Junge Menschen sägen in einem Wald Holzkreuze aus Bäumen.
Seit zwölf Jahren pflegen litauische Freiwillige die Gräber deportierter Landsleute in Sibirien, wie hier im Sommer 2017. Dieses Jahr wurde die "Mission Sibirien" Opfer eines politischen Zwists zwischen Vilnius und Moskau. Bildrechte: Misija Sibiras

Litauen und Russland tragen Geschichtsstreit auf Gräbern aus

Russland will den Teilnehmern einer litauischen Projektgruppe, die Gräber in Sibirien pflegt, kein Visum erteilen. Dahinter steckt ein tiefgreifender Streit beider Länder über die Erinnerung an die Sowjetunion.

von Vytenė Stašaitytė

Junge Menschen sägen in einem Wald Holzkreuze aus Bäumen.
Seit zwölf Jahren pflegen litauische Freiwillige die Gräber deportierter Landsleute in Sibirien, wie hier im Sommer 2017. Dieses Jahr wurde die "Mission Sibirien" Opfer eines politischen Zwists zwischen Vilnius und Moskau. Bildrechte: Misija Sibiras

Die 25-jährige Gintarė Bakūnaitė hat all ihre Kraft und Freizeit investiert, um Mitte Juli für zwei Wochen die entfernsten Ecken Russlands zu bereisen. Sie wanderte probehalber mehr als 70 Kilometer, las viele Bücher über litauische Geschichte und besuchte Landsleute, die die Sowjetzeit er- und überlebt haben.

Wunder Punkt litauischer Geschichte

Mit 23 anderen Aktivisten der Nichtregierungsorganisation "Jauniems" wollte sie an der  "Mission Sibirien" teilnehmen. Dabei wandern die Aktivisten zwei Wochen lang zu Fuß durch Sibirien und kümmern sich um die vergessenen Gräber deportierter Litauer. Seit 2006 organisiert die NGO jährlich diese Reisen, um die Erinnerung an ein dunkles Kapitel der litauisch-russischen Beziehung aufrechtzuerhalten.

Junge Männer rollen einen Baumstamm durch einen Wald.
Zwei Wochen lang wandern die Teilnehmer durch Sibirien und bauen unter anderem neue Kreuze für die Gräber der Deportierten. Bildrechte: Misija Sibiras

Denn zwischen 1940-1953 verschleppte die Sowjetunion bis zu 280.000 Litauer, zehn Prozent der Bevölkerung des kleinen Landes. 150.000 der deportierten wurden unter unmenschlichen Bedingungen in sibirischen Lagern inhaftiert. Viele sind dort verstorben und begraben worden. Ihr Schicksal ist bis heute ein wunder Punkt in der Geschichte Litauens. 

Russland spricht von "Gegenreaktion"

Doch Ende vergangener Woche bekam die NGO "Jauniems" mitgeteilt, dass Russland den Teilnehmern dieses Jahr keine Visa erteilen wird. Die russische Botschaft begründete die Entscheidung mit neuen Regeln in Litauen, die die Pflege sowjetischer Kriegsgräber betreffen. Diese würden die Arbeit russischer Gruppen behindern, die Kriegsgräber in Litauen pflegen, erklärte die Botschaft. Litauen widersprach.

Immer wieder kommt es zwischen den beiden Staaten zu solchen Auseinandersetzungen. Russland etwa fand vermehrt Gründe für "Strafaktionen": Litauens Unterstützung für die Ukraine, die Stationierung von NATO-Truppen an der litauisch-russischen Grenze und das vehemente öffentliche Anprangern sowjetischer Verbrechen in dem kleinen Land, dass im Zweiten Weltkrieg von der Sowjetunion besetzt und dann in diese eingegliedert wurde.

Auch, dass Moskaus Litauens Unabhängigkeitsbewegung 1991 mit Panzern niederwalzen ließ, gehörte zum "sowjetischen Trauma" Litauens. Die Regierung in Vilnius setzt die Verbrechen der UdSSR deshalb mit denen der Nationalsozialisten gleich, was in Moskau für Empörung sorgt.

Rucksack bleibt gepackt

"Es ist schade, dass eine Bürgerinitiative wegen solchen politischen Gründen verhindert wird", sagt Gintarė Bakūnaitė. Als Journalistin sei sie aber eigentlich nicht überrascht von der Entscheidung. Die Gruppe hat den Plan inzwischen aufgegeben, nach Sibirien zu reisen und eine Alternative gefunden. Nun soll es nach Kasachstan gehen. Denn auch dahin seien litauische Bürger deportiert worden, erklärt die Leiterin des Projektes Raminta Kėželytė.

Vorbereitung als Motivation

Eine junge Frau mit Selfiestick spricht mit einem jungen Mann.
Gintarė Bakūnaitė und ein anderer Teilnehmer der "Mission Sibirien" bei der Vorbereitung im Frühjahr. Bildrechte: Misija Sibiras

Ausdauernd ihre Ziele zu verfolgen, haben die 24 Teilnehmer bereits in der Vorbereitung gelernt. Unter 1.000 Menschen wurde sie in einem mehrstufigen Verfahren ausgewählt. Zwei Mal mussten sie dazu auf Probe-Wanderungen gehen und beweisen, dass sie für die Expedition geeignet sind: 20 und 52 Kilometer liefen sie dafür am Stück, erinnert sich Teilnehmerin Gintarė Bakūnaitė.

Während diesen Wanderungen habe sie gelernt, im Team über sich selbst hinauszuwachsen. "Zwischenzeitlich lag ich total erschöpft am Boden und war kurz vor dem Scheitern. Dann haben die anderen einen Teil meines Gepäcks getragen. Da habe ich gemerkt, dass ich weitermachen muss. Denn sonst hätten sich die anderen umsonst aufgeopfert. Manchmal hast du einfach kein Recht mehr, aufzugeben", sagt Gintarė Bakūnaitė.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: HEUTE IM OSTEN: Reportage | 17.03.2018 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2018, 10:43 Uhr