Nikita Petrow
Der russische Historiker Nikita Petrow Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stalinkult in Russland?

Bei einer Umfrage des russischen Lewada-Instituts kommt Stalin unter den Russen auf Platz 1 der herausragenden Persönlichkeiten aller Zeiten. Wie ist das zu bewerten? Ein Gespräch mit dem Historiker Nikita Petrow.

Nikita Petrow
Der russische Historiker Nikita Petrow Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was halten Sie von der Umfrage des Lewada-Zentrums, in der 38 Prozent der Befragten Stalin an erster Stelle der herausragenden Persönlichkeiten sehen?

Zunächst finde ich, dass die Frage nicht richtig gestellt war. Denn als herausragend kann man nicht nur positive Persönlichkeiten bezeichnen, sondern auch Bösewichte. Hier gibt es also eine gewisse Unkorrektheit. Eine Konkretisierung der Frage wäre wichtig. Was heißt eigentlich herausragend? Es gibt bei uns eine Serie, die schon zu Sowjetzeiten produziert wurde und bis heute in Russland erscheint: "Das Leben großartiger Menschen". Darin kommen auch Stalin und andere Mitglieder des Politbüros vor, die in keiner Weise großartig sind. Wenn also von herausragend die Rede ist, bedeutet das noch lange nichts Positives.

Auf der anderen Seite müssen wir aber auch klar feststellen, dass die staatliche Propaganda in letzter Zeit versucht, ein heroisierendes und strahlendes Bild von Stalin zu zeichnen. Ihn als großen Sieger im Krieg darzustellen. Diese Propaganda ist sehr aufdringlich und überall präsent.

Was sagt das über die Sicht der russischen Bevölkerung auf die Geschichte?

Vor allem die junge Generation, kennt nur die positive Sicht auf historische Ereignisse unter Stalin. In der Geschichte der Repressionen ist sie dagegen schwach. Also in der Geschichte jener monströsen Verletzungen von Menschenrechten sowie der massenhaften Verhaftungen und Erschießungen, die unter Stalin stattgefunden haben. Auch über den Preis des Sieges von 1945 machen sie sich keine Gedanken. Als nach einer Reihe schrecklicher Niederlagen in den ersten Kriegsjahren eine unglaubliche Anzahl sowjetischer Soldaten, unserer Bürger, gefallen sind. In diesem Sinne handelt es sich um eine Geschichtsvergessenheit in der Bevölkerung, während die Politik ständig versucht, Stalin als einen großen Staatsmann darzustellen.

Sie würden also nicht zu viel in eine solche Umfrage hineininterpretieren?

Die hier genannten Namen sind heute ständig in der Öffentlichkeit präsent, über sie wird sehr viel geredet. Und oft machen sich die Leute keine Gedanken darüber, ob der Mensch gut oder schlecht war, welche Spur er in der Geschichte hinterlassen hat. Es kann ja auch eine verbrecherische sein. Ich würde in diesem Fall nicht sagen, dass sich die Menschen groß Gedanken darüber gemacht haben, was den einen oder anderen konkret auszeichnet. Es gab ja auch andere Befragungen, in denen die Frage gestellt wurde, ob Stalin ein Verbrecher war oder nicht. Und da haben mehr als 40 Prozent gesagt: Ja, er war ein Verbrecher.

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HIO Umfrage Stalin 1 min
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Mi 28.06.2017 14:23Uhr 00:20 min

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Nikita Petrow Nikita Petrow ist stellvertretender Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation "Memorial" und beschäftigt sich als Historiker intensiv mit der Geschichte des stalinistischen Terrors.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Spur der Ahnen | 28.06.2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2017, 16:21 Uhr

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