Monik Sieradzka zum traditionellen indischen Essen
Ostbloggerin Monik Sieradzka beim traditionellen indischen Essen nach dem Sonntagsgebet. Bildrechte: Monika Sieradzka

Warschaus neue Mitbewohner Warum so viele Inder nach Polen kommen

In Warschau arbeiten und studieren Tausende Inder. Sie haben das Stadtbild vielerorts in Polen verändert. Warum es so viele Inder nach Polen zieht, wollte unsere Ostbloggerin Monika Sieradzka wissen.

von Monika Sieradzka

Monik Sieradzka zum traditionellen indischen Essen
Ostbloggerin Monik Sieradzka beim traditionellen indischen Essen nach dem Sonntagsgebet. Bildrechte: Monika Sieradzka

In Polen sind Menschen von anderen Kontinenten eine Seltenheit. Jahrzehntelang hat man nur ab und zu Vietnamesen gesehen, die sich hier in Zeiten des Kommunismus ansiedeln durften. Von den Flüchtlingsströmen der vergangenen Jahre haben wir nichts mitbekommen, weil sich unsere Regierungen mit aller Kraft dagegen gewehrt haben.

Das Stadtbild von Warschau hat sich trotzdem verändert. In der U-Bahn-Station, von der ich jeden Tag in die Stadt fahre, komme ich mir seit etwa zwei Jahren wie in einer Multikulti-Stadt vor. Viele dunkelhäutige Männer und junge Frauen mit Kopftuch steigen hier ein und aus. Die meisten sind Studenten einer privaten Uni. In der U-Bahn hört man Hindi, Arabisch, Türkisch und Russisch.

Warschau wird bunter

Vielleicht ist es da kein Zufall, dass sich gerade bei mir um die Ecke vor Kurzem ein Laden mit indischen Lebensmitteln und Textilien etabliert hat. Was mir sofort auffiel, war ein weiß-roter Zettel auf der Glastür, der an die weiß-rote, polnische Nationalflagge erinnerte und auf dem man den Polen "Alles Gute zum 100. Jahrestag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit" wünschte.

Der neue Ladeneigentümer Vipul Tanna wollte damit seine ersten Kunden locken. Der 34-Jährige hat in Indien Erfahrungen als Händler gesammelt. Als er beschloss, ins Ausland zu gehen, erschien ihm Polen als die natürlichste Wahl. Warum?

Menschen in indischem Geschäft
Das indische Geschäft heißt "Namaste" (indische Grußformel) und bietet außer Lebensmitteln auch Textilien aus Indien an. Bildrechte: Monika Sieradzka

Polens Wirtschaft entwickelt sich sehr schnell, es gibt hier immer mehr Asiaten und internationale Konzerne lassen sich hier nieder. Es wird ein guter Markt für meine Produkte werden, da bin ich mir sicher.

Tanna ist enthusiastisch, so richtig wohl fühle er sich aber in Polen noch nicht, weil ihm die Einwanderungsbehörde das Leben nicht leicht mache und er seine Familie immer noch nicht aus Indien holen dürfe. Mit den Polen Freundschaften zu knüpfen, sei auch nicht das Leichteste. Er sieht das Land trotzdem als ein perfektes Sprungbrett in andere EU-Länder, wo er weitere Geschäfte aufmachen möchte. Der permanente Aufenthalt im EU-Land Polen soll ihm das erleichtern. Er will hier mindestens zehn Jahre bleiben.

Der einzige osteuropäische Sikh-Tempel

Sikh Tempel Gurudwara
Vor dem Sikh-Tempel Gurudwara in der Nähe von Warschau versammeln sich sonntags Hunderte Inder. Bildrechte: Monika Sieradzka

Mein Heimatland als eine gute Ausgangsbasis für andere Länder? Ja, das ist nicht nur für Vipul Tanna wichtig, wie ich bald entdecke. "Mit dem polnischen Personalausweis darf man in über 100 Länder der Welt ohne Visum reisen. Deshalb habe ich die polnische Staatsbürgerschaft beantragt", lacht der seit 14 Jahren in Polen lebende Chef der religiösen Sikh-Gemeinde in der Nähe von Warschau. Yadwinder Singh empfängt mich an einem Sonntag in einer Villa, wo auf der oberen Etage Gebete stattfinden und unten Männer, Frauen und Kinder miteinander sprechen, spielen, lachen und essen.

