Stadtansicht von Pristina
Bildrechte: IMAGO

Kosovo Land der verlorenen Illusionen

Im Kosovo, dem jüngsten und einem der ärmsten Staaten Europas, bewegt sich nichts: Enttäuschung über die EU, Perspektivlosigkeit und eine große Arbeitslosigkeit prägen die Gesellschaft. In der nimmer endenden sozialen Misere gewinnt der Islam im einst säkularen Land immer mehr an Einfluss. Auch der radikale Islam.

von Andrej Ivanji

Stadtansicht von Pristina
Bildrechte: IMAGO

Die Cafés im Zentrum von Prishtina sind voll. Man findet kaum einen freien Stuhl. Das schöne Frühlingswetter hat die Einwohner der kosovarischen Hauptstadt massenhaft auf die Straßen gelockt. Musik dröhnt aus den Lokalen: Rock, Pop, Volksmusik. Die Stadt vermittelt eine unglaubliche Energie. Auffallend ist, wie viele Jugendliche es unter den Passanten gibt - doch kein Wunder: Das Kosovo hat die jüngste Bevölkerung Europas. Allerdings auch eine der ärmsten: Die Arbeitslosigkeit beträgt rund fünfzig Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit dürfte bei achtzig Prozent liegen, genaue Angaben gibt es nicht. Nach Angaben der Vereinten Nationen leben etwa 17 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut (von weniger als 94 Cent pro Tag) und 45 Prozent in absoluter Armut (von weniger als 1,42 Euro pro Tag).

Man spürt wenig von der Misere

Gäste in einem Straßencafe in Prishtina
Straßencafé in Prishtina Bildrechte: IMAGO

Doch im Zentrum der Hauptstadt spürt man wenig von der allgemeinen sozialen Misere. Sicher, die Fassaden der Häuser sind heruntergekommen, die Straßen in einem schlechten Zustand, es gibt unzählige Schwarzbauten und an jeder Ecke hocken Bettler. Doch die Stimmung ist heiter, lebendig. Junge Menschen sind modern, westlich gekleidet, die Mädchen tragen kurze Kleider. Nur ab und zu sieht man eine Frau mit Kopfbedeckung. Mit einem Hijab. Oder in einem Niqab. Oder gar einer Burka.

Große Hoffnungen

Genau dies - Frauen, streng gekleidet nach den Vorschriften des Islam -, ist ein neues Phänomen im Kosovo. Das Land war stets betont säkular. Im Gegensatz zu den Kriegen in Kroatien und in Bosnien nach dem Zerfall Jugoslawiens 1991 hatte der Befreiungskampf der Albaner im Kosovo gegen die Unterdrückung Serbiens nur wenig mit Religion zu tun. Es war ein ethnischer Konflikt, es ging um Bürgerrechte und Selbstbestimmung. Auch wenn, laut einer Umfrage von 2011, 95,61 Prozent der Bevölkerung des Kosovo sich als gläubige Muslime bezeichneten - der Islam hatte für die Albaner keine zentrale, tatsächlich beherrschende Bedeutung. Er schlich sich erst später und ganz allmählich in die kosovarische Gesellschaft ein.

Kosovo, Kfor
Kfor (Kosovo Force) im Kosovo. Bildrechte: IMAGO

Seine Unabhängigkeit hat das Kosovo dem Westen, vor allem den USA zu verdanken. Im Zentrum von Prishtina steht ein Denkmal für den einstigen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, der den Westen im Kosovo-Krieg anführte: Im Jahr 1999 bombardierte die Nato fast drei Monate lang Serbien und Montenegro. Danach zog Serbiens Präsident Slobodan Milosevic serbische Streitkräfte aus dem Kosovo zurück, eine internationale Friedenstruppe (die Kfor, Kosovo Force) marschierte in das Kosovo ein. Die Erwartungen der Kosovaren waren groß, man wähnte sich im Schnellzug in Richtung Europäische Union.

Enttäuschung

Acht Jahre vergingen, bis das Kosovo im Februar 2008 seine Unabhängigkeit ausrief. Das löste eine neue euphorische Hoffnungswelle unter den Kosovaren aus. Doch sie wurden enttäuscht. Bislang hat die EU noch nicht einmal eine Visa-Liberalisierung  für das Kosovo gebilligt und noch nicht einmal alle EU-Staaten haben die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt, geschweige denn, dass Beitrittsverhandlungen wenigstens in Erwägung gezogen worden wären. Und die soziale Misere drückt immer heftiger. Ähnlich wie in Serbien, Bosnien, Mazedonien oder Albanien schwand allmählich der Glaube an die EU im Kosovo.

Der EU-Kommissar für Europäische Nachbarschaftspolitik und Erweiterungsverhandlungen, Johannes Hahn, "kümmert sich nur um Serbien", beklagte sich neulich der Präsident des Kosovo, Hashim Thaci. Ausgerechnet Serbien, ein Staat, der das Kosovo als seinen ureigenen Bestandteil, als serbisches Territorium betrachtet...!

