Zwei Männer und eine Frau in traditioneller ukrainischer Tracht.
Maximilian aus Weimar (links), seine Mutter und der Gastbruder haben die gesamte Feierwoche mitgemacht, inklusive Trachten-Shooting im Park. Bildrechte: Maximilian Hertel

Max aus Weimar im Auslands-Schuljahr Frühlingsbeginn: Wie Ukrainer den Winter vertreiben

Überall auf der Welt wird die Vertreibung des Winters gefeiert. Besonders inbrünstig in der Ukraine, wo man dem Frühlingsbeginn gleich eine ganze Woche widmet. Der 15-jährige Maximilian aus Thüringen verbringt gerade ein Austauschjahr in der Ukraine und hat die Feierlichkeiten miterlebt.

Zwei Männer und eine Frau in traditioneller ukrainischer Tracht.
Maximilian aus Weimar (links), seine Mutter und der Gastbruder haben die gesamte Feierwoche mitgemacht, inklusive Trachten-Shooting im Park. Bildrechte: Maximilian Hertel

Wenn die Ukrainer eines können, dann ist es Feiern. Es ist auch ihre Lieblingsbeschäftigung und deswegen gibt es für die verschiedensten Anlässe eigene Feiertage. Oft sind diese Feiertage mit traditionellen Bräuchen verbunden. Kein Wunder also, dass das Vertreiben des bitter kalten ukrainischen Winters einen eigenen Feiertag hat – oder sollte ich besser sagen: eine Feierwoche! Denn genau das ist "Masleniza".

Worum geht es dabei genau? Natürlich um Essen und Trinken! Ursprünglich gab es, wie bei vielen anderen Völkern in vorchristlicher Zeit, ein normales Fest zum Frühlingsbeginn. Die orthodoxe Kirche hat dieses Fest dann aber in die Woche vor dem großen Osterfasten verlagert. Diese Festwoche heißt Masleniza und bedeutet übersetzt "Butterwoche". Traditionell wird in der noch nicht gefastet, aber es gilt zumindest ein Fleischverbot. Alles andere wird dafür reichlich gegessen. Vor allem Speisen mit Butter, Mehl, Milch und Eiern.

Essen, Feiern, essen

Brennnende Schneeflocke aus Holz
Zum Höhepunkt der Masleniza wird die Schneeflocke verbrannt und der Winter hat endgültig verloren. Bildrechte: Maximilian Hertel

Eine Woche lang wird dann gefeiert, dieses Jahr vom 4. bis zum 10. März. Jeder Tag hat dabei eine jeweils eigene Bedeutungen. Der Montag ist der Tag der Begrüßung und man bastelt eine Strohpuppe und eine hölzerne Schneeflocke, die am darauf folgenden Sonntag verbrannt wird. Der Dienstag ist Tag der Spiele. Früher gab es da Wettbewerbe, bei denen zum Beispiel allein stehende Männer gegeneinander antraten und schwere Holzklötze tragen mussten. Der Sieger bekam ein gutes Omen für die Liebe. Der Mittwoch ist Tag des Leckermäulchens. Es besuchen die Schwiegersöhne die Schwiegermütter zum Essen und am Freitag drehte sich der Spieß um, es ist dann Schwiegermutterabend.

Der Donnerstag gilt den jungen Ehepaaren, am Samstag besucht man die Verwandtschaft und der Sonntag, der letzte Tag vor dem großen Fasten, ist der Tag der Bitte um Vergebung. Wenn man sich trifft, sagt man sich gegenseitig: Bitte verzeih mir. Und am Sonntag werden dann zum Höhepunkt der Feierwoche öffentlich die Masleniza-Puppe und auch andere Wintersymbole verbrannt.

