Ukrainische Fans
Ukrainische Fußballfans: Solche Bilder wird es während der WM wohl eher selten geben. Bildrechte: IMAGO

Fußball-WM Ukraine will die Übertragung der WM-Spiele verbieten

Die WM in Russland ist ein kontroverses Thema im Nachbarland Ukraine. Die hat sich seit der Krim-Annexion und dem Donbasskonflikt heillos mit Moskau zerstritten. Das offizielle Kiew spricht sich für den politischen Boykott des Turniers aus – und während der WM könnte sogar ein TV-Übertragungsverbot angeordnet werden.

von Denis Trubetskoy

Ukrainische Fans
Ukrainische Fußballfans: Solche Bilder wird es während der WM wohl eher selten geben. Bildrechte: IMAGO

Wenn am Donnerstagnachmittag die Eröffnungszeremonie der Fußball-WM in Moskau beginnt, werden die ukrainischen Fans diese sowie das anschließende Spiel des Gastgebers gegen Saudi-Arabien im Fernsehen sehen können – noch. Denn im Parlament wurde vergangene Woche eine Gesetzinitiative eingebracht, die die Fernsehübertragung der Spiele verbieten will. Ob das Gesetz wirklich kommt, entscheidet sich am kommenden Dienstag – bis dahin können die Fans noch alle Spiele beim Sender "Inter" sehen.

Übertragungsverbot und politischer Boykott

Der ganze Vorgang zeigt, wie umstritten die Fußball-WM in der Ukraine ist und wie stark sie die Gesellschaft spaltet. So haben alle prominenten Fußballreporter der Ukraine die Anfrage von "Inter" abgelehnt, die Spiele des Turniers für den Sender zu kommentieren. Das offizielle Kiew spricht sich vehement für einen internationalen politischen Boykott der WM aus. "Ich fordere europäische Politiker zum Boykott auf", sagt der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin. "Wir sollten dem Kreml eine klare Botschaft senden, dass die Politik Russlands inakzeptabel ist." Andererseits gibt es dennoch ein großes öffentliches Interesse am Turnier. Schätzungsweise 6.000 ukrainische Fans werden die WM-Spiele sogar vor Ort sehen.

Ein ukrainischer Aktivist hält ein Transparent gegen die Durchführung der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland in den Händen.
Viele Ukrainer befürworten ein Übertragungsverbot der WM-Spiele nicht nur, sondern fordern es. Bildrechte: IMAGO

Dass es solche Fans überhaupt gibt, wird in der ukrainischen Zivilgesellschaft äußerst kritisch gesehen. Nicht nur wegen der russischen Krim-Annexion und der Unterstützung von Separatisten im Donbass-Krieg. Auch das Thema ukrainischer politischer Gefangener in Russland spielt eine große Rolle. Der bekannteste davon ist der Filmregisseur Oleh Senzow. Er wurde 2014 auf der Krim wegen Terrorverdachts festgenommen, mutmaßlich gefoltert und zu 20 Jahren Haft verurteilt. Sentsow hat die Vorwürfe stets bestritten und befindet sich seit einem Monat im Hungerstreik. Darüber hinaus wurde der ukrainische Journalist Roman Suschtschenko im September 2016 in Moskau wegen angeblicher Spionage festgenommen und Anfang Juni 2018 zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt.

Geteilte Meinungen

"Im Fall der Fälle werde ich mich mit diesen kopflosen Menschen, die jetzt nach Russland fahren, nicht beschäftigen", schrieb die bekannte ukrainische Menschenrechtlerin Marija Tomak in einem emotionalen Kommentar auf Facebook. Eine Gegenposition in dieser Frage vertritt der Oppositionsblock, eine Partei im Parlament, die sich stets kritisch zur aktuellen Regierung äußert. "Viele sagen, dass es gefährlich sein könnte, zur WM nach Russland zu fahren. Wir sollten aber nicht vergessen, dass dort rund 2,5 Millionen Ukrainer leben und arbeiten", betont Parteivorsitzender Jurij Bojko, der bereits die Forderung nach einem Übertragungsverbot hart kritisiert hatte.

Ukrainischer Fußballverband unterstützt Boykottaufruf

Petro Poroshenko und Andriy Pavelko
Der Chef des ukrainischen Fußballverbandes, Andrij Pawelko, hier mit Präsident Poroschenko, sagt Ja zu einem Boykott der WM. Bildrechte: IMAGO

Dennoch hat das ukrainische Außenministerium von Reisen zur WM abgeraten, worauf die Moskauer Kollegen ironisch in ukrainischer Sprache auf Twitter antworteten, man solle nicht auf Dummköpfe hören. Die Boykott-Kampagne wird allerdings auch vom ukrainischen Fußballverband FFU unterstützt, der keine ukrainischen Journalisten für das Turnier in Russland akkreditieren ließ und von seiner Ticketquote keinen Gebrauch machte. "Wir hätten kein Problem damit, wenn die WM nicht im Fernsehen gezeigt würde", sagte Verbandspräsident Andrij Pawelko kürzlich. Seine vordergründig patriotische Position erscheint jedoch wenig glaubwürdig, denn an der Qualifikation zur Weltmeisterschaft hat die ukrainische Nationalmannschaft noch teilgenommen. Dass das Team es schließlich doch nicht ins Endturnier schaffte, wird FFU-intern heute als großes Glück bewertet: So wurde nämlich auch die große Debatte überflüssig, ob die Nationalelf tatsächlich ins Nachbarland fahren oder lieber zu Hause bleiben sollte.

Trotz Boykott- und Übertragungsverbotsdiskussionen, die meisten Pubs in Kiew bereiten sich auf den WM-Auftakt vor. Schließlich möchte man nicht auf das große Geld verzichten, das ein solches Event in die Kassen spült. Aber auch hier gibt es Ausnahmen: So verzichtet zum Beispiel die große Kinokette "Blockbuster", die normalerweise alle großen Fußballspiele zeigt, diesmal aus politischen Gründen auf die Übertragung. "Für uns eine Sache des Prinzips", teilte das Unternehmen mit.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 12.06.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2018, 11:24 Uhr