145 Tage Hungerstreik: Was fordert Filmemacher Senzow?

Anfang Oktober hatte der in Russland inhaftierte ukrainische Regisseur Oleh Senzow seinen Hungerstreik beendet, nach 145 Tagen. Die Aktion fand weltweit Beachtung, an seiner 20-jährigen Haftstrafe änderte sie aber nichts. Nun wurde Senzow mit dem Sacharow-Preis für Menschenrechte der EU ausgezeichnet.

von Denis Trubetskoy

Demonstrierende halten vor dem Generalkonsulat von Russland ein Banner mit der Aufschrift: 'Befreit Senzow'.
Für viele Ukrainer ist Oleh Senzow ein Held. Auf Demos, wie hier vor dem russischen Generalkonsulat in Odessa im Juli 2018, fordern sie die Freilassung des Regisseurs. Bildrechte: dpa

"Ich denke nicht, dass sie mich freilassen. Ich fürchte, ich bleibe hier bis zum Ende", soll der von der Krim-Halbinsel stammende Senzow Anfang Oktober zu seinem Anwalt gesagt haben. Da hatte sich der 42-Jährige entschieden, seinen seit Mitte Mai andauernden Hungerstreik auszusetzen.

Senzow drohte Zwangsernährung

Senzow wurde 2014 nach der russischen Annexion der Krim wegen der vermeintlichen Planung von Terrorakten festgenommen und später zu 20 Jahren Haft verurteilt. Gegen dieses Urteil protestierte er mit einem Hungerstreik. Als er ihn nach 145 Tagen beendete, drohte ihm offenbar die Zwangsernährung. Aus dem gleichen Grund stimmte der Regisseur zuvor bereits einer Ernährung mit Tubennahrung zu – um mit Vitaminen versorgt zu werden. Nur auf diesem Wege konnte Senzow überhaupt so lange am Leben bleiben. Weil die Tubennahrung allerdings nicht mehr ausreichte, hatten russische Behörden wieder Zwangsernährung ins Gespräch gebracht, die von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International als Folter eingeschätzt wird. Das wollte Senzow eben nicht. In einem Brief an seine Cousine schrieb er, er habe keine andere Option mehr, als aus dem Hungerstreik auszusteigen.

Oleg Sentsov
Oleh Senzow kurz nach seiner Festnahme 2014. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Hungerstreik: Erfolg trotz Abbruch?

Dennoch wurde die Aussetzung des Hungerstreiks des prominenten Regisseurs sowohl vom ukrainischen Außenministerium als auch vom Büro der ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten begrüßt. Senzow sei ein echter Held der Ukraine – und er solle seine Gesundheit gerade deswegen nicht riskieren. Es ist ohnehin fraglich, ob Senzow mittel- und langfristig überlebt: Durch den Hungerstreik bekam er unter anderem starke Herzprobleme und die Verweigerung der Nahrungszufuhr ist für den Menschenkörper ohnehin schwer zu ertragen. Laut dem Regisseur selbst stehen seine Überlebenschancen bei 50:50.

Oleg Senzwo
Deutlich abgemagert: Senzow wenige Wochen, bevor er Anfang Oktober seinen Hungerstreik beendete. Bildrechte: IMAGO

Der Regisseur behauptete, er hungere nicht für sich, sondern für weitere Ukrainer in russischer Haft, die aus politisch motivierten Gründen von Moskau angeklagt wurden. Weil der Hungerstreik exakt einen Monat vor dem Beginn der Fußball-WM in Russland begann, war dies ein deutlicher Versuch, vor dem Großturnier die Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch zwischen der Ukraine und Russland zu beschleunigen.

Die Regierung in Kiew beschäftigte sich stark mit Senzow und auch der ukrainische Präsident Poroschenko erwähnte den Regisseur bei fast jeder Gelegenheit. Wie Senzows Cousine Natalja Kaplan allerdings berichtet, war diese Konzentration allein auf seine Person dem 42-Jährigen nicht lieb. So solle die ukrainische Menschenrechtsbeauftragte nicht nur ihn in der Kleinstadt Labytnangi am Polarkreis, sondern auch die anderen inhaftierten Ukrainer besuchen.

