Kerzen in Prag zum Gedenken an den ermordeten slowakischen Journalisten Jan Kuciak.
Auch im Nachbarland Tschechien reagieren die Menschen erschüttert. In Prag stellten Passanten Kerzen auf, um dem ermordeten slowakischen Journalisten Jan Kuciak zu gedenken. Bildrechte: IMAGO

Slowakei Nach Journalistenmord: Eine Million Euro Belohnung ausgesetzt

Der slowakische Journalist Jan Kuciak war vielen unangenehm: Er deckte mit seinem Recherchen dubiose Verbindungen von Unternehmern mit der slowakischen Regierungspartei Smer auf. Am Wochenende fand ihn die Polizei tot auf. Es ist der zweite Mordanschlag innerhalb weniger Monate in der EU an einem investigativ ermittelnden Journalisten.

Kerzen in Prag zum Gedenken an den ermordeten slowakischen Journalisten Jan Kuciak.
Auch im Nachbarland Tschechien reagieren die Menschen erschüttert. In Prag stellten Passanten Kerzen auf, um dem ermordeten slowakischen Journalisten Jan Kuciak zu gedenken. Bildrechte: IMAGO

Die slowakische Regierung hat zur Aufklärung des Mordes an dem investigativen Journalisten Jan Kuciak und dessen Lebensgefährtin eine Belohnung von einer Million Euro ausgesetzt. Premier Robert Fico sagte, alle Hinweise, die zur Festnahme des Täters führen könnten, seien äußerst wertvoll. Zugleich kündigte Fico die Bildung einer Sonderkommission an, die den Doppelmord aufklären solle.

Tot in Wohnung aufgefunden

Der 27-jährige Journalist Jan Kuciak war am 25. Februar 2018 mit seiner Freundin tot in seinem Haus im slowakischen Velka Maca aufgefunden worden. Polizeiangaben zufolge waren beide erschossen worden. Vom Täter fehlt bislang jede Spur. Unklar ist bislang auch, ob es einer oder mehrere Täter waren.

Polizei vermutet Zusammenhang mit Recherchen

Der slowakische Polizeipräsident Tibor Gaspar sprach von einem "beispiellosen Anschlag auf einen Journalisten, den sein Land noch nie erlebt hat". Das wahrscheinlichste Tatmotiv seien die investigativen Recherchen des Journalisten. Kuciak hatte mehrere komplizierte Fälle von Steuerbetrug aufgedeckt, die auf dem Internet-Nachrichtenportal "aktualne.sk" veröffentlicht worden waren, für das Kuciak seit 2015 arbeitete und das zum Verlag Ringier Axel Springer Slovakia gehört.

Vorwürfe gegen Regierungspartei Smer

Robert Fico Ministerpräsident der Slowakei nach der Parlamentswahl
Slowakischer Premier Robert Fico und gleichzeitiger Parteichef von Smer Bildrechte: dpa

Aus der Redaktion hieß es, Kuciak habe "viele einflussreiche Leute und Gauner" mit seinen Recherchen gestört. So berichtete der Journalist über dubiose Geschäftsbedingungen von Unternehmern mit der größten Regierungspartei, der sozialdemokratischen Smer, deren Parteichef der slowakische Premier Fico ist. In Verdacht geraten war dabei zuletzt sogar der Innenminister Robert Kalinak, der sämtliche Vorwürfe zurückwies. Kalinak hatte sich zuletzt über die Arbeit von investigativen Journalisten beschwert.

Ermittlungen zu einstigen Oberbürgermeister-Kandidaten

Im Visier der Recherchen des slowakischen Journalisten stand auch der Unternehmer und frühere Kandidat für das Oberbürgermeisteramt von Bratislava, Marian Kocner. Es ging dabei unter anderem um auffällige Überweisungen im Zusammenhang mit Luxusimmobilien.

Kuciak hatte sich zuletzt auf Facebook beschwert, dass er gegen Kocner Anzeige bei der Polizei gestellt hatte, weil er sich von ihm bedroht gefühlt habe. Die Beamten hätten jedoch nach sechs Wochen noch keinen Zuständigen benannt. Unternehmer Kocner erklärte hingegen, er habe dem Journalisten nicht gedroht, sondern nur rhetorisch gefragt, wie er sich fühlen würde, wenn er anfangen würde, dreckige Geschichten aus dem Leben seiner Familie an die Öffentlichkeit zu bringen.

Zuletzt Ermittlungen zu Mafia

Ein Journalistenkollege von Kuciak berichtete zuden, er habe mit ihm an einem Fall recherchiert, der höchstwahrscheinlich auch die kalabrische Mafia "Ndrangheta" betraf. Die beiden Journalisten seien dem Verdacht nachgegangen, dass die Mafia in einem Eurofonds-Betrug in der Ostslowakei mit verwickelt sei. In diesem Zusammenhang tauchten auch die Namen von Politikern der Regierungspartei Smer auf.  

Die slowakische Polizei kündigte an, die Wohnungen einiger ausgewählter Journalisten zu überwachen. Auch sollten sie mit einem Notruf-Gerät ausgestattet werden.

Reaktionen auf Mordanschlag

Der Mordanschlag auf den jungen Journalisten hatte europaweit für Empörung gesorgt. Der Präsident des Europäischen Parlaments, Antonio Tajani, schrieb auf Twitter, die EU könne nicht dulden, dass ein Journalist getötet werde, weil er seinen Job mache. Tajani rief die slowakischen Behörden zu gründlichen Ermittlungen auf – bei Bedarf mit internationaler Unterstützung.

Zweiter Anschlag innerhalb weniger Monate

Der Geschäftsführer von "Reporter ohne Grenzen", Christian Mihr, sagte, zum zweiten Mal innerhalb von fünf Monaten sei in einem Land der EU ein Journalist getötet worden. Im Oktober vorigen Jahres war in Malta die bekannte Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia bei einem Bombenanschlag getötet worden. Drei Männer stehen wegen der Tat derzeit unter Mordanklage vor Gericht. Wer die Hintermänner des Anschlags sind, ist bislang unklar.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Radio | 26.02.2017 | 11:30 Uhr

(baz/am/dpa)

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2018, 13:01 Uhr