkehr" aufgekündigt hatten. Damit konnten die Menschen aus Kaliningrad und den grenznahen Regionen in Polen jahrelang ohne Visum über die Grenze für fahren.

Platz des Sieges in Kaliningrad
Blick auf den Platz des Sieges in Kaliningrad Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch die Polen haben von diesem Abkommen mit Russland profitiert. Denn in Kaliningrad ist das Benzin nur halb so teuer wie in Polen. Auch Alkohol und Zigaretten sind dort günstiger zu haben. Mit Inkrafttreten des Abkommens 2012 war der Grenzverkehr lange ein lohnenswertes Geschäft – nicht zuletzt für Schmuggler. In eigens dafür vergrößerten Tanks, brachten sie mehrmals am Tag eine Menge Sprit nach Polen und verkauften es illegal. Allein im ersten Quartal 2016 hätten Sprit- und Zigarettenschmuggel den Staat um etwa 17 Millionen Euro Steuereinnahmen gebracht, hieß es damals aus dem Innenministerium.

PiS-Regierung kündigt Grenzabkommen

Die polnische PiS-Regierung jedoch schaffte das Grenzabkommen mit Russland im Sommer 2016 ab. Der offizielle Grund: der Papstbesuch zum Weltjugendtag und der Nato-Gipfel in Warschau. Damals wurde der "kleine Grenzverkehr" zunächst aus Sicherheitsgründen vorübergehend aufgehoben. Danach kehrte man jedoch nicht zur alten Regelung zurück. Beobachter gehen davon aus, dass es nur vorgeschobene Gründe waren. Sie vermuten Sicherheitsbedenken aufgrund der militärischen Aufrüstung Kaliningrads sowie den Konflikt um die Krim als eigentliche Ursachen. Russland zog nach und kündigte kurz darauf seinerseits die Visa-Freiheit auf. Seitdem ist das Reisen und der Grenzverkehr schwieriger. Kaliningrader und Polen brauchen nun ein Visum, um ins Nachbarland zu reisen.

Speisekarten und Werbung auf Russisch

Und tatsächlich hat die Abschaffung des erleichterten Grenzverkehrs einen massiven Effekt: Seit Anfang 2017 kommen viel weniger Polen nach Kaliningrad als noch im Jahr davor. Ihre Zahl hat sich fast halbiert, von 1,4 Millionen auf 780.000 Menschen. Bei den Russen allerdings ist Polen nach wie vor sehr beliebt.

Als der "kleine Grenzverkehr" aufgehoben wurde, befürchteten viele Geschäfte in Polen starke Umsatzeinbußen. Denn inzwischen hatten sich viele Gewerbetreibende auf die russische Kundschaft eingestellt. Restaurants druckten Speisekarten auf Russisch, Baumärkte stellten russischsprachige Bedienungen ein und direkt an der Grenze waren Supermärkte für die Einkaufstouristen entstanden. Doch ihre Befürchtungen erwiesen sich im Nachhinein als unbegründet.

Während die Polen viel seltener nach Kaliningrad fahren, hat sich bei den Russen nichts geändert. Doch woran liegt das? Dafür gebe es verschiedene Gründe, erklärt Katia Apanova, eine Journalistin aus Kaliningrad, die heute in Polen lebt: "Für die Polen ist es viel schwieriger ein russisches Visum zu bekommen. Nicht so für Kaliningrader, die bekommen es einfacher und für mehrmalige Einreisen."

EU-Visa sind leicht zu haben

Für ihr Schengen-Visum hat Olga etwa 70 Euro bezahlt. Ähnlich viel kostet ist es umgekehrt für die Polen. Doch die bekommen in der Regel nur Kurzzeit-Visa für 30 Tage. Olga hingegen hat ein Visum für drei Jahre. Damit kann sie bequem in Polen shoppen oder im Schengen-Raum reisen, zum Beispiel nach Italien, Spanien oder Deutschland. Auch viele Freunde von ihr haben ähnlich lange Visa. Die könne man am besten bei der deutschen oder französischen Botschaft beantragen, weil da die Chancen auf Langzeit-Visa sehr gut seien, so Olga. Umgekehrt allerdings, für Polen, die nach Kaliningrad reisen wollen, wird es auf Dauer teuer. Sie müssen immer wieder ein neues Visum beantragen. Für die meisten Polen zahlt sich das am Ende also schlicht nicht mehr aus.

Import-Firmen leben von Kaliningrads Sonderstatus

Eine Zeichnung/Skizze wird mit zusätzlichen Notizen ergänzt.
Warum sich der Import über Russland für Kaliningrader Unternehmen nicht lohnt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Währen der Grenzverkehr zwischen Polen und Kaliningrad für Privatpersonen erschwert ist, profitieren Import-Unternehmen weiter vom Sonderstatus der russischen Exklave. Olga arbeitet in so einem Unternehmen, das europäische Waren importiert und in Kaliningrad an Restaurants, Tankstellen oder Unternehmen verkauft. Darunter, neben Lavazza-Kaffee aus Italien, auch Gerolsteiner Mineralwasser, Rauch-Saft und Kaffeemaschinen von WMF aus Deutschland. "Dass es für uns viel günstiger ist, direkt mit Europa Geschäfte zu machen und nicht mit Russland, muss ich den Kunden immer wieder erklären", sagt Olga und malt den Weg der Waren sowie die Steuern auf ein weißes Blatt Papier. Darunter schreibt sie: "30-40 Prozent günstiger als aus dem russischen Mutterland". Olgas Unternehmen verkauft die Waren dann mit einem satten Gewinn. Ein lohnendes Geschäft.


Visum Das Touristen-Visum für Kaliningrad kostet 62 Euro inklusive Servicegebühren, wenn man es frühzeitig beantragt (einen Monat vor Abreise). Bei einem Express-Visum ist man schnell bei 100 Euro. Die maximale Aufenthaltsdauer beträgt 30 Tage.
Diese Unterlagen muss man einreichen: den Reisepass, einen Nachweis der Krankenversicherung mit einer Mindestabdeckung von 30.000 Euro, ein biometrisches Passbild sowie eine Einladung aus Russland, die man gegen eine Gebühr auch online kaufen kann.


Grenze Es gibt vier Grenzübergänge von Polen nach Kaliningrad: Gronowo, Grzechotki, Bezledy und Goldap. Wochentags dauert die Abfertigung in der Regel eine bis drei Stunden. An den Wochenenden gibt es erheblich längere Wartezeiten. An der Grenze muss man dann noch einmal drei Formulare ausfüllen und eine Zoll-Erklärung unterschreiben.

Über dieses Thema berichtete HEUTE IM OSTEN - REPORTAGE auch im: TV | 05.08.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2017, 10:10 Uhr