Chemie-Unfall auf der Krim: Atemnot und saurer Regen

Wegen eines Chemie-Unfalls im Titanwerk "Krymskij Titan" in Armjansk werden derzeit alle Kinder aus der Krim-Stadt evakuiert. Als Auslöser für das Unglück gilt die Schließung des Nord-Krim-Kanals durch die Ukraine 2014.

von Denis Trubetskoy

Krim Armjansk Chemieunfall
Vor allem Kinder leiden unter der vergifteten Luft in Armjansk. Bildrechte: IMAGO

Bereits letzte Woche hatten die Menschen in der 22.000-Einwohner-Stadt Armjansk rostrote, ölige Ablagerungen bemerkt, die sich auf Straßen und in Wohnungen sammelten. Es roch merkwürdig in der Stadt, schließlich mussten sich viele Kinder und Erwachsene beim Arzt melden, weil sie unter Husten und allergischen Reaktionen litten. Zahlreiche Bewohner verließen die Stadt oder schlossen sich in ihren Wohnungen ein. Die örtlichen Behörden spielten unterdessen auf Zeit. Es gebe keine Probleme, hieß es noch letzte Woche.

In den ersten Septembertagen kam eine Untersuchungskommission nun zum Schluss, dass hinter den giftigen Ausdünstungen eine ausgetrocknete Abraumgrube des Chemiewerkes steckt. In der Hitze der letzten Augusttage war das Wasser verdunstet, außerdem hatte "Krymskij Titan" die Grube offenbar überfüllt. Am 4. September wurde der Betrieb für zwei Wochen unterbrochen.

Osteuropa

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Am Morgen des 25. August stellten die Einwohner der Stadt Armjansk im Norden der Krim merkwürdige Veränderungen fest. Haushaltsgeräte aus Metall, wie dieser Wasserkocher, liefen plötzlich rostbraun an. Bildrechte: Facebook-Account Alexej Sidorenko
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Am Morgen des 25. August stellten die Einwohner der Stadt Armjansk im Norden der Krim merkwürdige Veränderungen fest. Haushaltsgeräte aus Metall, wie dieser Wasserkocher, liefen plötzlich rostbraun an. Bildrechte: Facebook-Account Alexej Sidorenko
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Auf alle Oberflächen legte sich ein dunkler, schmieriger Film, wie User in den sozialen Netzwerken berichteten. Pflanzen wurden plötzlich welk. Bildrechte: Twitter-Account RoksolanaToday&Крым
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Auf Facebook, Twitter und Co. finden sich dutzende Berichte darüber, dass es säuerlich gerochen habe in Armjansk. Menschen hatten Atemprobleme, bekamen Hautausschläge und Kopfschmerzen. Den Apotheken der Stadt gingen die Atemmasken aus, wie dieses Bild zeigt.  Bildrechte: Facebook-Account Alexandr Talipov
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Viele fragten sich, was mit ihrer Stadt geschieht, und hatten schnell das örtliche Chemiewerk "Titan" im Verdacht, das Titandioxid herstellt. Doch die Verantwortlichen dort bestritten, dass es im Werk Unregelmäßigkeiten gegeben habe. "Titan" trage keine Verantwortung dafür, dass etwa Spielplätze über Nacht verrosteten…  Bildrechte: Facebook-Account Alexandr Jurew
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… oder Autoteile eine Art Patina ansetzten und…  Bildrechte: Facebook-Account Elena Lysenko
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… sich grün verfärbten. Experten sehen das jedoch als Hinweis dafür, dass sich Schwefelsäure in der Luft befindet. Allerdings habe eine Experten-Kommission der Regierung nur leicht erhöhte Werte in der Luft feststellen können, sagte Sergej Aksjonow, Regierungschef der Republik Krim. Bildrechte: Twitter-Account RoksolanaToday&Крым
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Vor wenigen Tagen ordnete Aksjonow trotzdem die Evakuierung der 22.000-Einwohner-Stadt an. Laut Medienberichten haben mittlerweile rund 8.000 Kinder und Frauen die Stadt mit Bussen verlassen und halten sich in Kurorten im Süden der Krim auf. Bildrechte: Facebook-Account Alexej Sidorenko
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Aksjonow betonte, die Evakuierung sei eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen und sage nichts über eine reale Bedrohung in der Stadt aus. Viele User kritisieren, dass die Verantwortlichen nur scheibchenweise mit der Wahrheit rausrücken und den Vorfall herunterspielen. Bildrechte: Instagram-Account Aleksandra Prokofeva
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Bei einigen Usern hat bereits Galgenhumor eingesetzt, wie diese Szene von einer "Armjansker Hochzeit" zeigt. (Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: 07.09.2018 | 17:45 Uhr.) Bildrechte: Facebook-Account Alexej Sidorenko
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Leidet die Krim unter Wassernot?