Politische ukrainische Häftlinge in russischen Gefängnissen

Bei den anderen Ukrainern handelt es sich um rund 70 Personen, über 50 davon sind entweder auf der Krim festgenommen worden oder werden derzeit dort im Gefängnis oder unter Hausarrest aufgehalten. Der Großteil davon sind wiederum politisch aktive Krimtataren, die als Gegner der russischen Annexion der Halbinsel gelten. Fast 30 Menschen wird die Mitgliedschaft in Hizb ut-Tahir (Partei der Befreiung) vorgeworfen. Die Partei gilt als radikal islamistisch und ist deshalb in Russland verboten. Dabei ist der Verdacht groß, dass es sich nur um konstruierte Vorwürfe handelt und kein klarer Bezug zur Organisation festzustellen ist.

Der Aktivist Wolodymyr Baluch kommt ebenfalls von der Krim, gehört jedoch nicht zur krimtatarischen Minderheit. Zusammen mit Senzow und zwei weiteren Häftlingen hat er die letzten Monate gehungert, sein Teilhungerstreik dauerte sogar noch länger als bei Senzow – er hungerte seit März 2018 und damit sogar mehr als 200 Tage. Baluch wurde verurteilt, weil er auf seinem Grundstück auf der Krim die ukrainische Fahne gehisst hatte. Baluch hat inzwischen ebenfalls seinen Hungerstreik abgebrochen. Vorher wurde sein Urteil noch gemildert: Statt fünf Jahre soll er "nur" vier Jahre und elf Monate in einer Strafkolonie verbringen.

Elton John (L) und Petro (Pyotr) Poroshenko
Prominente Untersützer: Der britische Popsänger Elton John und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko mit einem Senzow-Shirt. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Russland unbeeindruckt

Wie im Fall Senzow versucht Russland auch bei Baluch und anderen zu zeigen, dass es sich von Hungerstreiks und anderen Protestformen nicht beeindrucken lässt. "Olehs Hoffnung war sicher schon, dass sein Hungerstreik im Zusammenhang mit der Fußball-WM für ein internationales Echo in Sachen ukrainische Gefangene in Russland sorgen wird", erzählt eine mit Senzow befreundete Journalistin dem MDR. Die Rechnung ist jedoch nicht aufgegangen: Russland habe im Imagebereich von der WM sogar profitiert und fühle sich noch stärker als Herr der Lage.

In der Ukraine bleibt das Thema Senzow zumindest in der politisch interessierten Zivilgesellschaft groß, auch wenn der Durchschnittsukrainer oft nur den Namen Senzow, nicht aber den wirklichen Hintergrund kennt. Die Aussetzung seines Hungerstreiks wurde von Medien eher als positive Nachricht aufgenommen: "Der russische Staat ist nicht sentimental, deswegen haben Hungerstreiks keinen praktischen Sinn", schreibt etwa Roman Zymbaljuk, Korrespondent der ukrainischen Nachrichtenagentur Unian in Moskau. "Oleh wird aber früher oder später ausgetauscht, da bin ich mir sicher." Dies ist zwar keinesfalls ausgeschlossen. Doch es wird immer unwahrscheinlicher, dass ein solcher Austausch wirklich bald stattfinden könnte. Denn Moskau kann derzeit von seiner stärkeren Position profitieren und Kompromisse fordern, auf die Kiew nur ungerne eingehen würde.

Menschenrechtspreis des Europaparlaments für Senzow

Nun hat die EU den inhaftierten Filmemacher mit dem Sacharow-Menschenrechtspreis ausgezeichnet. Damit ehrt das Europäische Parlament seit 1988 jährlich besonderes Engagement für Menschenrechte. Die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 12. Dezember in Straßburg vergeben. Persönlich wird Senzow den Preis vermutlich nicht entgegen nehmen können.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 05.09.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2018, 14:32 Uhr