Junge mit Teller voller Eierkuchen.
Bliny - oder: der fettige Traum eines 15-jährigen. Bildrechte: Maximilian Hertel

Aber das allerwichtigste und beste an Masleniza ist: es werden jeden Tag überall Bliny, also dünne Eierkuchen, gebacken und und dann gegessen - und zwar gaaaaaaaaaanz viele. Das Rezept unserer Gastfamilie lautet: drei Liter Milch, zehn Eier, drei Kilo Mehl, ein Stück Butter und ein Liter Pflanzenöl. Meine Mitschüler haben mir auch erzählt, warum die Eierkuchen so wichtig sind. Sie sind das Symbol, oder sozusagen das Wahrzeichen dafür, dass man den harten Winter überstanden hat und ihn nun mithilfe der Sonne vertreibt. Denn die ist wie der Pfannkuchen rund und gelb.

Abschlussfest im Park

Zwei Männer und eine Frau in traditioneller ukrainischer Tracht.
Auch das Verkleiden gehört zur Masleniza. Bildrechte: Maximilian Hertel

Natürlich habe auch ich es mir nicht entgehen lassen, am Sonntag die Festlichkeiten im Park zu besuchen. Schon beim Ankommen merkte ich, wie besonders dieser Tag ist. Der sonst so ruhige und eher wenig besuchte Park war von einer riesigen Menge an Menschen eingenommen worden und überall gab es Musik und Essen. Und ein Blick auf den Fluss Dnjepr, der hier mehrere Kilometer breit ist und seit Monaten komplett zugefroren war, zeigte auch, dass der Winter nun endlich verloren hatte. Nur noch einzelne Eisschollen trieben den Fluss hinunter.

Je näher wir der Parkmitte kamen, desto lauter wurde es. Und auf einmal erblickte ich eine große Bühne mit verkleideten Moderatoren und Sängern, die gerade traditionelle Festlieder zum Besten gaben. Es gab aber auch viele andere Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Es gab Spiele für die Kinder, Verkaufsstände und man konnte sich in traditionellen ukranischen Trachten verkleiden.

Geschenke und brennende Schneeflocken

Mann mit freiem Oberkörper klettert einen Baum hoch.
Männlichkeitsrituale haben in der Ukraine noch eine hohen Stellenwert. Bildrechte: Maximilian Hertel

Kurz nachdem wir dies getan hatten, hörten wir plötzlich einen fast animalischen Schrei und ein junger Mann mit freiem Oberkörper kletterte einen Baumstamm ohne Rinde hoch. Ganz oben hingen Geschenke, die er so herunter holte. Natürlich war das wie eine Herausforderung für alle anderen anwesenden Männer und viele versuchten sich ebenfalls im Baumstammklettern. Je nach dem, ob einer oben ankam oder auch nicht, wurde er unten mit Jubel oder schallendem Gelächter empfangen.

Mann und Frau in traditioneller ukrainischer Tracht jonglieren mit brennenden Stäben.
Die Feuershow als Höhepunkt der Masleniza-Woche. Bildrechte: Maximilian Hertel

Wer es schaffte, ganz nach oben zu klettern, durfte sich einen Beutel abreißen und behalten. Es gab ganz verschiedene Preise. Von einer Ladung Würste bis zu Konzertkarten war alles dabei. Nach diesem Spektakel kam es zu einer Feuershow, die alles Vorherige übertraf. Zum Schluss begaben sich die Feuerkünstler zu dem neben der Bühne aufgebauten Symbol des Winters, einer hölzernen Schneeflocke. Mit einem lauten Countdown der Anwesenden zündeten sie die fast zwei Meter hohe Schneeflocke an. Voll von leckeren Eierkuchen war auch ich froh, meinen ersten ukrainischen Winter entdgültig überstanden zu haben.

Maximilian Hertel wurde am 8. August 2003 in Weimar geboren und besuchte bis zum Sommer die achte Klasse am Gymnasium. Seine Mutter ist Dolmetscherin für Russisch und Polnisch und gab zuletzt Deutschkurse für Flüchtlinge. Sein Vater stammt aus Priluki in der Zentralukraine. Maximilians Halbbruder Alexander Hertel ist redaktioneller Mitarbeiter und Reporter für MDR "Heute im Osten" und hat diesen Text redaktionell betreut.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: 22.02.2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 15:34 Uhr