Auslöser für den Chemieunfall ist offenbar Wassernot. Denn seit April 2014, kurz nach der Annexion der Krim durch Russland, blockiert die Ukraine den Nord-Krim-Kanal. Er versorgte die Halbinsel früher mit Wasser, auch "Krymskij Titan" profitierte davon. Zwar beteuert die Krim-Regierung, man habe ausreichend Wasser. Doch der Chemieunfall spricht gegen diese Behauptung. Sergej Aksjonow, Regierungschef der Republik Krim, versucht unterdessen, die Panik der Bevölkerung in Grenzen zu halten. "Für einen Ausnahmezustand gibt es keinerlei Gründe." Die Gesundheit der Bürger sei nicht in Gefahr, betont er.

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Der Regierungschef der Krim, Sergej Aksjonow, versucht die Bürger von Armjansk zu beschwichtigen. Bildrechte: IMAGO

Viele Menschen flüchten

An Aksjonows Beschwichtigungen existieren jedoch berechtigte Zweifel. Denn der Unterricht an den Schulen und Kindergärten von Armjansk ist nicht nur für zwei Wochen unterbrochen worden, derzeit bringt man auch alle Kinder aus der Stadt. Sie werden auf Staats-Kosten in unterschiedlichen Sanatorien untergebracht. Rund 8.000 Menschen sollen in den vergangenen Tagen Armjansk bereits verlassen haben. "Die Stadt ist derzeit einfach leer. Nur sehr wenige Menschen sind noch in Armjansk geblieben", berichtet dem MDR ein Journalist, der vor Ort recherchiert hat.

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Immer mehr Einwohner verlassen Armjansk. Bildrechte: IMAGO

Das Titanwerk fiel schon früher auf

Bereits im Januar 2018 hatte das offizielle Kiew auf die Arbeit von "Krymskij Titan" aufmerksam gemacht: Das sogenannte Ministerium für zwischenzeitlich okkupierte Gebiete sprach von ökologischer Gefahr nicht nur die Krim selbst, sondern auch für die grenzende ukrainische Region Cherson. Aber auch auf der Halbinsel stand das Unternehmen bereits in Kritik: Im April 2018 musste das Mutterunternehmen von "Krymskij Titan" einem Urteil des Stadtgerichts Armjansk zufolge drei Millionen Rubel, umgerechnet 36.000 Euro, wegen Umweltschäden bezahlen. Interessanterweise gehört das Titanwerk trotz der Krim-Annexion weiterhin dem ukrainischen Oligarchen Dmytro Firtasch, der sich derzeit in Wien aufhält und dem von den USA und Spanien Geldwäsche unter anderem durch Immobiliengeschäfte vorgeworfen wird.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Während Russland und die Krim die Ukraine wegen der Schließung des Nord-Krim-Kanals kritisieren, schimpft die Ukraine über die "unprofessionelle Regierung der Krim". "Wir sind extrem besorgt, dass kein Ausnahmezustand erklärt wurde und dass die Erwachsenen nicht evakuiert werden", heißt es aus dem Büro der ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten, die die ukrainische Exil-Staatsanwaltschaft der Krim auffordert, ein Strafverfahren gegen die aktuelle Krim-Führung zu eröffnen. Außerdem habe die Ukraine alle internationalen Organisationen über den Vorfall ausführlich informiert. Und der verdächtige Rauch von "Krymskij Titan" war auch am gestrigen Mittwoch deutlich zu sehen.

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Doswidanja, Armjansk ... Bildrechte: IMAGO

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 07.09.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2018, 16:38 Uhr

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