Ruthenium-Wolke Umweltaktivistin Kutepowa: Erhöhte Strahlung kommt aus Majak

Ende September melden mehrere europäische Länder erhöhte Ruthenium-Werte in der Atmosphäre. Die Behörden vermuten, dass die radioaktive Wolke aus der russischen Atomanlage Majak kommt. Doch erst am 20. November teilt die russische Wetterbehörde mit, dass in dieser Zeit an der Station Argajasch - rund 20 Kilometer von Majak entfernt - bis zu 1000-fach höhere Ruthenium-Werte gemessen wurden.

Die russische Anwältin und Umweltschützerin Nadeschda Kutepowa ist überzeugt, dass die russische Atomanlage Majak im Südural der Ursprung der Emission ist. Die Anwältin und Gründerin der Umweltorganisation "Planet der Hoffnung" sagte HEUTE IM OSTEN:

Ein Mann in weißen Kittel und eine Frau blicken auf den Monitor eines Laptops
Nadeschda Kutepowa (rechts) emigrierte 2015 nach Frankreich und verfolgt seitdem von dort die Lage in Majak Bildrechte: MDR/Susanna Dörhage

Die Kraftwerksleitung leugnet weiterhin, dass es in Majak einen Unfall gab. Viele Bewohner vor Ort meinen, wenn da etwas passiert wäre, dann würde es die Werksleitung doch sagen. Ich antworte dann: Die Werksleitung hat noch nie zugegeben, dass es einen Unfall gab.

Nadeschda Kutepowa HEUTE IM OSTEN

Kutepowa wurde in Osjorsk, der geschlossenen Stadt bei Majak, geboren. Sie ist Anwältin und vertritt seit Jahren Menschen, die durch die einstige Armee-Atomanlage in Majak Angehörige verloren haben oder selbst krank geworden sind. Denn in Majak explodierte 1957 ein Tank, der massiv radioaktive Strahlung freisetzte – 200 Städte und Dörfer und bis zu 272.000 Menschen waren betroffen, nur etwa 1.000 Bewohner wurden damals evakuiert. Der erste große Unfall in der Geschichte der Atom-Industrie! Kutepovas Vater und ihre Großmutter, beide Ingenieure in Majak, starben an den Folgen der Katastrophe. Die Sowjetführung verheimlichte den Unfall über Jahrzehnte bis in die 1980er-Jahre.

"Majak lügt gewöhnlich"

Im aktuellen Fall ist Nadeschda Kutepowa sicher, dass die Emissionen aus Majak kommen, konkret "aus der Wiederaufarbeitungsanlage 235 oder RT 1, wo sich die Verglasungsanlage für sehr hochradioaktiven nuklearen Abfall befindet". Dort werde hochradioaktiver flüssiger Atommüll in Glas eingeschlossen, so die Aktivistin:

Und dabei entsteht Ruthenium. Ein neuer Verglasungsofen sollte Ende 2016 in Betrieb genommen werden und schon während der Bau- und Testphase gab es Probleme.

Nadeschda Kutepowa auf Facebook

Bei der Emission im September nun sei womöglich ein Filter undicht gewesen. Auf Facebook schreibt sie am 16. Oktober: "Genau am 25. und 26. September 2017 hat Majak neue Ausrüstungen getestet ..." Und weiter: "Vergesst nicht: Majak lügt gewöhnlich."

Was ist Ruthenium-106? Das radioaktive Isotop Ruthenium kommt nicht natürlich vor. Schon kleine Mengen in der Atmosphäre weisen daher auf einen Zwischenfall hin, beispielsweise bei der Wiederaufbereitung von Brennelementen. Der Stoff, der freigesetzt einerseits Krebs verursachen kann, wird andererseits in der Krebsmedizin eingesetzt, um Tumore zu bestrahlen. Auch wird Ruthenium in speziellen Batterien verwendet, die Satelliten und Raumsonden mit Strom versorgen.

