Blaues Warnschild am Newski Prospekt in St. Petersburg aus dem Zweiten Weltkrieg. Es informierte die Menschen, dass diese Straßenseite bei Artilleriebeschuss besonders gefährlich war.
Leningrad lag während der Blockade regelmäßig unter Beschuss. Diese blauen Schilder, wie hier noch am bekannten Newski Prospekt erhalten geblieben, waren in vielen Teilen der Stadt angebracht. Darauf steht, dass die Straßenseite bei Artilleriebeschus besonders gefährlich ist. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Erinnerung an die Blockade von Leningrad "Ich hatte Angst, aber noch mehr hatte ich Hunger"

Mehr als 300 Kanonen sollen jeweils 24 Mal abgefeuert werden - das hat die Stadtverwaltung von Sankt Petersburg angeordnet, um diesen Tag zu feiern: Am 27. Januar, vor genau 74 Jahren, wurde Leningrad - wie Russlands zweitgrößte Stadt inzwischen wieder heißt - endgültig aus der Umzingelung durch Hitlers Truppen befreit.

von Maxim Kireev

Blaues Warnschild am Newski Prospekt in St. Petersburg aus dem Zweiten Weltkrieg. Es informierte die Menschen, dass diese Straßenseite bei Artilleriebeschuss besonders gefährlich war.
Leningrad lag während der Blockade regelmäßig unter Beschuss. Diese blauen Schilder, wie hier noch am bekannten Newski Prospekt erhalten geblieben, waren in vielen Teilen der Stadt angebracht. Darauf steht, dass die Straßenseite bei Artilleriebeschus besonders gefährlich ist. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Hitlers Generäle hatten geplant, die Stadt auszuhungern, um einen Häuserkampf zu vermeiden. Mit der Standhaftigkeit der Leningrader hatten sie allerdings nicht gerechnet. Fast drei Jahre musste die Millionenstadt ausharren, über Monate sogar komplett abgeschnitten vom Rest des Landes. Die Blockade von Leningrad, wie die Operation heute in Russland heißt, war eine der blutigsten und härtesten Episoden im Zweiten Weltkrieg. Nach neuesten Schätzungen starben mehr als eine Millionen Leningrader, die meisten durch Hunger und Krankheiten, aber auch durch ständigen Beschuss von der Frontlinie vor den Toren der Stadt.

Ein Fest ohne Fahnenmeere und Marschmusik

Ewiges Feuer auf dem Piskarjowskoje-Friedhof in St. Petersburg erinnert an die zahlreichen Opfer der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg.
Das Ewige Feuer auf dem Piskarjowskoje-Friedhof. Hier liegen eine halbe Million Leningrader, die die Blockade nicht überlebt haben. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Vor zwei Jahren wurde die Tradition, das Datum mit einem kleinen Feuerwerk zu begehen, wiederbelebt. Nicht ungewöhnlich, schließlich werden auch andere wichtige Meilensteine im Krieg mit Hitlerdeutschland immer pompöser gefeiert. Das gilt vor allem für die Siegesfeier am 9. Mai. Und dennoch sticht der 27. Januar heraus. Es ist ein Fest, das ohne Fahnenmeere, laute Reden der Regierenden und ohne öffentliche Konzerte mit nostalgischer Marschmusik auskommt. Stattdessen ist die Kranzniederlegung auf dem Piskarjowskoe-Friedhof, wo fast eine halbe Million Opfer der Blockade begraben liegen, das zentrale Ereignis des Tages. Vor drei Jahren wurde gar auf Verlangen der Petersburger Veteranenverbände die Erwähnung der sowjetischen Truppen als Befreier aus der offiziellen Bezeichnung des Gedenktags gestrichen. Das spiegele den besonderen Verdienst der Stadtbewohner bei der Aufhebung der Blockade wieder, hieß es im offiziellen Dekret des Präsidenten Wladimir Putin.

"Für die Stadtbewohner Sankt Petersburgs ist das Ende der Umzingelung so etwas wie die Befreiung von Auschwitz für die Juden", erklärt der Petersburger Historiker Lew Lurje. Fast jede Petersburger Familie hat ihre eigene Leidensgeschichte aus dieser Zeit, weitergegeben von Überlebenden oder Verwandten. In Archiven, Tagebüchern und Erzählungen ist das Leid der Menschen festgehalten.

