Holodomor Denkmal Kiew
Holodomor-Denkmal in Kiew. Am letzten Samstag im November wird in der Ukraine traditionell der "Tag der Erinnerung" gefeiert. Bildrechte: dpa

Russland und Ukraine Russland und die Ukraine streiten über Hungersnot

Der Holodomor, eine Hungersnot, der in den Jahren 1932/1933 in der Ukraine fast vier Millionen Menschen zum Opfer fielen, wurde zu Zeiten der UdSSR sorgfältig verschwiegen. Heute sorgt die Erinnerung an den Holodomor für Streit zwischen Russland und der Ukraine.

von Denis Trubetskoy

Holodomor Denkmal Kiew
Holodomor-Denkmal in Kiew. Am letzten Samstag im November wird in der Ukraine traditionell der "Tag der Erinnerung" gefeiert. Bildrechte: dpa

Vor 85 Jahren fielen Millionen Menschen einer schweren Hungersnot in der Ukraine zum Opfer. Noch heute wird an die unzähligen Toten des Holodomor erinnert. Doch zuletzt lieferten sich die Ukraine und Russland, die unterschiedlich auf die traurigen Ereignisse blicken, einen spektakulären Streit auf Twitter. Dieser begann mit dem Tweet des russischen Außenministeriums, in dem seine offizielle Vertreterin Marija Sacharowa zitiert wird: "Kiew repräsentiert diese Tragödie als 'Genozid an den Ukrainern'. Das ist politisch motiviert und widerspricht den Fakten."

"Humanitäre Katastrophe der Sowjetunion"

In weiteren Tweets erweiterte das Außenministerium die ohnehin bekannte Sichtweise Russlands auf den Holodomor: Die Hungersnot, die mehreren Millionen Ukrainern das Leben kostete, sei kein Völkermord gewesen, sondern ist als Folge der Dürre sowie der Zwangskollektivierung entstanden. "Diese Ereignisse sind eine gemeinsame Tragödie für Russen, Ukrainer, Kasachen und andere Völker der Sowjetrepubliken. Es handelt sich um die größte humanitäre Katastrophe der Sowjetunion", wird Sacharowa weiter zitiert.

Screenshot einer Twitter-Seite
Twitter-Disput zwischen Russland und der Ukraine Bildrechte: twitter.com/Ukraine

Die Ukraine antwortete auf ihrem offiziellen Twitter-Account, der im Auftrag der Präsidialverwaltung geführt wird: "Wir haben ein paar historische Fakten für das russische Außenministerium: Der Holodomor war die gezielte russische Politik, um zu töten. Wenn ihr aufhören würdet, Stalin zu verherrlichen, würdet ihr auch die Millionen Opfer Stalins bemerken."

Thema spaltet Russland und Ukraine

Gedenken an Hungersnot in Holodomor
Wiktor Juschtschenko beim Holodomor-Gedenkfeierlichkeiten 2008 Bildrechte: dpa

Dieser Streit zeigt, wie sehr die Frage des Holodomor die Ukraine und Russland spalten. Vor allem die schwere Hungersnot in der Ukraine wurde zu Sowjetzeiten verschwiegen. In Kiew und Umgebung wurde Holodomor allerdings nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zum zentralen Thema der national orientierten Politiker. 2004 wurde die Aufarbeitung des Holodomor zudem zum wichtigsten Teil des Präsidentschaftsprogramm des Kandidaten Wiktor Juschtschenko, der in Folge der Orangen Revolution an die Macht kam. So führte Juschtschenko unter anderem die jährliche "Holodomor-Stunde" an ukrainischen Schulen ein und setzte sich für dessen internationale Anerkennung als Völkermord ein.

Dies sorgte für unterschiedlichste Reaktionen in verschiedenen Regionen der Ukraine, aber vor allem für Zuspitzung der Beziehungen mit Russland. Die russische Regierung kritisierte die Konzentrierung Kiews auf das Thema Holodomor – und sprach vom Versuch der Politiker, Ukrainer und Russen voneinander zu trennen. Während die Diskussionen um den Holodomor im Laufe der Präsidentschaft von Wiktor Janukowitsch erwartungsgemäß unterging, gewann das Thema nach der Maidan-Revolution im Winter 2013/2014 am Rande des Konflikts mit Russland erneut an Bedeutung, zumal Moskau sich als rechtlicher Nachfolger der UdSSR sieht.

"Verleugnung des Holodomor ist amoralisch"

Und so hielt der ukrainische Präsident Petro Poroschenko am diesjährigen "Tag der Erinnerung" am 25. November 2017 eine emotionale Rede vor dem Denkmal für die Opfer des Holodomor: "Es ist für uns an der Zeit, ein Gesetz über Verantwortung für Verleugnung dieser beiden schrecklichen Tragödien, Holocaust und Holodomor, zu verabschieden. Die Ukrainer, die nach uns leben werden, sollen das Gesetz über die Anerkennung des Holodomor als Völkermord an Ukrainern anerkennen", forderte Poroschenko. "Auf allen Kontinenten soll verstanden werden, dass die Verleugnung des Holodomor genauso amoralisch wie die des Holocaust ist."

Keine genauen Opferzahlen

Mittlerweile wird der Holodomor offiziell von 16 Ländern als Genozid anerkannt, dazu gehören Australien, Estland, Kanada, Lettland, Litauen, Polen, Portugal, Ungarn und die USA. Neben der Frage, ob die Hungersnot gezielt von der Moskauer Führung um Josef Stalin organisiert wurde, um auf den Widerstand der ukrainischen Bauern zu reagieren, spaltet ein weiteres Dilemma die Historiker – nämlich die nach der vermeintlichen Opferzahl in der Ukraine. Je nach Einschätzung und Methodik werden Zahlen zwischen 2,4 und 14,5 Millionen Opfern genannt. Das Demografie-Institut der Nationalen Wissenschaftsakademie der Ukraine veröffentlichte Ende November 2017 seine eigenen Einschätzungen, die vor allem auf demografische Indikatoren basieren.

"Die Verluste liegen bei 3,9 Millionen in der Ukraine und bei 8,7 Millionen in der gesamten Sowjetunion. Von Politikern hört man Opferzahlen von über sieben, zehn oder zwölf Millionen - das allerdings muss mit Vorsicht bewertet werden. Eine wissenschaftliche Basis gibt es dafür nicht", so das Institut bei der Veröffentlichung der Studie. Doch egal wie hoch die tatsächliche Zahl der Opfer war: Fast jede ukrainische Familie hat Vorfahren, die in der ein oder anderen Weise von der Hungernot betroffen waren. Und so ist es wenig überraschend, dass das Thema Holodomor bis heute so emotional diskutiert wird.

(zuerst veröffentlicht am 11.12.2017)

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 24.11.2012 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2018, 14:14 Uhr