Verseuchte Landschaft

Majak ist die einzige russische Wiederaufbereitungsanlage für abgebrannte nukleare Brennstoffe. Bis 1987 hat das auch als Chemiekombinat Majak bezeichnete Werk im Gebiet Tscheljabinsk Plutonium für das Atomwaffenprogramm der Sowjetunion produziert, sich danach auf die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen konzentriert. Außerdem werden seit mehr als zehn Jahren Brennelemente aus Forschungsreaktoren aufbereitet. Majak heißt übersetzt Leuchtturm und ist bereits seit 1948 in Betrieb. Majak hat eine tote Landschaft hinterlassen - durch den regulären Betrieb und durch insgesamt acht große Unfälle wurde die Umgebung radioaktiv verseucht; so wurden unter anderem flüssige radioaktive Abfälle in die nahegelegenen Gewässer entsorgt. Der vor den Türen von Majak gelegene Karatschai-See und der Fluss Techa gelten als die am stärksten verseuchten Gewässer der Welt.

Osteuropa

Der Karatschai - der tödlichste See der Welt

Karatschai Luftbild
Der Karatschai-See, im südlichen Ural gelegen und knapp 130.000 Quadratmeter groß, gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt: Wer sich mehr als eine Stunde an seinen Ufern aufhält, stirbt. Bereits wenige Minuten reichen aus, um eine lebensgefährliche Strahlendosis abzubekommen. Bildrechte: BING Maps
Karatschai Luftbild
Der Karatschai-See, im südlichen Ural gelegen und knapp 130.000 Quadratmeter groß, gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt: Wer sich mehr als eine Stunde an seinen Ufern aufhält, stirbt. Bereits wenige Minuten reichen aus, um eine lebensgefährliche Strahlendosis abzubekommen. Bildrechte: BING Maps
Radioaktiv verstrahlter Karatschai-See in Russland
Auf dem Karatschai-See scheint ein Fluch zu lasten: 1948 wurde an seinem Ufer eine Fabrik errichtet, die Plutonium für die sowjetische Atombombe herstellen sollte. Die hochradioaktiven Abfälle wurden einfach in den vor den Toren der Fabrik gelegenen See geleitet. Bildrechte: IMAGO
Tetscha-Fluss
Von dort flossen sie weiter in die Flüsse der Umgebung, etwa in den Tetscha-Fluss. Die Bauern tranken das Wasser des Flusses und fingen Fische. Bald erkrankten sie an für sie rätselhaften Krankheiten: Ihr Blut wurde weiß, es wuchsen Geschwüre in ihrem Körper und manchmal kamen Kinder mit zwei Köpfen oder ohne Gliedmaßen zur Welt. Viele Menschen starben. Bildrechte: dpa
Eine verfallene Haltestelle.
Die Plutonium-Produktion in der Fabrik "Majak" war streng geheim. Der gesamte Ort Osjorsk trug einen Tarnnamen (Tscheljabinsk-40) und war auf keiner Landkarte zu finden. In der geheimen Stadt am Ufer des Karatschai-Sees lebten und arbeiteten an die 20.000 Menschen. Heute ist die Stadt nicht mehr geheim, für Ausländer aber immer noch gesperrt. Bildrechte: dpa
Gedenken an die Opfer des Kyshtym Unglücks im ehemaligen Kernreaktor der Chemiefabrik Majak.
Am 29. September 1957 ereignete sich in dieser Fabrik ein Unglück: Ein Stahltank, gefüllt mit 80 Tonnen einer hoch radioaktiven Flüssigkeit, explodierte. (Auf dem Bild: Gedenkveranstaltung am Ort des Unglücks in der Fabrik "Majak".) Bildrechte: IMAGO
Warnhinweis vor Radioaktivität in Muslumovo
