Der Historiker Piotr Osenka
"Hier wird das Leid einer Nation gewissermaßen als Ressource behandelt. Es gibt Nationen, die haben zum Beispiel Erdöl, andere Völker haben Industrie, und wir Polen haben unser wunderbares Leid!" - Piotr Osęka Bildrechte: Martin Saliger/MDR

Interview Historiker: "Die Polen sehen sich als größere Opfer als die Juden"

Durch das umstrittene "Holocaust-Gesetz" kam es in Polen jüngst zur einer Welle antisemitischen Hasses. Diese weist Parallelen zur jüngeren polnischen Geschichte auf, meint der Historiker Piotr Oseka.

Der Historiker Piotr Osenka
"Hier wird das Leid einer Nation gewissermaßen als Ressource behandelt. Es gibt Nationen, die haben zum Beispiel Erdöl, andere Völker haben Industrie, und wir Polen haben unser wunderbares Leid!" - Piotr Osęka Bildrechte: Martin Saliger/MDR

Anfang 1968 kam es im kommunistischen Polen zu einer staatlich organisierten Kampagne gegen die in Polen lebenden Juden. 50 Jahre später, zum Jahrestag der März-Ereignisse, befindet sich die polnische Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) in einem schweren Zerwürfnis mit Israel, ausgelöst durch das sogenannte Holocaust-Gesetz. Diese Auseinandersetzung hat in Polen eine antisemitischen Hasswelle ausgelöst. Der Historiker und Politikwissenschaftler Piotr Osęka sieht klare Parallelen zwischen der aktuellen Diskussionen und den Vorgängen des Jahres 1968.

"Antisemitische Kampagne" 1968 in Polen Den damals in Polen lebenden Juden wurde von Politik und Medien vorgeworfen, als Teil einer "zionistischen Fünften Kolonne" der Sowjetunion und der regierenden "Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei" feindlich gesinnt zu sein. Parteichef Władysław Gomułka bezeichnete die polnischen Juden als "Feinde des polnischen Volkes", was die antisemitische Stimmung im Land anheizte und Übergriffe nach sich zog. Im März 1968 wurden zahlreiche Juden aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, woraufhin etwa 12.000 von ihnen das Land verließen.

HEUTE IM OSTEN: Herr Osęka, Sie haben Artikel und Reden aus dem März 1968 mit dem verglichen, was rechte Publizisten in Polen in den vergangenen Tagen veröffentlicht haben. Was haben Sie dabei herausgefunden?

Piotr Osęka: Wenn man die Namen der kommunistischen Politiker und die Verweise auf den Sozialismus auslässt, hat man oft wirklich Mühe zu unterscheiden, aus welcher Zeit die Textpassagen stammen, weil sie sich so ähneln.

Vor allem sticht dieses Bedürfnis ins Auge, der Welt zu beweisen, dass das Leid der Polen im Krieg dem der Juden in nichts nachtsteht. Im Grunde genommen sei das Leid der Polen sogar höher einzuschätzen, weil sie während der Besatzung im Gegensatz zu den Juden enormes Heldentum an den Tag gelegt hätten.

Was soll mit diesem Narrativ erreicht werden?

Ein Teil der polnischen Medien führt gerade einen Kampf gegen einen imaginären Gegner. Sie bilden sich ein, dass es im Ausland eine gezielte Kampagne gegen Polens guten Ruf gäbe. Irgendjemand versuche da, die Verantwortung für die Konzentrationslager auf Polen abzuwälzen, indem er die deutsche Schuld kleinredet.

Es wird auch die Theorie lanciert, dass der Begriff "Nazi" deshalb ausgedacht wurde, um die Schuld der Deutschen als Nation zu verschleiern. So erscheinen nicht die Deutschen als die Schuldigen, sondern nur einige besonders böse Deutsche. Manche Journalisten behaupten, das sei eine gezielte Verschwörung, damit am Ende alle denken, die Konzentrationslager wären von den Polen errichtet worden.

Überhaupt dreht sich alles in einem gewissen Sinne um die Konzentrationslager. Erst vor kurzem hat jemand gefordert, die Leitung der Auschwitz-Gedenkstätte auszutauschen, weil sie Auschwitz zu sehr als einen Ort des Holocaust herausstelle, das polnische Leid angeblich vernachlässige und außerdem die deutsche Schuld nicht ausreichend in den Mittelpunkt stelle.

Etwas Ähnliches gab es während der antijüdischen Kampagne von 1968: Da wurden in der Presse Leserbriefe veröffentlicht - weiß Gott von wem sie in Wirklichkeit geschrieben wurden - die zum Beispiel die Schließung bestimmter Museen forderten, die nicht mit der "richtigen" Geschichtsvision konform waren.

Warum ähneln sich die Erzählmuster so stark?