Eines der rückständigsten Länder Europas

Das Kosovo mit seinen 1,8 Millionen Einwohnern  schwebt im europäischen Niemandsland. Die Schlagworte: Regierungskrise, Verfassungskrise, politische Krise, Korruption, Vetternwirtschaft, organisiertes Verbrechen, Grenzstreit mit Montenegro, ewiger Streit mit Serbien über alles, der Norden des Landes beherrscht von der serbischen Minderheit, eine extremistische nationalistische Opposition, Tränengas im Parlament, politische Führer unter dem Verdacht, Kriegsverbrechen begangen zu haben. Und vor allem Armut und Perspektivlosigkeit. Trotz Finanzhilfen der USA und der EU in Milliardenhöhe, einer Nato-geführten internationalen Schutztruppe und der größten EU-Auslandsmission (Eulex), gilt das Kosovo als eines der korruptesten und rückständigsten Länder Europas.

Egal, wer im Kosovo an der Macht war, geändert hat sich nie etwas. So sehen es jedenfalls die Kosovaren. Und deren Befürchtung ist: Es werde sich niemals etwas ändern. Wenigstens nicht hin zum Besseren...

Der saudische Einfluss

Die Enttäuschung über den Westen, das entstandene Einflussvakuum, nutzen Länder wie die Türkei oder Saudi Arabien aus. Während auf der einen Seite die Idee eines Großalbanien – der Vereinigung Albaniens, des Kosovo, Mazedoniens, Südserbiens und den in Montenegro lebenden Albanern – immer öfter und lauter ausgesprochen wird, gewinnt auf der anderen Seite der Islam immer mehr an Bedeutung im öffentlichen Leben des Kosovo. Nicht nur der moderate Islam, sondern auch der radikale.

Männer bei Freitagsgebet
Freitagsgebet in einer Moschee in Obilic. Bildrechte: IMAGO

Die Aufmerksamkeit des Westens auf eine "Islamisierung" des Kosovo weckte im Frühjahr 2017 ein Artikel in der "New York Times". Dort wird behauptet, das radikale saudische Imame über islamische Wohlfahrtsorganisationen und den Bau neuer Moscheen den Wahhabismus im Kosovo verbreiteten - eine puristisch-traditionalistische Richtung des sunnitischen Islam; dass sie junge Kosovaren für den Kampf in Syrien rekrutierten und den Dschihad lehrten. Das alles geschehe unter dem Deckmantel von sozialer Hilfe, für die aus Saudi-Arabien Millionen Euro in das sozial zerstörte Land flössen.

"Sie haben den politischen Islam verbreitet", erklärte der Direktor der kosovarischen antiterroristischen Agentur, Fatos Makoli. In den vergangenen zwei Jahren seien wegen Anstiftung zum Terrorismus 67 Menschen angeklagt, 14 Imame verhaftet und 19 Organisationen verboten worden. Makoli erklärt, dass es schwer sei zu beweisen, dass hinter der legalen Verbreitung des Islam Gewalt und der Dschihad gepredigt würden. Man gehe aber davon aus, dass sich Hunderte Kosovaren dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen hätten; gegen Hunderte wird im Kosovo wegen Verbindung zu militanten Islamisten ermittelt.

Identitätsänderung

Eine Moschee ist mitten in der Landschaft zu sehen
Moschee in der Nähe von Prishtina. Bildrechte: dpa

Der Islam hat eigentlich keine kulturellen Wurzeln im Kosovo. Doch mittlerweile gibt es im Lande über 700 Moscheen, hinzu kommen noch Schulen, in denen der Koran gelehrt wird. Wegen der Frustration, die seit vielen Jahren andauert, wenden sich immer mehr Menschen dem Islam, einige auch, unter saudischem Einfluss, dem radikalen Islam, dem Wahhabismus, zu. Schätzungen zufolge können rund 50.000 Kosovaren ohne Weiteres dem radikalen Islam zugerechnet werden.

Der Trend im Kosovo ist, dass sich immer mehr muslimische Albaner in erster Linie als Muslime und erst dann als Albaner identifizieren. Das ist eine große Identitätsveränderung in der säkularen Bevölkerung, die sich, immer noch schleichend, von den westlichen Werten abwendet.

Dieser Trend ist eine Folge der Verbitterung. Man fühlt sich erniedrigt, im Stich gelassen, verraten. Am Ende des Tunnels, der in die EU führt, sieht man kein Licht mehr. Den schönen Versprechungen von EU-Beamten schenkt man immer weniger Glauben. Aus ähnlichen Gründen wenden sich viele Serben dem slawisch-orthodoxen Russland zu. Seit einem Jahrzehnt schwindet der Einfluss der EU auf dem Westbalkan, Brüssel überlässt den Spielraum anderen Mächten.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Heute im Osten - Stippvisite Balkan | 23.07.2016 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Mai 2017, 10:59 Uhr