Die Detonation war noch in mehreren Hundert Kilometern sichtbar gewesen - der Himmel leuchtete bläulich. In sowjetischen Zeitungen stand später, es habe sich um Polarlichter und Wetterleuchten gehandelt. Die wahre Ursache wurde geheim gehalten. Im Westen erfuhr man nichts von der Katastrophe, bei der mehr Radioaktivität freisesetzt worden sein soll als bei der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl dreißig Jahre später. Ein Südwestwind trieb die Strahlung vom Westen weg. Der radioaktive Niederschlag verblieb im Ural, an der Tetscha und dem Karatschai-See. (Im Bild: Ein steinernes Dreieck, dass vor der Radioaktivität rund um den Karatschai-See warnt.) Bildrechte: dpa
Verfallene Häuser im Dorf Mitlino
Eine Woche nach der Katastrophe wurden etwa 1.000 Menschen umgesiedelt, die 25 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt wohnten. In den darauf folgenden Jahren mussten weitere 10.000 Menschen ihre Dörfer verlassen. Die Häuser wurden anschließend abgerissen, um die Menschen von einer späteren Rückkehr abzuhalten. Nur die Gotteshäuser ließ man stehen. Bildrechte: dpa
Der Friedhof von Muslumovo
Zehn Jahre später wurde der Karatschai-See Ausgangspunkt für eine nächste Tragödie. Der See trocknete in einem besonders heißen Sommer Mitte der 1960er-Jahre bis auf den Grund aus. Der Sommerwind wirbelten den radioaktiven Staub auf und verteilte ihn im Ural. Bildrechte: dpa
Eine Frau hängt vor einem Haus Wäsche auf eine Leine.
Mehr als eine halbe Million Menschen wurden einer Radioaktivität ausgesetzt, die so hoch gewesen sein soll, wie die nach dem Atombombenabwurf in Hiroshima. Natürlich erfuhren sie nichts davon. Noch heute leben die Menschen in dieser radioaktiv verseuchten Gegend. Bildrechte: dpa
Kyschtyn Denkmal
Die Explosion in Tscheljabinks-40 war in der UdSSR mehr als 30 Jahre lang ein streng gehütetes Staatsgeheimnis. Erst 1990 erfuhr die Öffentlichkeit von dem Unfall in der Plutoniumfabrik "Majak". Wie viele Menschen bei der Explosion selbst und an den Spätfolgen starben, ist nicht bekannt und wird wohl nie mehr herauszufinden sein. Bildrechte: IMAGO
Ein Mann steht neben einem LKW auf dem Radioaktiv verstrahlten Karatschai-See in Russland.
Der Karatschai-See, der sich nach und nach wieder mit Wasser füllte, galt als der gefährlichste Ort der Welt. In den 1990er-Jahren wurde damit begonnen, den See mit einer meterdicken Betonschicht zu verschließen. Bildrechte: IMAGO
Ein Mann mit Mundschutz
Die Arbeiter trugen Schutzkleidung und durften nur jeweils kurze Zeit am See arbeiten. Die Strahlung - tödlich. Bildrechte: IMAGO
Männer im Inneren eines gepanzerten LKW fahren über den radioaktiv verstrahlten Karatschai-See in Russland.
An den Kabinen der LKW waren Bleiplatten befestigt worden, die die Fahrer vor der tödlichen Strahlung schützen sollten. Bildrechte: IMAGO
Der radioaktiv verstrahlte Karatschai-See in Russland
Mittlerweile bröckelt die Betondecke und Wasser tritt hervor. Wissenschaftler befürchten, dass die Radioaktivität des Karatschai-Sees über das Grundwasser ins arktische Meer gelangen könnte. Bislang gibt es dazu aber keine Erkenntnisse. Die Radioaktivität im See wird jedenfalls noch einige Tausend Jahre anhalten. Und der See auch weiterhin als das tödlichste Gewässer der Welt gelten ...
(SL)
(Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV: 08.12.2010 | 21:45 Uhr)
Bildrechte: IMAGO
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Osteuropa

