Bücherstapel
Bücher sind auch in der Ukraine gefragt. Und die meisten wurden bislang aus Russland importiert. Doch durch ein neues Gesetz ist das mittlerweile illegal. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

Ukraine Renaissance der Buchpiraten

Seit Anfang des Jahres werden keine Bücher aus Russland mehr in die Ukraine eingeführt. Davon profitieren vor allem die illegalen Händler eines legendären Büchermarktes in Kiew, der gerade seine Wiedergeburt erlebt.

von Denis Trubetskoy

Bücherstapel
Bücher sind auch in der Ukraine gefragt. Und die meisten wurden bislang aus Russland importiert. Doch durch ein neues Gesetz ist das mittlerweile illegal. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

In weiten Teilen der Ukraine wird im Alltag sowohl Ukrainisch als auch Russisch gesprochen. Deshalb wurden in der Vergangenheit auch viele Bücher aus Russland importiert. Moskau gilt als eines der wichtigsten Literaturzentren der Welt. Dort werden auch die meisten ausländischen Bücher viel schneller als in der Ukraine übersetzt. Außerdem ist die Auswahl in Russland deutlich größer. Deswegen ist die ukrainische Nachfrage nach dort herausgegebenen Bücher selbst nach der russischen Annexion der Krim, sowie dem anhaltenden Krieg im Donbass enorm.

Büchergesetz wird zur Lex Rossija

Am 1. Januar trat allerdings ein Gesetz in Kraft, das die legale Einfuhr russischer Bücher zum Erliegen brachte. In der Theorie sollte sich die neue Importregelung gar nicht besonders auf Russland beziehen. Eine Sonderkommission des Staatlichen Komitees für Fernsehen und Radio sollte lediglich den Inhalt importierter Bücher auf schwammig definierte "antiukrainische Rhetorik" überprüfen und dann die Einfuhrerlaubnis erteilen. Das Problem: Dem Staat ist es bis Ende April weder gelungen, die Kommission zu ernennen noch die tatsächlichen Einfuhrregeln zu erarbeiten.

Büchermangel durch Übergangsregelung

Und so ist die Ukraine in eine skurrile Situation geraten. Es gilt das neue Gesetz, nur weiß niemand, wie man es einhalten soll. Kiew hat daher erst einmal eine Übergangsregelung erlassen: bis auf Weiteres ist die Einfuhr aller Bücher aus Russland untersagt – unabhängig davon, ob sie tatsächlich antiukrainisch sind. Offensichtlich vermutet die Regierung in Büchern aus dem Nachbarland zumindest die größte Gefahr für die patriotische Gesinnung der ukranischen Leser. Seitdem wächst der Mangel in den ukrainischen Buchhandlungen. Doch wie so oft in solchen Situationen proftieren auch Leute massiv davon.

Menschen flanieren über den Petriwka
Der Petriwka-Buchmarkt in Kiew ist legendär. Auch, weil es hier allerhand verbotene Bücher gibt. Zwischendurch fast vergessen, zieht er wieder mehr und mehr Kiewer an. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

Markt mit zweifelhaftem Weltruf

Das Kiewer Industriegebiet Petriwka ist Teil des zentralen Prestigebezirks Podil. Seit 1997 befindet sich gleich am Ausgang der gleichnamigen U-Bahn-Haltestelle der größte Buchmarkt in der ukrainischen Hauptstadt, einer der bekanntesten im gesamten postsowjetischen Raum. Petriwka ist ein Ort, an dem sich so ziemlich alles finden lässt, was zwischen zwei Buchdeckel passt – sowohl legales als auch illegales. Vor sechs Jahren erwähnte sogar das US-Handelsministerium den Kiewer Markt in seiner Liste der 17 wichtigsten Piratenmärkte weltweit, die der Einhaltung von Urheberrechten schaden.

