Tschechien Karlsbader sollen über Sprudelkolonnade abstimmen

Im tschechischen Karlsbad (Karlovy Vary) ist ein handfester Streit um eines der Wahrzeichen der berühmten Kurstadt ausgebrochen. Es geht um eine Sprudelkolonnade aus den Siebzigern, die immer mehr Bürger als sozialistische Bausünde empfinden. Eine Bürgerinitiative fordert, sie abzureißen und den Vorgängerbau aus dem 19. Jahrhundert wieder zu errichten. Die Einwohner sollen darüber in einem Referendum abstimmen, hat das Landgericht in Pilsen nun beschlossen.

Sprudelkolonnade Karlsbad Tschechien Karlovy Vary
An dieser Sprudelkolonnade aus den 1970er-Jahren scheiden sich derzeit in Karlsbad die Geister Bildrechte: IMAGO

Die Karlsbader Kolonnaden kennt wohl jeder, der schon mal in dem berühmten Kurort war. Sie wurden als Trinkhallen für das heilsame Thermalwasser errichtet, das aus mehreren Quellen im Stadtgebiet sprudelt. Tausende Kurgäste und Tagestouristen suchen sie täglich auf, wandeln durch die Gänge, in den Händen die charakteristischen Karlsbader Henkeltassen, aus denen sie hin und wieder einen Schluck nehmen. Eine klassische Trinkkur eben.

Bausünde im Herzen von Karlsbad?

Fünf dieser Kolonnaden gibt es insgesamt – vier aus dem 19. Jahrhundert und eine, die erst 1975, zur Blütezeit der sozialistischen Tschechoslowakei, errichtet wurde. Sie beherbergt die beliebteste Karlsbader Mineralquelle - den Sprudel (Vřídlo). Sein Wasser steigt bis zu zwölf Meter hoch. Er ist gewissermaßen das pulsierende Herz der Stadt.

Doch an dem verglasten Stahlbetonbau aus den Siebzigern scheiden sich die Geister. Immer mehr Einwohner empfinden ihn als eine Bausünde, die nicht zum vornehmen Kurort Karlsbad passt. Eine Bürgerinitiative fordert nun, die sozialistische Kolonnade abzureißen und durch eine Kopie des Vorgängerbaus im Stil der Neorenaissance zu ersetzen.

Historische Sprudelkolonnade in Karlsbad Karlovy Vary
Der Vorgängerbau aus dem 19. Jahrhundert Bildrechte: Stadtverwaltung Karlovy Vary

"Wir wollen zurück zur Tradition", sagt Alexandr Maier von der Bürgerinitiative für den Abriss. "Die architektonische Entwicklung der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten war katastrophal. Wir möchten eine Wende herbeiführen, und zwar genau hier, am wichtigsten Ort dieser Stadt, denn dieser Ort pflegte ihr Herz zu sein. Das sollte er bald wieder werden."

Kolonnade muss saniert werden

Der Zeitpunkt für diese Forderung ist kein Zufall: Die Sprudelkolonnade muss ohnehin dringend saniert werden: Die Tragekonstruktion droht einzubrechen und wird derzeit mit Holzbalken notdürftig gesichert. Aus diesem Grund ist das Gebäude seit fast zwei Jahren teilweise geschlossen und die zugehörige warme Quelle sprudelt aus einem provisorischen Brunnen, der davor errichtet wurde.

Da eine Sanierung ohnehin anstehe, wäre es besser, den Schandfleck abzureißen, argumentiert die Bürgerinitiative. Die Sanierung, die die Stadtverwaltung anstrebe, würde die Lebensdauer des Gebäudes nur um 15 Jahre verlängern, danach müsste eine neue Lösung her. Für die Aktivisten von der Bürgerinitiative sind die dafür veranschlagten 40 Millionen Kronen – umgerechnet gut 1,5 Millionen Euro – deshalb rausgeschmissenes Geld.

Sprudelkolonnade Karlsbad Tschechien Karlovy Vary
Stil der 70er: viel Glas, viel Stahl - und inzwischen sanierungsbedürftig Bildrechte: IMAGO

Abriss eine Gefahr für die Thermalquelle?

Die Stadt sieht das anders. Sie beruft sich auf ein Gutachten, wonach ein Abriss der Sprudelkolonnade gar nicht in Frage kommt, weil die Thermalquelle dadurch versiegen könnte. "Jedwede radikale Veränderung in der Bausubstanz auf diesem Gelände könnte erheblich die hydrogeologischen Verhältnisse vor Ort beeinflussen", sagte der Vorsitzende der zuständigen Fachkommission, Martin Frous. Dies könnte fatale Folgen für die Quelle als solche haben. Für einen Kurort wie Karlsbad, der von seinen Heilquellen lebt, ein bedrohliches Szenario.

Referendum parallel zur Präsidentschaftswahl

Die Bürgerinitiative besteht allerdings auf ihrer Forderung und hat nun vor Gericht ein Referendum dazu erwirkt. Nachdem der Stadtrat eine Volksbefragung abgelehnt hatte, entschied nun das Landgericht in Pilsen: Das Referendum findet statt – zusammen mit der Präsidentenwahl im Januar 2018. Sofern sich mindestens 35 Prozent der Wähler von Karlsbad an der Abstimmung beteiligen, wird das Ergebnis für die Stadtverwaltung bindend sein – egal, wie es ausgeht.

(ČT/baz)

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 19.08.2015 | 17:45 Uhr

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