Verfallene Häuser im Dorf Mitlino
Eine Woche nach der Katastrophe wurden etwa 1.000 Menschen umgesiedelt, die 25 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt wohnten. In den darauf folgenden Jahren mussten weitere 10.000 Menschen ihre Dörfer verlassen. Die Häuser wurden anschließend abgerissen, um die Menschen von einer späteren Rückkehr abzuhalten. Nur die Gotteshäuser ließ man stehen. Bildrechte: dpa

NGO "Planet der Hoffnung" gilt in Russland als westlicher Agent

Selbst heute noch wird die Katastrophe von 1957 verschwiegen. Kutepowa nutzt soziale Netzwerke, um den Unfall und die bis heute andauernde Verschmutzung weltweit bekannt zu machen. 2015 wird Kutepowa schließlich der Industriespionage bezichtigt und muss Russland verlassen, ihre NGO wird als westlicher Agent verunglimpft. Von Paris aus verfolgt die 45-Jährige nun die Entwicklungen in Majak und stellt fest: "2005 und bis heute wird nuklearer Abfall in den Techa-Fluss entsorgt." Sie ist überzeugt, dass Majak bis heute nicht den internationalen Sicherheitsstandards entspricht.

Deutschland sagt Ende 2010 Rückführung von Rossendorfer Brennstäben nach Majak ab

Sicherheitsbedenken hatten im Dezember 2010 auch dazu geführt, dass der damalige Bundesumweltminister Norbert Röttgen es ablehnte, 951 Brennstäbe aus der Forschungsanlage Rossendorf bei Dresden zurück nach Russland und damit nach Majak zu überführen. Denn ein Gutachten der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit hatte eklatante Mängel und Risiken der russischen Anlage dargelegt. "Vorraussetzung für eine Rückführung wäre der Nachweis, dass die Brennelemente in der russischen Anlage schadlos verwertet werden", begründete Röttgen damals seine Entscheidung.

Europa misst im September erhöhte Ruthenium-Werte

Der aktuelle Fall der Ruthenium-Wolke über Teilen Europas wurde unter anderem durch Messungen des Bundesamtes für Strahlenschutz publik. Die Behörde ging in ihrer am 8. Oktober 2017 veröffentlichten Mitteilung davon aus, dass der südliche Ural als Ursprungsort für die in Mitteleuropa gemessenen erhöhten Ruthenium-Werte anzunehmen sei. Sie bestätigte damit Messungen des französischen Instituts für Atomsicherheit. Gefahr für die Bevökerung in Deutschland habe nicht bestanden.

Erst am 22. November bestätigte der russische Wetterdienst Rosgidromet überhöhte Ruthenium-106-Messungen in dem Gebiet. Die Verwaltung der Atomanlage teilte dagegen mit, Majak sei nicht der Ursprung der Strahlenwerte. Auch die staatliche Betreiberfirma Rosatom ließ wissen, dass es in keiner ihrer Anlagen einen Unfall gegeben habe.

Hätten sich Putin und Nasarbajew nach einem Atomunfall in Tscheljabinsk getroffen?

Putin Nasarbajew 9.11.2017 in Tscheljabinsk
Nasarbajew und Putin treffen sich am 9. November 2017 in Tscheljabinsk, 100 km von Majak entfernt Bildrechte: IMAGO

Auch andere Stimmen halten Majak nicht für den Ursprung: In der russischen unabhängigen Onlinezeitung "Newtimes" schreibt der Kernphysiker Dmitri Gortschakow, dass die gemessenen Ruthenium-Werte in den Dörfern von Argajasch und Nowogornij zwar das Tausendfache des gewöhnlichen Niveaus überschritten, "aber hunderte Male niedriger seien als die in Russland geltenden Grenzwerte". Am Ausgangspunkt der Emission müsse aber ein deutlich höherer Wert gemessen worden sein als jener, der vom Russischen Wetterdienst verbreitet wurde. Gortschakow führt noch ein Indiz an, das gegen Majak spricht: Am 9. November habe in Tscheljabinsk, 100 Kilometer von Majak entfernt, ein Treffen zwischen dem russischen Präsidenten Putin und dem kasachischen Präsidenten Nasarbajew stattgefunden. Hätte es einen so massiven atomaren Zwischenfall gegeben, so Gortschakow, hätten es die Geheimdienste gewusst und "dieses Treffen hätte dort nicht stattgefunden".

Rosatom lädt Journalisten nach Majak ein

Rosatom, Russlands staatliche Atomagentur und Betreiber u.a. von Majak, startete inzwischen in den sozialen Netzwerken eine Transparenz-Offensive. "Sind Sie Journalist, Blogger? Haben Sie von 'Ruthenium-Verschmutzungen und Regen' gehört? Sind Sie interessiert, wie alles begann?" Rosatom teilt mit, eine umfassende Aufklärungskampagne beginnen zu wollen und lädt zu einer "Tour nach Majak" ein. "Erfahren Sie alles über Rhutenium!" In den kommenden zehn Tagen soll die Tour nach Majak beginnen.

(Reuters/Newtimes/dh)

Über dieses Thema berichtet HEUTE IM OSTEN auch im TV bei: MDR Aktuell | 24.11.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. November 2017, 18:32 Uhr

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