Die bulgarische Journalistin Viktoria Marinova bei der Präsentation ihrer Sendung "Detektor".
Screenshot der Sendung "Detektor" vom 30. September, die die bulgarische Journalistin Viktoria Marinova moderierte. Bildrechte: Facebook/Detektor

Nach Journalistenmord in Bulgarien "Kriminelle Vereinigungen wollen uns kapern"

Die am Wochenende brutal ermordete bulgarische Journalistin Viktoria Marinova hatte vor wenigen Tagen in ihrer Sendung EU-Betrugsfälle in Millionenhöhe präsentiert. Die Enthüllungen stammen von einem bulgarisch-rumänischen Reporterteam, zu dem der Bukarester Journalist Attila Biro gehört. Wir haben mit ihm über seine Recherchen, den Mordfall Marinova und über Angst gesprochen.

Die bulgarische Journalistin Viktoria Marinova bei der Präsentation ihrer Sendung "Detektor".
Screenshot der Sendung "Detektor" vom 30. September, die die bulgarische Journalistin Viktoria Marinova moderierte. Bildrechte: Facebook/Detektor

Sie ermitteln seit Monaten zum Betrug von EU-Fördermitteln in Bulgarien und Rumänien. Die Rechercheergebnisse präsentierte die bulgarische Journalistin Viktoria Marinova in ihrer Sendung "Detektor". Was haben Sie gedacht, als Sie von der brutalen Ermordung Marinovs erfahren haben?

Ich war schockiert. Ich war gerade auf Recherchereise in Rumänien und habe umgehend die TVN-Kollegen Marinovas in Russe angerufen und gefragt, ob sie fürs erste in Bukarest unterkommen wollen. Den Kollegen ist der Schrecken in die Glieder gefahren, sie stehen unter Schock. Wir versuchen, ihnen nun zu helfen.

Glauben Sie, dass die Ermordung etwas mit Ihren Recherchen zu tun?

Ich kann hier nicht spekulieren, wir brauchen zumindest Indizien, besser noch Beweise. Aber ja, dass der Mord direkt nach unserem Auftritt in ihrer Sendung geschehen ist, lässt mich nachdenklich werden.

Was bislang geschah Die Leiche der Fernsehjournalistin Viktoria Marinova wurde am 6. Oktober in einem Park der bulgarischen Stadt Russe entdeckt. Die 30-Jährige war Chefin des Regionalsenders TVN. Vor kurzem begann sie dort, das politische Magazin "Detektor" zu moderieren. Am 30. September waren der bulgarische Journalist Dimitar Stoyanov (Bivol) und sein rumänischer Kollege Attila Biro zu Gast, die aber nicht von Marinova interviewt worden waren, sondern von einem anderen TVN-Kollegen. Marinova präsentierte die Sendung lediglich.

Sie arbeiten mit dem Investigativ-Journalisten Dimitar Stoyanov zusammen, der zuletzt in Bulgarien wegen seiner Recherchen immer wieder bedroht wurde. Was haben Sie konkret herausgefunden?

Wir haben ein gemeinsames Rechercheprojekt auf rumänischer und bulgarischer Seite. Die bulgarischen Kollegen haben dabei ein Netzwerk aufgedeckt, dass EU-Mittelbetrug in Millionenhöhe auf mehreren Ebenen betreibt. So gab es Berater, die Ausschreibungen manipulierten, um diese zu gewinnen. Auch gab es Unternehmen, die die Preise künstlich in die Höhe trieben, so dass auf dem Papier immense Kosten standen, die in Wirklichkeit deutlich niedriger ausfielen. Zudem haben die bulgarischen Kollegen Indizien gefunden, dass diese Firmen Schmiergeld zahlten, um an EU-finanzierte Verträge zu gelangen. Noch laufen hier die Ermittlungen, ein Gerichtsurteil in dieser Sache gibt es noch nicht.

Warum arbeiten Sie länderübergreifend?

Wir haben in anderen Fällen kriminelle Kooperationen zwischen den beiden Nachbarländern herausgefunden. So sind beispielsweise rumänische Firmen in Betrugsfälle verwickelt, die das EU-Geld mit Hilfe bulgarischer Firmen stehlen.

Sie hatten sich Mitte September mit ihrem bulgarischen Kollegen in Sofia getroffen. Warum?

Attila Biro
Der rumänische Investigativ-Journalist Attila Biro von RISE Project. Bildrechte: Attila Biro

Wir sollten auf einer Konferenz des Europäischen Amtes für Betrugsbekämpfung (OLAF) in Sofia dieses Betrugsnetzwerk vorstellen. Einen Tag später haben wir uns erneut an die Arbeit gemacht, als Dimitar Stoyanov den Hinweis erhielt, dass eine beteiligte Firma gerade Dokumente vernichten lasse. Da sind wir beide zu diesem Ort gefahren, um möglicherweise noch etwas von den Beweisen zu retten. Die Dokumente waren auf einem Feld rund 50 Kilometer entfernt von Sofia zerstört worden und als wir die Überreste sichten wollten, kamen aus dem Gestrüpp zwei Polizisten, die ihre Waffen auf uns richteten. Sie nahmen uns sieben Stunden lang in Gewahrsam, wir trugen Handschellen. Später rechtfertigten sie die missbräuchliche Festnahme damit, dass sie uns hätten identifizieren müssen.

