Polen Krebskranker Politiker kämpfte für Legalisierung von Cannabis

Cannabis ist in Polen in allen Formen und Verabreichungen verboten. Der bekannte junge Politiker Tomasz Kalita, Jahrgang 1979, wollte dies ändern: Cannabis sollte als Medizin zugelassen werden. Kalita war selbst krebskrank und wusste, wovon er sprach, was er forderte. Für seine neue Mission rappelte er sich immer wieder auf und konnte das Thema ins Parlament hieven. Den Kampf gegen den Krebs verlor Kalita am 16. Januar 2017. Folgender Artikel gibt Kalitas Engagement im Jahr 2016 wider.

Tomasz Kalita 2 min
Bildrechte: Tomasz Kalita

"Es war wie ein Autounfall", sagt Tomasz Kalita, Jahrgang 1979. So plötzlich und unerwartet kam die Diagnose: Gehirntumor. Ende Mai 2016 ist er ohnmächtig geworden, kam ins Krankenhaus. Früher hatte er oft Kopfschmerzen, dachte es kommt von zu viel Stress und Arbeit. Jetzt ist die Diagnose ein halbes Jahr her und so vieles hat sich verändert. "Ein Kaffee oder ein Frühstück schmecken auf einmal viel besser. Ich genieße jeden Moment. Leider schätzen wir die kleinen Dinge erst, wenn wir dabei sind, sie zu verlieren." Der Tumor wurde herausoperiert. Jetzt unterzieht sich Kalita einer Chemotherapie, aber er rappelt sich doch auf, denn er hat ein Anliegen. Es ist wie eine Mission, bei der sein bekanntes Gesicht helfen kann. "Erst jetzt sehe ich, welch großen Einfluss die Politik auf das Leben von Menschen hat. Ich brauche viel Kraft, denn ich habe noch so einiges zu tun", sagt Kalita.

Kalita rechnet mit Legalisierung schon Anfang 2017

Seit Monaten setzt er sich für die Legalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken ein. Vor Kurzem hat er vor dem Sejm, dem polnischen Parlament, eine Demonstration organisiert, vor ein paar Tagen hat er sich mit dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda getroffen. Zum ersten Mal sieht er ein Licht im Tunnel. "Endlich zeigen Politiker Verständnis. Die Mehrheit der Konservative will dem Projekt zustimmen. Wenn alles gut läuft, könnte Cannabis zu medizinischen Zwecken schon Anfang 2017 legalisiert werden. Das wäre es ein riesiger Erfolg", erzählt er uns voller Hoffnung.

Momentan steht fest: Die Kommission für Gesundheit im Sejm wird sich mit dem Gesetzentwurf befassen, der vorschlägt, dass ein Patient die Möglichkeit haben sollte, selbst Cannabis anzubauen, wenn er die Erlaubnis dafür bekommt und es Teil seiner Therapie ist. Die Autoren dieses Entwurfs argumentieren, dass dadurch der behandelnde Arzt die Möglichkeit hätte, bei Patienten, bei denen die konventionelle Therapie nicht anschlägt, unkonventionelle Mittel aus Cannabis anzuwenden.

Kalita: Illegalität Zumutung für Kranke

In Polen gibt es seit Jahren eine heftige Diskussion über die Zulassung von Cannabis für verschiedene Therapien. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Patienten sich Mittel, die auf der Basis von Cannabis entstehen, aus dem Ausland holen oder zuschicken lassen. "Man muss sich da nicht wundern. Jemand, der den Tod vor Augen hat, wird alles ausprobieren um die Schmerzen zu mindern. Man sollte das Recht haben, selber zu entscheiden, welche Therapie man wählt", argumentiert Tomasz Kalita. Es geht um ein Öl, das aus Cannabis erzeugt wird. In Tschechien kann man es in Apotheken bekommen. "Wieso soll ich nach irgendwelchen illegalen Quellen in Polen suchen und mich strafbar machen, wenn man das alles auch legal machen könnte!", ist Kalita empört. Für Menschen, die krank sind, sei es eine Zumutung, ärgert er sich.

Im August ergriff der polnische Justizminister, Zbigniew Ziobro, das Wort in der Debatte. Er sage, er sei nicht grundsätzlich dagegen, aber man müsse vorsichtig sein, da Cannabis eine Droge sei, die "viel Schaden in den Köpfen besonders von jungen Menschen verursacht". Nach Angaben der Vereinigten Nationen raucht schon jeder vierte Jugendliche in Polen Cannabis.

"Zwei unterschiedliche Paar Schuhe", meint Tomasz Kalita, der die politische Diskussion wesentlich vorangetrieben hat.

Der polnische Staat zwingt mich dazu, dass ich mich wie ein Krimineller fühle. Er droht mir mit einer harten Strafe, wenn ich Cannabis zu medizinischen Zwecken benutze. Für jemanden, der sein Leben retten will, aber gleichzeitig nicht das Recht brechen möchte, ist das die Hölle.

Kranke keine Drogenkonsumenten

Junger Mann mit kurzen Haaren in dunkelblauem Mantel läuft auf regennasser Straße
Tomasz Kalita vor seiner Krebserkrankung Bildrechte: Tomasz Kalita

Tomasz Kalita war drei Jahre lang Pressesprecher des Bündnisses der Demokratischen Linken (SLD). Aus der Partei stammt auch der ehemalige polnische Präsident Aleksander Kwasniewski. Dass er jetzt Verständnis unter seinen politischen Gegnern, der regierenden PiS-Partei findet, freut ihn. Umso mehr ärgern ihn die Worte des polnischen stellvertretenden Gesundheitsministers Jaroslaw Pinkas, der sagte, Cannabis werde keinem helfen. "Herr Minister, reden Sie doch bitte mit denjenigen, die leiden und für die es eine Hoffnung sein könnte. Reden sie mit Müttern, deren Kinder an Epilepsie leiden. Wir wollen nicht in einen Topf geworfen werden mit denen, die Cannabis als Rauschmittel verwenden", reagierte Kalita auf Pinkas Äußerung.

Vor einigen Wochen hat Tomasz Kalita seine langjährige Freundin geheiratet, die jüngsten Untersuchungswerte geben Hoffnung. Was macht ihm am meisten Freude, fragen wir am Ende des Gesprächs:

Das Planen. Wenn ich weiß, heute gehen wir ins Kino oder morgen trinken wir einen Kaffee irgendwo draußen - das ist ein schönes Gefühl. Das ist Lebensgenuss. Man schätzt das erst, wenn man das verliert.

Nachtrag: Tomasz Kalita hat am 16. Januar 2017 seinen Kampf gegen den Krebs verloren. Sein Gesetzentwurf wurde im Februar 2017 abgelehnt. Unser Artikel gibt Kalitas Engagement im Jahr 2016 wider. Er wurde zuerst am 02.11.2016 veröffentlicht.