Autos passieren am 27.05.2011 in Aachen die Grenze zur Bundesrepublik Deutschland.
Seit 2011 können Bürger aus vielen osteuropäischen Ländern ohne Arbeitserlaubnis in Deutschland arbeiten. Seitdem wächst die Zahl der Zuwanderer, auch in Sachsen. Bildrechte: dpa

Rumänen in Deutschland: keine Einwanderergruppe wächst schneller

Am Montag hat der sächsische Ausländerbeauftragte seinen Jahresbericht vorgestellt. Demnach ging die Zahl der Asylbewerber im vergangenen Jahr stark zurück. Dafür wandern immer mehr Osteuropäer ein, besonders Rumänen. Längst arbeiten die nicht mehr nur als Ernthelfer und Kellner, sondern werden gezielt als Fachkräfte angeworben, etwa im Gesundheitssektor. Bundesweit wächst keine Einwanderergruppe schneller.

Autos passieren am 27.05.2011 in Aachen die Grenze zur Bundesrepublik Deutschland.
Seit 2011 können Bürger aus vielen osteuropäischen Ländern ohne Arbeitserlaubnis in Deutschland arbeiten. Seitdem wächst die Zahl der Zuwanderer, auch in Sachsen. Bildrechte: dpa

Insgesamt lebten im Jahr 2017 laut Statistischem Landesamt 177.996 Ausländer im Freistaat. Das waren gut 6.000 Menschen mehr als im Vorjahr und entspricht einem Ausländeranteil von 4,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung Sachsens. Dabei ging die Zahl der Asylbewerber nach Angaben des Innenministeriums um fast ein Drittel auf 14.367 zurück. Gewachsen ist hingegen die Zahl der Einwanderer aus EU-Staaten: Statt 56.877 im Jahr 2016 waren es ein Jahr später 63.703.

Rumänen auf dem Vormarsch

Besonders viele Menschen wandern aus osteuropäischen EU-Ländern nach Sachsen ein. Den Spitzenplatz belegen Bürger mit polnischem Pass, deren Zahl um knapp 2.000 auf 15.828 wuchs. Den zweitgrößten Zuwachs verzeichnet die Gruppe von Bürgern rumänischer Herkunft, deren Zahl um gut 1.700 auf 8.876 stieg.

Damit setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort: Seit 2012 hat sich die Zahl der Rumänen in Sachsen vervierfacht. Bundesweit sind sie die am schnellsten wachsende Einwanderergruppe. Allein 2017 kamen 89.120 Menschen aus Rumänien hinzu.

Sachsen will osteuropäische Einwanderer

Der Trend ist ganz im Sinne der sächsischen Landesregierung. Anfang Juni forderte Ministerpräsident Michael Kretschmer in einen Interview mit der "Welt" mehr Zuwanderung aus Osteuropa: "Ich glaube, dass diese Menschen gut zu uns passen. Viele Menschen dort haben persönliche Beziehungen zu Deutschland, mancher spricht die Sprache. Das Bildungssystem ist ähnlich."

Deutsche Unternehmen suchen gezielt nach Arbeitskräften

"Für die meisten ist es eine klare Karriereentscheidung", sagt Raluca-Marielena Friztsch, die aus Bukarest stammt und in Berlin lebt und arbeitet: "In Deutschland verdienen sie das dreifache in dem gleichen Job. Viele sparen dann das Geld, um sich in Rumänien eine Zukunft aufzubauen. Sie pendeln oder gehen nach einigen Jahren zurück." Seit 2011 brauchen Rumänen dafür keine Arbeitserlaubnis mehr.

Dabei genießen die Rumänen bei Arbeitgebern einen guten Ruf, weiß Fritzsch zu berichten, die als ehrenamtliche Mitarbeiterin der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft (DRG) häufig von Unternehmen angesprochen wird, die Arbeitskräfte suchen: "Sie gelten als fleißig und genügsam. Besonders gefragt sind Arbeitnehmer aus Siebenbürgen, weil da viele bereits deutsch sprechen."

Besonders viele Rumänen in der Pflege

Lange seien Rumänen nur für gering qualifizierte Jobs gesucht worden, etwa als Erntehelfer und Angestellte in der Gastronomie, sagt Fritzsch. Doch auch das ändere sich. Besonders im Gesundheits- und Pflege-Sektor seien Rumänen gefragt.

"An der Uni Bukarest gibt es sogar eine 'deutsche Gruppe' für Medizinstudenten, die Kontakte vermittelt. Das geht soweit, dass die deutschen Vermittlungsagenturen schon wissen, wer jetzt im ersten Semester ist und in ein paar Jahren einen Abschluss hat", sagt die Politikwissenschaftlerin.

Rumänische Jugend wandert aus

Doch bereits jetzt zeigt sich in Ländern wie Rumänien die Kehrseite der hohen Anziehungskraft Deutschlands. "Das rumänische Gesundheitssystem leidet massiv unter der Abwanderung der gut ausgebildeten jungen Leute", sagt Gerhard Köpernick, der Präsident der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft.

"Eigentlich geht es Rumänien wirtschaftlich gut. Es hat eine der höchsten Wachstumsraten in Europa. Auch die Arbeitslosenquote ist niedriger als in Deutschland", sagt Köpernick. Jedoch führe die schwierige politische Lage dazu, dass viele Rumänen zumindest vorübergehend keine Zukunft in ihrer Heimat sehen.

Trend zum Bleiben und Einrichten

Nach der Integration in Deutschland sinke der Anreiz zurückzugehen, so Köpernick: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die nach drei Jahren mit einem deutschen Einkommen zurückgehen." Deutschland sei auch deshalb so attraktiv, weil die Integration für Rumänien relativ leicht sei. Neben den vielen Rumänen mit Deutschkenntnissen liege das an einer wachsenden "rumänischen Infrastruktur", sagt Raluca-Marielena Fritzsch. In Berlin gäbe es bereits einen rumänischen Laden und diverse Dienstleister: etwa Allgemeinärzte, Anwälte oder Steuerberater, die zweisprachig sind.

"Noch weiter sind Nürnberg oder Stuttgart, wo es sehr aktive lokale Gruppen gibt, die Kulturveranstaltungen und ähnliches organisieren", so Fritzsch. In Sachsen sei diese Struktur noch unterentwickelt, dürfte jedoch wachsen. Denn hält der Trend an, überholen die Rumänen bereits in diesem Jahr in der Ausländerstatistik die Italiener als Einwanderungsgruppe und belegen dann bundesweit den vierten Platz. Ein Jahr später könnte es dann bereits mehr Rumänen in Deutschland geben als syrische Flüchtlinge.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 22.06.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2018, 14:48 Uhr