Yadwinder Singh mit Sohn Aaswinder
Chef der Sikh-Gemeinschaft Yadwinder Singh mit Sohn Aaswinder. Bildrechte: Monika Sieradzka

Ich bin im Gurudwara, der einzigen Gebets- und Schulstätte der Sikhs in Osteuropa. Jeden Sonntag kommen Hunderte Inder hierher und es werden immer mehr, wie mir Yadwinder sagt. "Als ich 2004 hierher kam, haben wir sonntags nur 100 Portionen gekocht, jetzt sind es mindestens 500", sagt er und lädt mich zum traditionellen Essen ein. Davor muss ich die Hände waschen, Kopftuch anziehen und barfuß sein, wie alle anderen. Yadwinder wollte hier eigentlich nur ein Jahr bleiben, doch jetzt geht sein neunjähriger Sohn schon in die polnische Schule und er möchte Polen nicht verlassen. "Ich habe gute polnische Nachbarn und habe nie irgendwelche Fremdenfeindlichkeit erfahren, von der man in den Medien liest", sagt er.

Nicht immer willkommen

Dasselbe höre ich von den jungen Männern mit Turbanen, die sich nach dem Gebet im Hof versammeln. "Manchmal kommt es vor, dass jemand versucht, uns wegen unserer Hautfarbe zu beleidigen, doch Verrückte und Frustrierte gibt es doch in jedem Land", sagt der 23-jährige Vinod, der an der Technischen Universität in Warschau Elektronik studiert. Er hat einen Teilzeitjob als Kurier beim marktführenden Unternehmen Uber Eats. Wie er stammt sogar die Mehrzahl der Kuriere aus Indien. Die Inder mit riesigen, viereckigen, bunten Uber-Rucksäcken sind mittlerweile aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken.

Migranten aus Indien unterwegs als Uber-Eats-Essenskurierin Warschau, 2018
Indischer Uber-Kurier Bildrechte: imago/EST&OST

Doch nicht allen Polen gefällt das. Als sich Krzysztof Bosak, Politiker der Partei "Nationale Bewegung", darüber kritisch äußerte, fand sein Tweet viel Widerspruch, aber auch viele Befürworter. "Ist die Tatsache, dass irgendeine Gruppe von Menschen das Essen geliefert bekommen will, statt zum Restaurant zu gehen, ein ausreichender Grund dafür, dass wir eine Multikulti-Gesellschaft bekommen?", fragte der Politiker, nachdem ein indischer Kurier mit dem Fahrrad an ihm vorbeigerast war.

Studenten aus Indien

Für die Inder, die ich getroffen habe, sind solche Äußerungen aber noch kein Grund, Polen zu verlassen. Im Gegenteil: Diejenigen, die hier schon Fuß gefasst haben, holen ihre Familien und Bekannten. "Es ist ein Flüster-Marketing. Den Indern geht es in Polen gut, weil wir ihnen ein hohes Studien-Niveau anbieten und weil unser Arbeitsmarkt im Moment boomt. Sie erzählen es den anderen und dann wollen die auch hierher", höre ich beim Büro für internationalen Studienaustausch an der Technischen Universität von Warschau. Dort machen die 360 Inder ein Fünftel aller ausländischen Studenten aus.

Insgesamt studieren in Polen fast 3.000 Inder, zehnmal mehr als noch vor zehn Jahren. Dass der Semesterbeitrag, je nach Studienfach, zwischen 1.000 und 2.500 Euro liegt, schreckt sie nicht ab. Wenn sie das Geld nicht von ihren Eltern bekommen, können sie es selbst verdienen, etwa als Kurier.

Die Inder im Stadtpark

Die polnische Wirtschaft ist auf Rekordniveau, die Arbeitslosigkeit schreibt die niedrigsten Zahlen seit 1990, einfachere Jobs kann man sofort bekommen. Es wird geschätzt, dass zwei Millionen Polen im Ausland arbeiten. 1,7 Millionen Ukrainer, die im Moment auf dem polnischen Arbeitsmarkt tätig sind, füllen die Lücke nicht. Für die Inder sind das gute Gründe, nach Polen zum Studium oder zur Arbeit zu kommen. Dass sie sich hier richtig eingelebt haben, zeigt die Gründung eines indischen Kricket-Clubs in Warschau. Im Frühjahr und im Sommer werden manche Warschauer wieder staunen können, wenn Gruppen von Indern in den Stadtparks ihrer Leidenschaft für den Nationalsport der alten britischen Kolonie nachgehen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: TV | 08.10.2016 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2019, 09:29 Uhr