Volkswagen Poznan Polen: produktion VW Caddy
Bildrechte: IMAGO

Warum Polen massenweise deutsche Investoren anzieht

Politisch herrscht Eiszeit zwischen Polen und Deutschland, wirtschaftlich sieht das ganz anders aus. Denn gut ausgebildete Fachkräfte und EU-Fördmittel im Nachbarland ziehen Milliardeninvestitionen aus Deutschland an.

von Monika Sieradzka

Volkswagen Poznan Polen: produktion VW Caddy
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Seit 13 Jahren befragt die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (AHK) in Zusammenarbeit mit anderen Handelskammern ausländische Investoren nach ihren Plänen in Polen. Laut der aktuellen Umfrage rangiert Polen zum dritten Mal in Folge auf Platz zwei der beliebtesten Länder für ausländische Investoren. Nur Tschechien zieht noch mehr Kapital an. Am meisten investieren Unternehmen aus Deutschland.

Fachkräfte, Fördermittel und Wachstum locken

Als große Stärke Polens sehen sie die EU-Fördermittel, von denen das Land mehr als jedes andere in der Europäischen Union profitiert. Allein aus dem aktuellen EU-Haushalt, der seit 2014 und noch bis 2020 läuft, erhält das Land knapp 86 Milliarden Euro. Abzüglich eigener Beiträge bleibt ein Plus von 67 Milliarden Euro, wovon viel in Form von Zuschüssen in die Wirtschaftsförderung fließt.

AHK-Leiter Michael Kern
AHK-Leiter Michael Kern sieht eine Vielzahl an Faktoren daran beteiligt, dass Polen weiterhin für die Wirtschaft attraktiv ist. Bildrechte: MDR/AHK Polen

Auch die polnischen Fachkräfte werden geschätzt, insbesondere im aufstrebenden IT-Bereich, sagt AKH-Geschäftsführer Michael Kern: "Polnische Programmierer sind sehr gut im internationalen Vergleich. Darauf werden auch deutsche Firmen aufmerksam. Besonders mittelständische Unternehmen, die auf dem Weg in die Industrie 4.0 sind, arbeiten gerne mit polnischen IT-Unternehmen zusammen. Hier liegt das Potenzial der Zukunft."

Der ständige Ausbau der Infrastruktur, das gute Netz an Zulieferern für verschiedene Wirtschaftszweige und das seit Jahren anhaltende Wirtschaftswachstum sind weitere Anreize für ausländische Investoren. Das war bei dem Regierungswechsel in Polen 2015 nicht zwingend zu erwarten.

Regierung will mehr Investoren locken

Denn als die nationalkonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) an die Macht kam, waren viele Auslandsinvestoren beunruhigt. Die PiS-Regierung hat früh über so genannten Wirtschaftspatriotismus gesprochen und wollte ausländische Firmen einschränken. Doch seitdem im Dezember 2017 der ehemalige Bankchef Mateusz Morawiecki Premierminister wurde, hat sich das geändert.

Jetzt sind alle Investoren willkommen, erklärte Morawiecki mehrmals. Mit einer  so genannten Verfassung für Business will er noch mehr ausländische Firmen ins Land locken. Diese "Verfassung" ist ein Paket von Gesetzen, die im März vom Parlament verabschiedet wurden. Sie sollen unnötige Bürokratie beseitigen und sehen Steuervergünstigungen für Neugründungen vor.

Die politische Instabilität

Trotzdem bleiben die Investoren beunruhigt, zeigt der AHK-Bericht. Ähnlich wie 2016 und 2017 vergaben sie schlechte Noten für die politisch-gesellschaftliche Stabilität und die Vorhersehbarkeit der Wirtschaftspolitik. "Es herrscht eine gewisse Unsicherheit, weil man nicht weiß, welcher Schritt als nächster kommt. Die Sicherheit wiederherzustellen ist ein entscheidender Faktor für die wirtschaftliche Aktivität im Lande", sagt Michael Kern von der AKH.

Auch eine geplante Erhöhung der Sozialabgaben lasse viele Investoren zweifeln, weil diese Abgaben die Arbeitskosten steigern würde. Die niedrigen Kosten sind aber nach wie vor ein großer Standortvorteil im Vergleich zu Deutschland, da die Personalkosten im Schnitt etwa um ein Drittel niedriger sind.

Beispiel IT-Branche: Fähigkeiten und Motivation

Niedrigere Arbeitskosten und die hochmotivierten Fachkräfte sind auch entscheidend für Artur Mettel, der seit über 20 Jahren in Polen Geschäfte macht.

Portrait Artur Mettel
Unternehmer Artur Mettel setzt vor allem auf die motiverten Fachkräfte im Nachbarland. Bildrechte: MDR/Bergman Engineering

Der Unternehmer hatte Standorte in Schwanewede bei Bremen und in Breslau. Er verleiht polnische Ingenieure und IT-Spezialisten an deutsche Unternehmen. In Breslau hat er eine "Test Army", eine Gruppe von Programmierern, die die Sicherheit der IT-Systeme deutscher Firmen testet. Seine "guten Hacker" nennt Mettel sie: "Sie haben Energie, Motivation und Kreativität, die ich in Deutschland nicht finden würde."

Unterschiede in der Arbeitsmentalität

Unternehmer Mettel ist selbst in Polen aufgewachsen und erst mit 17 mit seinen Eltern nach Deutschland übergesiedelt. Deshalb ist ihm die polnische Arbeitsmentalität, die sich in mancher Hinsicht von der deutschen unterscheidet, nicht fremd. Einerseits seien die Polen kreativ, flexibel und würden in den schwierigsten Lagen Lösungen finden, meint er: "Je schwieriger das Problem, desto mehr fühlen sich meine guten Hacker herausgefordert. Das mögen sie".

Mettel spricht auch von einem "kreativen Hunger", der sich positiv auf die Arbeitsergebnisse auswirkt. Andererseits legten die Polen wenig Wert auf langfristiges Planen und Deadlines, was für viele Deutsche nicht akzeptabel sei. "Will man etwas zu einer bestimmten Deadline bekommen, muss man den Polen die Frist am besten zwei Wochen früher setzen", so Mettel.

Regierung schürt Vorbehalte gegen Deutsche

Mettel ist überrascht, dass es in Polen immer noch starke Stereotype von Deutschen gibt, die seiner Meinung nach besonders von den Regierenden geschürt würden. "Der Deutsche kann nicht lachen, ist langweilig und seine Vorfahren waren Faschisten", das ist laut Mettel die Vorstellung vieler Polen. Meistens derjenigen, die mit Deutschland nichts zu tun haben.

Artur Mettel denkt aber trotzdem nicht daran, seine Aktivitäten in Polen einzuschränken. Laut der aktuellen AHK-Studie ist er damit nicht allein. Auch 90 Prozent der anderen befragten deutschen Unternehmer würden erneut in Polen investieren.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 04.07.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. April 2018, 12:30 Uhr