Diese Orte erinnern noch an die Blockade von Leningrad

Ewiges Feuer auf dem Piskarjowskoje-Friedhof in St. Petersburg erinnert an die zahlreichen Opfer der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg.
Überall in Sankt Petersburg finden sich heute noch Stellen, die von der Leningrader Blockade (8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944) zeugen. Auf dem Piskarjowskoje-Friedhof liegen in Massengräbern rund eine halbe Million Opfer der Belagerung durch die deutsche Wehrmacht. Insgesamt wird die Zahl der Blockade-Opfer auf etwas mehr als eine Million Menschen geschätzt. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
Ewiges Feuer auf dem Piskarjowskoje-Friedhof in St. Petersburg erinnert an die zahlreichen Opfer der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg.
Überall in Sankt Petersburg finden sich heute noch Stellen, die von der Leningrader Blockade (8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944) zeugen. Auf dem Piskarjowskoje-Friedhof liegen in Massengräbern rund eine halbe Million Opfer der Belagerung durch die deutsche Wehrmacht. Insgesamt wird die Zahl der Blockade-Opfer auf etwas mehr als eine Million Menschen geschätzt. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
Brot und Zuckerstücke auf einem Friedhof in St. Petersburg, auf dem zahlreiche Opfer der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg bestattet wurden.
Brot und Zucker legen die Petersburger heute noch auf die Gräber. Sie symbolisieren, dass in den 900 Tagen der Blockade die meisten Opfer in der Stadt verhungert waren. Leningrad war während der Belagerung zeitweise auf sich allein gestellt. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
Steinerne Tafel mit Hammer und Sichel und der Jahreszahl 1942 und einem schwarz-rot geschmückten Kranz auf dem Piskarjowskoje-Friedhof in St. Petersburg.
Steinerne Tafeln zeigen das Jahr, in dem das jeweilige Massengrab angelegt wurde. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
Blaues Warnschild am Newski Prospekt in St. Petersburg aus dem Zweiten Weltkrieg. Es informierte die Menschen, dass diese Straßenseite bei Artilleriebeschuss besonders gefährlich war.
Leningrad lag während der Blockade regelmäßig unter Beschuss. Diese blauen Schilder, wie hier noch am bekannten Newski Prospekt erhalten geblieben, waren in vielen Teilen der Stadt angebracht. Darauf steht, dass die Straßenseite bei Artilleriebeschus besonders gefährlich ist. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
Noch heute hängen an Häusern in St. Petersburg Lautsprecher aus der Zeit der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg.
Auch der Lautsprecher an diesem Haus am Newski Prospekt stammt noch aus dem Zweiten Weltkrieg. Hier hörten die Leningrader während der Blockade die neuesten Nachrichten von der Front, in der Hoffnung auf eine baldige Befreiung der Stadt. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
Denkmal in einer Hausecke in St. Petersburg erinnert an die sogenannten Blockadekatzen im Zweiten Weltkrieg.
Dieses Katzen-Denkmal ist heute bei Touristen ein beliebter Ort. Es soll Glück bringen, wenn man rücklings eine Münze wirft und diese oben bei der Katze bleibt. Doch das Denkmal ist den Blockadekatzen gewidmet. Im ersten Winter der Belagerung schlachteten die Einwohner ihre Haustiere, um zu überleben. Das führte zu einer Rattenplage. Aus anderen Teilen des Landes konnten dann über den Ladoga-See neue Katzen nach Leningrad geschmuggelt werden. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
Gedenktafel aus Bronze am Fontanka-Fluss in St. Petersburg erinnert an Wasserstelle während der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg.
An dieser Stelle am Fontanka-Fluss erinnert heute ein Gedenktafel daran, wie sich die Leningrader während der Blockade aus Eislöchern mit Wasser versorgen mussten. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg an der Anitschkow-Brücke in St. Petersburg über den Fluss Fontanka.
Mancherorts in Sankt Petersburg sind die Schäden durch den Beschuss während der deutschen Belagerung noch deutlich zu sehen, zum Beispiel an der Anitschkow-Brücke über dem Fontanka-Fluss. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
Schwarzer Betonklotz mit den Jahreszahlen 1941-1945 aus dem Zweiten Weltkrieg in St. Petersburg.
Solche Betonbefestigungen befanden sich im Zweiten Weltkrieg überall in den Außenbezirken der Stadt. Heute liegen sie neben Wohnhäusern oder Supermärkten wie hier am Lenin-Prospekt. An dieser Stelle war die Front nur wenige Kilometer entfernt. Die Jahreszahlen 1941-1945 stehen in der russischen Geschichtsschreibung für den Großen Vaterländischen Krieg, wie im Land der Zweite Weltkrieg ab 1941 genannt wird.