Hohe Nachfrage nach russischen Büchern

Seine glorreichen Zeiten erlebte Petriwka Anfang der Nullerjahre. Damals gab es lange Besucherschlangen, die sich vor allem am Wochenende durch die 63 Reihen des Marktes zogen. Doch davon war zuletzt kaum etwas übrig. Bis dieses Jahr: Zwar kann Petriwka im digitalen Zeitalter nicht an alte Besucherrekorde anknüpfen, die Nachfrage ist trotzdem deutlich gestiegen. Nicht zuletzt wegen der Bücher aus Russland, wie der 53-jähriger Verkäufer Mychajlo erzählt: "Die neuen Bücher findet man in offiziellen Buchhandlungen nicht – nur das, was bereits im letzten Jahr importiert wurde. Daher sind die Leute auf uns angewiesen."

Buchtourismus als Geschäftsmodell

Mychajlo möchte nicht fotografiert werden, erzählt aber offen, wie der Import russischer Bücher in der Praxis funktioniert: "Ganz einfach. Es ist nicht verboten, bis zu zehn Bücher privat über die Grenze transportieren. In diesem Umfang guckt kein Zollbeamter so richtig rein", sagt er: "Daher haben wir mehrere Leute, die jede oder jede zweite Woche nach Russland fahren, um dort die Bücher einzukaufen. Die bringen sie dann hierher." Wegen des großen Aufwands sind auch die Preise deutlich gestiegen: Meist kosten die russischen Bücher dreimal mehr als üblich.

Verkaufsreihe des Petriwka
Seitdem in der Ukraine die neuen Importgesetze erlassen wurden, nimmt die Nachfrage nach russischen Büchern rasant zu. Manche Buchhändler in Petriwka haben bereits "Aufträge" für zwei Monate im Voraus. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

Händler treiben Preise hoch

An einem anderen Stand gibt Verkäuferin Alla zu: "Viele nutzen die aktuelle Lage, um auch die Preise für ältere russische Bücher zu erhöhen. Nur ein Teil der Käufer hat wirklich Ahnung, was tatsächlich passiert ist." Für viele reiche die Antwort "das Buch ist doch aus Russland", wenn sie nach dem hohen Preis fragen. "Deswegen kann der Preis für ein und dasselbe Buch an verschiedenen Ecken des Marktes völlig unterschiedlich sein", meint Alla.

Die neuen Bücher werden in Petriwka in erster Linie auf Bestellung verkauft: "Dafür hinterlässt der Kunde manchmal ein kleines Pfand, wenn er sicher sein möchte und in zwei bis drei Wochen ist es meist da." Weil die Nachfrage jedoch groß ist, nehmen viele Verkäufer mittlerweile keine Bestellungen mehr an. "Die sind eh für zwei Monate im Voraus ausgebucht", meint Alla.

Vorsicht bei den Händlern

Bücherstapel
Unter den illegalen Werken finden sich auch ältere ukrainische Bücher. Etwa ein Buch des 2014 aus dem Land geflohenen Ex-Präsidenten Wiktor Janukowytsch. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

Für derlei Handel sind im neuen Gesetz eigentlich Strafen vorgeschrieben. Auch die illegalen Bücher sollen von den Behörden aus dem Verkehr gezogen werden. Ob dies auch tatsächlich passiert? "Bisher sind mir keine Fälle bekannt", sagt Verkäufer Mychajlo und fügt hinzu: "Wir versuchen aber natürlich, aufmerksam und vorsichtig zu sein. Das mussten wir allerdings schon immer." Seit Ende April gibt es nun eine offizielle Regelung für die Einfuhr, doch die ist kompliziert.

Kompliziertes Importverfahren

Die importierenden Unternehmen müssen nun zum jeweiligen Buch eine Rezension vorlegen, die nur akademische Experten schreiben dürfen. Hat das Staatliche Komitee für Fernsehen und Radio dann noch Zweifel an der Zulässigkeit des Buches, muss es dort von einer Expertenkommission diskutiert werden. Im Normalfall soll die ganze Prozedur zehn Werktage dauern, ohne Expertenkommission natürlich. Schließlich müssten deren Mitglieder das Buch dann zumindest in der Theorie auch lesen.

Ob die Renaissance des Büchermarktes Petriwka dadurch gefährdet ist? "Von wegen", glaubt Mychajlo: "Diese bürokratische Prozedur kann ewig dauern und sie bringt keine Sicherheit. Das wird unsere Position auf Dauer eher festigen."

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 17.03.2017 | 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2017, 17:40 Uhr