Rostow Atomkraftwerk
Atomkraftwerk in Rostow am Don, Russland Bildrechte: IMAGO

Pro und Contra Atomkraft Strahlende Zukunft für Europas Osten

Deutschland hat den Ausstieg au der Kernenergie beschlossen, viele Staaten in Osteuropa setzen weiterhin auf Atomstrom. Einige der Anlagen aus Sowjetzeiten gelten als unsicher. Neue Atomkraftwerke sollen gebaut werden. 

Rostow Atomkraftwerk
Atomkraftwerk in Rostow am Don, Russland Bildrechte: IMAGO

In Tschernobyl gibt es eine neue gigantische Schutzhülle für den 1986 explodierten Reaktor des Kernkraftwerkes Tschernobyl. Auf Gleitschienen ist er im November 2016 über den alten Betonsarkophag geschoben worden. Es war auch höchste Zeit, denn der alte Betonsarkophag drohte einzustürzen. Und in der Anlage befinden sich noch immer 20.000 Brennstäbe, etwa 200 Tonnen Uran. 36.000 Tonnen schwer und so groß wie sechs Fußballfelder ist das gigantische Stahlkonstrukt, das die Menschheit vor einem weiteren Austreten radioaktiven Materials schützen soll. Etwa zwei Milliarden Euro kostete das Projekt. Über 40 Länder beteiligten sich daran.

Bis heute kämpft die Ukraine mit den Folgen des Super-Gaus in Tschernobyl. Die atomare Wolke kam bis nach Deutschland und verbreitete "Angst, Angst, Angst", wie der "Spiegel" damals titelte. Heute aber sind in vielen osteuropäischen Ländern immer noch russische Reaktoren aus Sowjetzeiten im Einsatz.

Blick auf den zerstörten Reaktor im ehemaligen Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine
Explodierter Reaktorblock des AKW Tschernobyl Bildrechte: dpa

Wissenschaftler haben berechnet, welche Folgen ein Reaktorunfall in Europa hätte. Demnach gibt es für Mittel- und Osteuropa ein erhöhtes Risiko für eine Katastrophe. Die Wahrscheinlichkeit wirklich großer Freisetzungen sei für ältere russische Anlagen am höchsten. In einem solchen Fall würde vor allem Österreich, aber auch Deutschland in Mitleidenschaft gezogen werden. 

Doch in Tschechien und der Slowakei denkt man gar nicht daran, die alten Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen. Zu teuer wären die Alternativen, zu groß sei der Anteil der Kernkraft an der Energieproduktion, um die Anlagen mal eben so zu ersetzen. In Ungarn ist sogar ein neues AKW geplant und Polen will gerade erst in die Kernenergie einsteigen. Wir geben einen Überblick, wie die Länder des Ostens zur Atomkraft stehen.

Tschechien: "Die Frage ist nicht, ob der Reaktor explodiert, sondern, wann"

Das tschechische Atomkraftwerk Temelin ist nur 70 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Viele Deutsche und Österreicher sind besorgt. Die oberfränkische Atomgegnerin und Grünen-Lokalpolitikerin Brigitte Artmann sagt: "Es ist keine Frage mehr, ob der Reaktor explodiert sondern nur noch, wann." Die Schweißnähte am Kühlwassersystem des Reaktorblocks Temelin 1 seien nicht sicher.

Die Kühlturme des Kernkraftwerkes Temelin sind im Hintergrund einer Bushaltestelle zu sehen
Kernkraftwerk Temelin: "Die Frage ist nicht, ob der Reaktor explodiert, sondern, wann." Bildrechte: IMAGO

Nur die spinnerte Phantasie einer Atomkraftgegnerin? Die Grünen haben im Jahr 2013 ein Gutachten zu den Sicherheitsrisiken des Kraftwerks Temelin bei dem Kernenergie-Experten Dieter Majer, der einst im Bundesumweltministerium für die Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke verantwortlich war, in Auftrag gegeben. Der Ingenieur kommt zu einem ähnlichen Schluss: Er berichtet von einer glaubhaften anonymen Zeugin, die behauptet, dass bei einer Schweißnaht gepfuscht worden sei. Der Betreiber habe sich bei der Aufklärung des Sachverhalts in erhebliche Widersprüche verstrickt.  

Osteuropa

Blick auf die Kühltürme des Kraftwerkes. 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die tschechische Regierung lassen die Bedenken der Atomgegner kalt. Temelin sei sicher, heißt es gebetsmühlenartig. Man lässt sich nicht gern belehren und setzt weiter auf Kernenergie. Weitere Reaktoren sollen zwar vorerst nicht gebaut werden, aber die alten bleiben am Netz. Zurzeit sind zwei Kraftwerke mit insgesamt sechs Reaktorblöcken im Einsatz, die rund ein Drittel des tschechischen Strombedarfs decken. Zuletzt kam es im September 2016 in Temelin zu einem Störfall.

Slowakei: Alte Reaktoren aus Sowjetzeiten 

Auch in den slowakischen Kraftwerken Bohunice und Mochovce sind ältere Reaktoren im Einsatz, die noch zu Sowjetzeiten entwickelt wurden. Es handelt sich dabei um den Typ WWER-440-213. Diese sind außerdem im tschechischen Dukovany und im ungarischen Paks in Betrieb. Sie gelten zwar als sicherer als der RBMK-1000, der in Tschernobyl explodiert ist, allerdings als weniger sicher als neuere westliche Reaktoren. Die Slowakei deckt über 50 Prozent ihres Strombedarfs aus Kernenergie. 

