Junge in Montenegro
Männlicher Nachwuchs ist der Traum fast jeder Familie in Montenegro. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wo Töchter nichts wert sind: Mädchenabtreibungen in Montenegro

Das kleine Montenegro hat ein großes Problem: Viele Männer auf dem Land finden keine Partnerin. Die Misere ist hausgemacht, denn in Montenegro sind Söhne mehr wert als Töchter. Weibliche Föten werden daher oft abgetrieben.

Junge in Montenegro
Männlicher Nachwuchs ist der Traum fast jeder Familie in Montenegro. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einen Stammhalter zu haben, ist in Montenegro das Ziel vieler Familien. Die Verzweiflung ist groß, wenn - beispielsweise - nach vier Töchtern die Hoffnung auf einen Sohn schwindet. Ceca Balać ist Frauenärztin in Montenegro und erinnert sich an eine Patientin, der es genau so erging. Die Frau wurde von ihrem Ehemann regelrecht erpresst.

Sie erzählte mir unter Tränen, dass ihr Mann ihr ein Ultimatum gestellt hat: Entweder bekommt sie jetzt einen Jungen oder er verlässt sie.

Frauenärztin Ceca Balać

Und das ist nur ein Beispiel von vielen aus dem Alltag in Montenegro, wo Männer traditionell als Beschützer, Ernährer und Stammhalter gelten - eine Art Lebensversicherung für die Eltern. Viele werdende Mütter entscheiden sich daher, das Geschlecht ihres Kindes frühzeitig bestimmen zu lassen.

Gefährliche Geschlechtstests

Frauenärztin Ceca Balac vor einem Ultraschallgerät in ihrer Praxis
Frauenärztin Ceca Balać hat häufig mit Frauen zu tun, der verzweifelt einen Jungen bekommen wollen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Früher wurde das Geschlecht eines ungeborenen Kindes durch eine Fruchtwasseruntersuchung bestimmt, bei der die Bauchdecke der Mutter punktiert wurde. Das sei kein gefährlicher Eingriff, wenn er gewissenhaft mit einem Ultraschallgerät durchgeführt werde, erklärt Holger Stepan, Professor für Geburtsmedizin an der Universitätsklinik Leipzig. Doch bei falscher Punktierung könne es ohne Ultraschall zu Verletzungen der Föten kommen.

Stepan kennt viele Kollegen in Montenegro und meint: "Montenegro ist kein Dritte-Welt-Land. Die Untersuchungs-Methoden dort sind auf europäischen Standard." Allerdings werden die Untersuchungen nicht immer so gewissenhaft durchgeführt. Denn oft sind es Privatkliniken oder andere nicht-offizielle Einrichtungen, die solche Prozeduren vornehmen.

Privatkliniken umgehen Gesetze

Viele Frauen suchen diese Kliniken bereits für die Untersuchungen vorsorglich auf, falls sich das Kind als Mädchen herausstellt. Denn auch in Montenegro ist das Abtreiben allein aufgrund des Geschlechts verboten. Viele Privatkliniken umgehen das Gesetz aber einfach und gefährden die Frauen bereits bei der Voruntersuchung. Häufig kommt es zu Verletzungen der Föten.

Video auf einem Laptop, das eine illegale Fruchtwasseruntersuchung in Montenegro zeigt
Verdeckt gefilmte Aufnahmen einer illegalen Fruchtwasseruntersuchung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieselben Kliniken würden auch die illegalen Abtreibungen vornehmen, erklärt Frauenärztin Ceca Balać. 1.500 solcher Eingriffe gibt es offiziell pro Jahr in Montenegro. Die Dunkelziffer liegt laut Balać jedoch deutlich höher. Sie schätzt, dass jährlich bis zu 20.000 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden, die Mehrzahl an weiblichen Föten.

Männerüberschuss nimmt zu

Mittlerweile gibt es in Montenegro auch einen Test namens "NIFTY", der die Geschlechtsbestimmung einfacher macht. Dabei wird aus dem Blut der Mutter das Genmaterial des Kindes gewonnen - schnell und ungefährlich. Das wird die Zahl der Abtreibungen weiter erhöhen, vermutet die Frauenärztin Ceca Balać.

Durch diese Entwicklung könne sich der Männerüberschuss in Montenegro noch weiter erhöhen. Normalerweise kommen auf 100 neugeborene Mädchen etwa 103 Jungen. Durch die seit Jahren verbreitete Abtreibunsgpraxis seien es in Montenegro hingegen 110, so Balać. In manchen Dörfern ist es für junge Männer jetzt schon schwer, eine Partnerin zu finden. Und trotzdem: Einmal gefunden soll sie dann natürlich unbedingt einen männlichen Stammhalter gebären.

Über dieses Thema berichtet AKTUELL MDR auch im: TV | 13.04.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. April 2018, 16:23 Uhr