Frachtflugzeug Antonow
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Ukraine Flugzeugbauer Antonow kämpft um seine Zukunft

Die ukrainische Luftfahrtindustrie hat vor allem dank des Konstruktionsbüros Antonow eine lange Tradition. Der politische Konflikt mit Russland stellt jedoch die ganze Branche vor Herausforderungen, die auch die Zukunft von Antonow in Gefahr bringen könnten.

von Denis Trubetskoy

Frachtflugzeug Antonow
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Eigentlich darf die ukrainische Luftfahrtindustrie mit Stolz auf große Traditionen zurückblicken. Gerade das berühmte Konstruktionsbüro Antonow, benannt nach dem berühmten sowjetischen Flugzeugkonstrukteur und dem ursprünglichen Leiter Oleg Antonow, hängt auch 25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion die ukrainische Fahne in der Branche hoch. Mit den beiden berühmten Modellen An-124 und An-225 hat Antonow, seit 2015 in den staatlichen Rüstungskonzern Ukroboronprom eingegliedert, immerhin die größten Transportflugzeuge der Welt in seinen Reihen.

Russisch-ukrainische Zusammenarbeit gekappt

Wolodymyr Hrojsman Wladimir Groisman Ministerpräsident Ukraine
Der ukrainische Ministerpräsident Grojsman vertraut auf den Erfolg der Luftfahrtindustrie seines Landes. Bildrechte: IMAGO

"Die Luftfahrtindustrie ist vor allem dank Antonow eine der erfolgreichsten Wirtschaftsbranchen unseres Landes", sagt der ukrainische Ministerpräsident Wolodymyr Grojsman. "Unsere Flugzeuge entdeckt man in jeder Ecke der Welt, deren Qualität ist überall bekannt." Doch während Grojsman und andere Regierungsmitglieder keine Möglichkeit verpassen, den internationalen Erfolg der ukrainischen Flugzeuge zu loben, sieht die Realität düsterer aus. Zum einen hat die Branche – ähnlich wie andere Bereiche der ukrainischen Industrie – kaum einen großen Entwicklungsschritt nach vorne gemacht seit der Auflösung der UdSSR.

Zum anderen wird der Zustand der Luftfahrtindustrie massiv durch den politischen Konflikt mit Russland nach der russischen Annexion der Krim, sowie den Ausbruch des Krieges im Donbass beeinflusst. Denn in der Vergangenheit wurde zum Beispiel rund die Hälfte der Ersatzteile für Antonow-Flugzeuge in Russland hergestellt. Beim Passagierflugzeug An-148, das außerdem seit 2015 als Präsidentenflugzeug von Petro Poroschenko genutzt wird, lag der russische Anteil sogar bei 70 Prozent. Weil russische und ukrainische Luftfahrtproduzenten spätestens seit 2015 nicht mehr zusammenarbeiten, muss sich die Ukraine auf die Suche nach Alternativen für russische Ersatzteile begeben, was gar nicht so einfach ist.

Bestellungen aus dem Ausland fehlen

Beim neuen Transportflugzeug An-132, das in diesem Jahr sein Flugdebüt feierte, konnten die Alternativen dank ausländischer Finanzierung, in erster Linie aus Saudi-Arabien, doch gefunden werden. Das ist allerdings das einzige Flugzeug, das die gesamte ukrainische Luftfahrtindustrie 2016 auf die Welt brachte. Es sind allerdings vor allem Serienmodelle wie die Passagierflugzeuge An-148 und An-158, die durch die Einstellung der Zusammenarbeit zwischen Russland und der Ukraine leiden. "Die Frage ist, ob Antonow gerade in diesem Bereich einen Partner wie Russland finden kann. Russland bezahlte die Herstellung im Voraus und wartete noch rund zwei Jahre, bis das Flugzeug fertig ist", sagt der ukrainische Luftfahrtexperte Olexander Lanezkyj gegenüber Radio Swoboda. "Wenn diese Frage gelöst wird, könnte es für Antonow irgendwann wieder nach oben gehen."

Mittlerweile muss sich Kiew lediglich mit Bestellungen des neuen An-132 aus Saudi-Arabien zufrieden geben. Die Verhandlungen mit anderen Ländern laufen zwar, haben jedoch nur geringe Erfolgsaussichten. Ein Grund dafür ist eben, dass die Ukraine im Moment nicht bereit ist, Serienflugzeuge im nötigen Tempo zu produzieren. Das hat unter anderem zu tun mit der Auflösung der Kooperation mit dem russischen Hersteller United Aircraft Corporation, die zwischen 2010 und 2015 lief. Als Folge hat Antonow wegen fehlender Bauteile im letzten Jahr kein einziges Serienflugzeug produziert, 2015 konnte die Ukraine jeweils einen An-148 und einen An-158 herstellen. "Wir sind jetzt wieder bereit, ein Flugzeug von Anfang bis zum Ende bei uns in der Ukraine zu bauen", verspricht zwar Ministerpräsident Grojsman, doch glauben will ihm kaum jemand.

Keine Militäreinkäufe aus Russland mehr

Ein weiterer Aspekt ist die gekippte Zusammenarbeit zwischen Kiew und Moskau im Militärbereich. In der Ukraine ist mittlerweile der Handel mit der russischen Verteidigungsindustrie verboten. Allerdings läuft es hier nicht erst seit 2014 alles andere als nach dem Wunsch Antonows. Denn früher setzte die Ukraine tatsächlich große Hoffnungen auf Militäreinkäufe aus Russland: 2011 bestellte das russische Verteidigungsministerium zum Beispiel 60 Militärflugzeuge An-70. Zwei Jahre später wurde das Projekt jedoch auf Wunsch des russischen Vizepremiers Dmitrij Rogosin eingestellt. Immerhin kaufte Russland bis 2015 acht Transportflugzeuge An-140 und sollte in den darauffolgenden fünf Jahren noch 20 An-140 dazu kaufen.

Auch die russische Industrie leidet

Auch dieses Projekt ist nun Geschichte, was übrigens nicht nur für die Ukraine, sondern auch für Russland selbst nicht profitabel ist. Die beiden Luftfahrtwerke in Samara und Woronesch, wo Antonows Flugzeuge mitproduziert wurden, erleben spätestens seit 2015 eine große Krise, die nicht zu übersehen ist. "Es ist zwar schade, dass wir mit der Ukraine nicht mehr zusammenarbeiten, das war für beide Seiten profitabel", heißt es aus dem Verteidigungsministerium in Moskau. "Dies zu kompensieren, wird für Russland jedoch kein Problem sein." Ganz so problemlos läuft es offenbar nicht, obwohl die Ukraine darunter stärker leidet als die Russen.

Was wird die Zukunft bringen?

Hat die ukrainische Luftfahrtindustrie also überhaupt eine Zukunft? "Es gibt gar nicht so viele Länder – maximal zehn – die Flugzeuge herstellen", sagt Olexander Lanezkyj. "Die Ukraine gehört dazu, daher teile ich pessimistische Einstellungen nicht. Aber es wird schwierig sein, sich ohne Bestellungen aus dem Ausland zu verbessern." Gerade bei Antonow tauchen allerdings auch innere Probleme immer wieder auf. So musste dessen Präsident Olexander Kozjuba nach nur einem Jahr im Amt zurücktreten, weil er rund 500 US-Dollar Tagesgeld für seine zahlreichen Dienstreisen vom Staat kassieren ließ. Kein gutes Zeichen in einer Zeit, in der Antonow auch mit finanziellen Schwierigkeiten kämpft.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 26.11.2016 | 23:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2017, 11:51 Uhr