Ungarn: Umstrittenes Geschäft mit Russland

Kernkraftwerks Paks.
Kernkraftwerk Paks: Es deckt 40 Prozent des ungarischen Strombedarfs. Bildrechte: IMAGO

Auch Ungarn setzt auf Atomstrom. Im Januar 2014, als die Revolution auf dem Maidan in Kiew gerade in vollem Gange war und sich das Verhältnis des Westens zu Russland massiv verschlechterte, fädelte der ungarische Premierminister Viktor Orban mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin einen spektakulären Deal ein: Der russische Konzern Rosatom soll am 100 Kilometer südlich von Budapest gelegenen Atomkraftwerk Paks zwei neue Reaktorblöcke mit einer Leistung von jeweils 1.200 Megawatt errichten. Das Geld dafür liefert Russland gleich mit - in Form eines Kredites über rund 10 Milliarden Euro. Möglicherweise aber wird das Projekt nicht umgesetzt werden können, denn die Europäische Kommission untersucht derzeit, ob diese Fördermaßnahmen mit dem EU-Beihilferecht vereinbar sind. Der Baubeginn ist für 2018 vorgesehen, fünf Jahre später sollen die Reaktoren den ersten Strom liefern.

Im AKW Paks gibt es bislang vier russische Reaktoren, die in den 1980er-Jahren errichtet wurden. Sie produzieren täglich zusammen 2.000 Megawatt Strom und decken damit 40 Prozent des ungarischen Elektrizitätsbedarfs.

Polen: Deutschland steigt aus, Polen ein

Plakat gegen den Bau von Atomkraftwerken in deutsch und polnisch kurz vor Schwedt
Plakate gegen den Bau von Kernkraftwerken in Polen auf einer Landstraße bei Schwedt, kurz vor der polnischen Grenze. Bildrechte: IMAGO

Polen ist eines der wenigen ehedem sozialistischen Länder, die bis heute kein Atomkraftwerk haben. Dabei wurde 1982 der Bau eines Atomkraftwerkes in Zarnowiec, einem Dorf etwa 50 Kilometer nordwestlich von Danzig, begonnen. Doch dann ereignete sich die Katastrophe von Tschernobyl und drei Jahre später kam die politische Wende in Polen dazwischen: Das Projekt scheiterte an den Protesten der besorgten Bevölkerung. 

Doch in Polen will man seit Jahren ein Atomkraftwerk bauen. Sowohl die konservativ-liberale Regierung unter Donald Tusk war für das Projekt als auch die nationalkonservative Regierung PiS unter Beata Szydlo. Doch der Baubeginn wird immer weiter verschoben. Zurzeit ist die Finanzierung noch unklar. Für den Standort gibt es bisher drei Favoriten: Choczewo, Lubiatowo-Kopalino und Żarnowiec. Alle drei Orte befinden sich in Pommern, in der Nähe von Danzig. 

Ukraine: Angst vor "bewaffneten Aktionen russischer Truppen"

Atomkraft Tschernobyl
Kernkraftwerk in Tschernobyl: Die Hälfte seines Strombedarfs deckt die Ukraine durch Atomstrom Bildrechte: IMAGO

Ausgerechnet das Land, das bereits den Super-GAU erlebt hat, produziert bis heute über die Hälfte seines Stroms in Kernkraftwerken. Dabei ist man sich in der Ukraine durchaus der Gefahren bewusst, die von den alten Reaktoren ausgehen. Allein, es fehlt das Geld, um in neue Technik  zu investieren. Besondere Sorge bereitet den Ukrainern offenbar der inoffizielle Krieg mit Russland: Im März hatte das Parlament in Kiew um internationale Unterstützung bei der Sicherung der ukrainischen Atomkraftwerke gebeten. In einem Brief an den Generalsekretär der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) warnte Kiew vor "illegalen bewaffneten Aktionen russischer Truppen auf dem Gebiet der Ukraine" und den "möglichen Auswirkungen auf die Atomenergie-Infrastruktur". Diese Gefahr wurde offensichtlich auch im Westen gesehen. Die Nato entsandte ein Team ziviler Experten, das den ukrainischen Behörden helfen soll, die Sicherheit ihrer Atomkraftwerke zu verstärken. 

Russland: Putin setzt auf Atomkraft

Atomkraftwerk Bilibino
Kernkraftwerk Bilibino im Nordosten Russlands Bildrechte: IMAGO

Geht es bei den Ukrainern vor allen Dingen ums Konservieren der Altbestände, so ist das russische Atomprogramm deutlich ambitionierter. 28 neue Atomreaktoren will Wladimir Putin in den nächsten Jahren bauen lassen. Der Anteil der Kernenergie am Gesamthaushalt soll trotz Russlands Öl- und Gasreichtum von rund 18 auf 20 bis 30 Prozent steigen. Und russische Atomkraftwerke verkaufen sich auch gut im Ausland - in Ungarn, im Iran, in Indien und China. 

Derzeit sind in der Russischen Föderation noch elf Reaktoren des Typs RBMK-1000 an drei Standorten in Betrieb - ja, richtig, das ist der Reaktor, der in Tschernobyl damals explodiert ist. Ihre Stilllegung ist allerdings für die nächsten Jahre geplant.

Belarus: Minsk plant erstes Kernkraftwerk

Für die Regierung in Minsk ist das erste Kernkraftwerk des Landes eine Prestige-Frage. Für das Nachbarland Litauen dagegen eine Frage der Sicherheit, denn beim Bau gibt es Probleme.

Das erste AKW für Belarus 3 min
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Über dieses Thema berichtet der MDR auch in MDR Aktuell: 13. 04. 2014 | 19.30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. April 2017, 12:07 Uhr