(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: exakt | 11.01.2017 | 20:15 Uhr)
Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
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Brot und Zuckerstücke auf einem Friedhof in St. Petersburg, auf dem zahlreiche Opfer der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg bestattet wurden.
Brot und Zucker legen die Petersburger heute noch auf die Gräber. Sie symbolisieren, dass in den 900 Tagen der Blockade die meisten Opfer in der Stadt verhungert waren. Leningrad war während der Belagerung zeitweise auf sich allein gestellt. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev
Einwohner des belagerten Leningrads mit Eimern
Wasser gab es während der Belagerung oft nur aus den Flüssen der Stadt. Im Winter mussten dafür Löcher ins Eis gehackt werden. Bildrechte: IMAGO

Besonders im ersten Blockadewinter waren die Bedingungen hart, denn die Regierung hatte sich nicht ausreichend vorbereitet. "Die Sowjets hatten sich auf einen Rückzug eingestellt und die wichtigsten Gebäude der Stadt mit Sprengstoff vermint. Auf ein Ausharren war man nicht von Anfang an eingestellt", sagt Lurje. Die Brotrationen wurden für Fabrikarbeiter auf 250 Gramm täglich zusammengekürzt, weil es kaum Vorräte gab, Elektrizität und Heizung fielen aus, der öffentliche Nahverkehr kam in der Drei-Millionen-Stadt zum Erliegen, hinzu kam ein ungewöhnlich harter Winter mit Temperaturen um bis zu minus 40 Grad.

Zivilisten und Tote im belagerten Leningrad
Die Zahl der Todesopfer durch die Blockade wird inzwischen auf eine Million geschätzt. Bildrechte: IMAGO

Die Menschen heizten mit Möbeln und Büchern, schlachteten Katzen und Hunde, jagten Ratten. Auch ein Teil unserer Familie hatte die knapp 900 Tage zwischen 1941 und 1944 in Petersburg verbracht. "Im Winter 1941 lagen zu fast jeder Zeit Tote auf den Straßen. Wer hinfiel und keine Kraft zum Aufstehen hatte, erfror. Man war zu schwach, um jemand anderem hochzuhelfen und hat kaum noch hingeschaut", erinnert sich meine Großmutter Tamara Klionskaja.

Ohne die zusätzlichen Rationen ihres Vaters, der Betriebsarzt bei einer großen Rüstungsfabrik war, wäre die Familie nicht ausgekommen, davon ist sie überzeugt. Ärzte bekamen als einige der wenigen Schnaps ausgeteilt, den sie bei den Soldaten von der Front gegen Fleischkonserven tauschen konnten. Zusätzlich bekamen sie Grütze, die meine Großmutter oft selber in der Fabrik abgeholt hat.

Es machten Gerüchte die Runde, vor allem Kinder könnten auf der Straße erschlagen und aufgegessen werden. Ich hatte Höllenangst, aber noch mehr hatte ich Hunger.

Tamara Klionskaja Überlebende der Leningrader Blockade

Am Ende war es jedoch nicht der Hunger, der meine Großmutter beinahe umbrachte. Gegen Ende der Blockade, als bereits eine schmale Landverbindung existierte und sich die Versorgung verbesserte, traf eine Bombe eine Straßenbahn, aus der meine Großmutter gerade ausgestiegen war, als sie unterwegs war, die nächste Essensration abzuholen. In der Chronik des Petersburger Straßenbahndepots heißt es kurz: "Am 4. Januar traf eine Fliegerbombe eine Straßenbahn an der Kreuzung Lesnoj und Nischegorodskij Prospekt. Es starben 82 Menschen."

Ganz ohne Mythos kommt der wichtige Jahrestag für die Petersburger nicht aus. So wird der Umstand, dass die Sowjetführung unter Stalin die Blockade durch ungeschicktes militärisches Agieren überhaupt erst zugelassen hat, in der öffentlichen Darstellung übergangen. Und auch das propagierte Bild des fast unmenschlich heldenhaften und patriotischen Leningraders während der Blockade zweifeln unabhängige Forscher an.

Es gab durchaus Stimmen, die eine Kapitulation der Stadt wollten, weil sie die Strapazen nicht mehr aushielten. Andere haben sich an der Blockade bereichert. Wenn die Mehrheit der Leningrader so gedacht und gehandelt hätte, wäre die Stadt gefallen. 

Lew Lurje russischer Historiker

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: exakt | 11.01.2017 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2018, 22:34 Uhr