Hier wird das Leid einer Nation gewissermaßen als Ressource behandelt. Es gibt Nationen, die haben zum Beispiel Erdöl, andere Völker haben Industrie, und wir Polen haben unser wunderbares Leid! Und wir lassen uns dieses Leid nicht von irgendwelchen Fremden wegnehmen oder kleinreden, denn das gehört zu uns genauso wie unser Staatsgebiet! Das sind die Gedanken, die dahinter stecken.

Ich sehe darin auch ein gewisses Bedürfnis, wenigstens auf einem Gebiet die Weltführung zu haben, eine Art "Wir sind wer". Polen ist weder wirtschaftlich eine Macht, noch hat es eine starke Armee, die den Nachbarn gefährlich werden könnte, auch kann es keinen übermäßig hohen Lebensstandard vorweisen - im Gegenteil: Die Polen wandern gerne nach Westeuropa aus und suchen dort eine bessere Existenz. Deshalb gibt es ein Bedürfnis, das irgendwie zu kompensieren. Und der Mythos vom Heldentum, Leid und der Unerschrockenheit der polnischen Nation liefert diesen Ausgleich.

In dieser Optik hat die polnische Geschichte nur eine einzige Version: nämlich die glorreiche. Wenn jemand damit nicht einverstanden ist und die polnische Geschichte anders erzählen will, dann ist er gleich ein Vaterlandsverräter, der im Auftrag fremder Mächte handelt. Auch das wurde im März 1968 den Juden vorgeworfen - dass sie im Interesse des Staates Israel handeln.

Später hat man dasselbe von der Solidarnosc-Bewegung behauptet - dass sie eine antipolnische Propaganda im Auftrag fremder Mächte betreibe. Wenn Lech Walesa gegen den Sozialismus war, war er automatisch auch gegen Polen. Und das macht die PiS-Partei jetzt genauso: Wer die PiS kritisiert, ist ein Verräter. Und da ich jetzt mit Ihnen, einem deutschen Medium, spreche, begehe ich nach dieser Logik Verrat an der polnischen Nation.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das sogenannte "Holocaust-Gesetz", dass es unter Strafe stellt, die deutschen Konzentrationslager als "polnische" zu bezeichnen?

Nach ihrer Ansicht (der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" - PiS) ist das nämlich nicht bloß eine fehlerhafte Verkürzung, sondern ein bewusster Trick, um Polen die Täterschaft am Holocaust zuzuschreiben und die deutsche Schuld auf die Polen zu übertragen. Die Formulierungen des Gesetzes sind aber so uneindeutig, dass sie zum Streit mit Israel geführt haben. Sie haben mit diesem Gesetz eine ungünstige internationale Großwetterlage erwischt.

Denn soweit ich das aus Gesprächen mit meinen Freunden aus Israel mitbekommen habe, regiert dort derzeit ebenfalls so eine "Art PiS". Damit stehen sich zwei nationalistische Gruppierungen gegenüber, die historische Vorgänge zur Staatsraison erklärt haben. Deshalb hat sich das zu einem richtigen internationalen Konflikt ausgewachsen, womit die PiS überhaupt nicht gerechnet hatte. Und jetzt versucht sie hysterisch, die Lage zu beruhigen.

Welche Folgen wird das für Polen haben?

Dieses Gewitter hat eine Büchse der Pandora geöffnet. Daher kommt die derzeitige Renaissance antisemitischer Sprüche, obwohl man natürlich nur schwer sagen kann, inwieweit das den Querschnitt der Gesellschaft abbildet. Man kann die Büchse der Pandora sehr schnell öffnen, aber die Übel, die daraus entwichen sind, lassen sich nicht so schnell wieder in die Büchse zurückdrängen. Das wird also länger dauern.

Hier verzahnen sich verschiedene Ansichten - die glorreiche Vision der polnischen Geschichte und die Überzeugung, dass für alles Schlechte auf der Welt die Juden verantwortlich seien. An sich waren solche Anschauungen in Polen schon immer präsent und der polnische Nationalismus war schon immer mit dem Antisemitismus verbunden. Aber bislang waren sie, wenn man so sagen darf, in einem Ghetto versteckt.

Wie es nun weitergeht, ist schwer vorherzusagen. Ich hoffe aber, dass all das wieder in diese Enklave zurückkehrt. Ich denke, es sind vielleicht 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung, die solche Ansichten mehr oder weniger vertreten. Um das aber sicher sagen zu können, bräuchte man neue soziologische Erhebungen und die gibt es noch nicht.

Fest steht derzeit, dass kräftig in die nationalistische Trommel geschlagen wird und so eine Art Kampf gegen die ganze Welt geführt wird. Ein Kampf um den guten Ruf Polens - unsere Mannschaft gegen den Rest der Welt. Das sind Emotionen wie beim Sport - und wir Polen mögen sportliche Emotionen.

Piotr Osęka Der polnische Historiker, Jahrgang 1973, promovierte 2005 an der Universität Warschau und ist Mitarbeiter am Politikwissenschaftlichen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau. Seine Forschungsschwerpunkte sind Neuere politische Geschichte Polens und totalitäre Propaganda.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 08.03.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2018, 17:58 Uhr