Hat die Polizei auch diejenigen gestellt, die die Dokumente vernichteten?

Nein und die Beamten schienen auch nicht gerade interessiert, hier ernsthaft Ermittlungen zu führen. Sie sammelten die Beweisstücke ein, die verbrannt und teils geschreddert waren, und mischten sie völlig durcheinander. Sie gingen achtlos vor, und unternahmen wenig Anstrengungen. Wir versuchten, einen Teil zu retten und fanden dabei auch Dokumente, die direkt zu einem Betrugsfall gehörten.

Von der Organisation "Reporter ohne Grenzen" heißt es, das investigative Journalisten in Bulgarien "verschiedenen Form von Druck und Einschüchterung" ausgesetzt sind. Welche Einschüchterungsversuche haben Sie auf bulgarischer Seite erlebt?

Demonstranten der Organisation "Reporter ohne Grenzen"
Vertreter der Organisation "Reporter ohne Grenzen" stehen Anfang Februar 2014 vor der russischen Botschaft in Berlin. Bildrechte: dpa

Bislang begrenzten sich die auf unsere missbräuchliche Festnahme. Doch auch in Bukarest, wo wir auf rumänischer Seite unser investigatives Journalistenbüro haben, erleben wir stetig den Druck der Behörden.

In den vergangenen sechs Monaten wurde unsere Buchhaltung von der rumänischen Steuerbehörde ANAF durchsucht und geprüft. Die Anschuldigungen erwiesen sich als völlig falsch, sie fanden keinerlei Unstimmigkeiten in unseren Unterlagen. Sie wollten unser Netzwerk nur schikanieren.

Ranking der Pressefreiheit 2018 der Organisation "Reporter ohne Grenzen" belegt Bulgarien Platz 111 und ist damit Schlusslicht unter den EU-Staaten. Vor zwölf Jahren - 2006 - belegte das osteuropäische Land noch Rang 35. Rumänien nahm im diesjährigen Ranking Platz 44 von weltweit 180 Staaten ein.

Tauschen Sie sich mit ihren bulgarischen Kollegen über diese Einschüchterungsversuche aus?

Ein Mann sitzt in einem Café und blickt nach draußen.
Der bulgarische Investigativjournalist Dimitar Stoyanov recherchiert seit Jahren über korrupte Machenschaften. Bildrechte: MDR/Rebecca Nordin Mencke

Ja, natürlich. Die bulgarischen Kollegen der investigativen Plattform "Bivol" werden seit Jahren enorm behindert und wir sagen immer wieder ironisch zueinander, wir stünden im Wettbewerb, in welchem der beiden Länder es eigentlich schwieriger ist, als Journalist zu arbeiten und kriminelle Machenschaften aufzudecken. Der Druck auf der Journalisten ist in beiden Ländern ähnlich.

Wer steht in der Regel hinter diesen Einschüchterungsversuchen?      

Unsere Ermittlungen haben eindeutig gezeigt, dass in den meisten Betrugsfällen staatliche Funktionäre involviert sind. Andernfalls könnten viele der Veruntreuungen und Betrügereien gar nicht stattfinden. Unsere beiden Staaten stehen gefühlt immer wieder kurz davor, von kriminellen Vereinigungen gekapert zu werden, die enge Verbindungen zur Politik haben und die versuchen, sich alle staatlichen Institutionen unter den Nagel zu reißen. Sie wollen unsere Länder aus dem Kreis der funktionierenden Demokratien führen.

Die bulgarische Journalistin Viktoria Marinova war in der rund 150.000 Einwohner zählenden Stadt Russe Chefin des Regionalsenders TVN. Warum war Marinova ausgerechnet an Ihren Recherchen interessiert?

Die Nachricht von unserer Verhaftung hatte in Bulgarien für Schlagzeilen gesorgt. Es gab einige Tage danach sogar einen kleinen Protest in Sofia. Der Sender von Marinova wollte das Betrugsthema ganz einfach aufs Tapet bringen.

Warum vermuteten viele aber sofort, dass das Verbrechen berufliche Hintergünde haben könnte?

Weil es in jüngster Zeit vermehrt solche Mordfälle in EU-Ländern gab, wie an unserem Kollegen Jan Kuciak in der Slowakei, an der Journalistin Daphne Caruana Galizia in Malta oder an Journalisten, die Netzwerke organisierter Kriminalität aufdeckten.

Haben Sie jetzt Angst?

Wenn wir ängstlich wären, hätten wir uns den investigativen Bereich nicht ausgesucht. Wir arbeiten weiter wie bisher, auch wenn wir jetzt deutlich aufmerksamer sind. 

Das Auswärtige Amt, aber auch die EU-Kommission haben die bulgarischen Behörden aufgefordert, den Fall umfassend aufzuklären. Glauben Sie an gründliche Ermittlungen?

Ich habe nicht besonders viel Vertrauen in die Behörden. Doch ich werde als Journalist alles daran setzen, dass sich die polizeilichen Ermittlungen nicht in Luft auflösen.

(amü)

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 08.10.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2018, 18:19 Uhr

Mehr zum Thema