Ukraine Tourismushochburg Lwiw: Zwischen Vielfalt und Nationalismus

2,5 Millionen Touristen haben im letzten Jahr das westukrainische Lwiw besucht. In diesem Jahr soll die Besucherzahl wieder steigen. Die Metropole gilt als europäischste Stadt der Ukraine - jedoch auch als Hochburg der Nationalisten. Dieser Mix macht das Erfolgsrezept von Lwiw aus.

von Denis Trubetskoy

Bunte Regenschirme hängen an Seilen.
Lviv empfängt immer mehr Gäste. Bildrechte: IMAGO

Mit rund 730.000 Einwohnern ist das westukrainische Lwiw "nur" die siebtgrößte Stadt des Landes und, neben Odessa, die wichtigste Tourismusattraktion. Sie gilt als europäischste Stadt der Ukraine, aber auch als Hauptstadt ukrainischer Nationalisten.

Lwiw, auf Deutsch Lemberg, ist geprägt durch ihre polnische und österreichische Vergangenheit und lockte zu schon Sowjetzeiten massenhaft Touristen. Doch noch nie lag die Stadt so stark im Trend wie heute. 2007 haben nach offiziellen Angaben rund 700.000 Touristen Lwiw besucht. 2017 waren es bereits 2,5 Millionen Menschen – ein rasanter Anstieg innerhalb eines Jahrzehnts.

Schwache ukrainische Währung lockt Touristen an

Der Erfolg von Lwiw hat nicht nur wirtschaftliche Ursachen, sondern indirekt auch mit der Politik zu tun. Seit der Maidan-Revolution hat die ukrainische Nationalwährung Hrywnja deutlich gegenüber dem Euro und US-Dollar an Wert verloren. Dadurch sind beispielsweise Auslandsreisen für Ukrainer teuer geworden, weshalb sie immer öfter Urlaub im eigenen Land machen. Die schwache Währung macht die Stadt allerdings auch für die Nachbarn attraktiv.

"Es ist deutlich spürbar, dass jedes Jahr mehr Polen zu uns kommen", sagt der Lwiwer Bürgermeister Andrij Sadowyj, dessen "Selbsthilfe"-Partei im ukrainischen Parlament sitzt. "Zwar ist Lwiw geografisch nah, allerdings konkurrieren wir de facto mit allen westeuropäischen Städten. Deswegen sehen wir es als großen Erfolg, dass so viele ausländische Touristen zu uns kommen. Es sind aber nicht nur Polen: Auch Deutsche, Österreicher, Tschechen oder Ungarn kommen gerne."

Lwiw: "Mix aus zwei Kulturen"

Tatsächlich ist es mittlerweile keine Seltenheit mehr, wenn man auf dem "Ploschtscha Rynok", dem historischen Marktplatz von Lwiw, Deutsch hört. Eigentlich ist er von einem traditionellen westeuropäischen Marktplatz nicht zu unterscheiden - trotz vieler Jahre sowjetischer Prägung.

Kinder in traditioneller Kleidung winken mit bunten Bändern.
In Lwiw treffen diverse Kulturen und Lebenseinstellungen aufeinander und bilden einen bunten Mix: hier Kinder in traditioneller ukrainischer Kleidung bei einem Straßenumzug. Bildrechte: IMAGO

Die mit Kopfsteinpflaster bedeckten kleinen Straßen, katholisch geprägte Kirchen sowie die von der Habsburger Monarchie inspirierte Architektur erweckt auf den ersten Blick nicht den Eindruck, in der Ukraine zu sein. Doch was das wahre Lwiw-Gefühl ausmacht, ist die Mischung aus westeuropäischem und postsowjetischem Charme: Denn sobald man aus der Innenstadt raus ist, sieht man sofort den sogenannten sowjetischen Modernismus, samt klassischen Plattenbauten.

"Neben den vergleichbar niedrigeren Preisen, ist es genau das, was einige Westeuropäer an Lwiw attraktiv finden, dieser Mix aus zwei Kulturen", erzählt der 31-jährige Bohgan, der gut Englisch, Deutsch und Französisch spricht. Gerade im Sommer verdient er sein Geld als Reiseführer für Ausländer. "Sich einfach eine Stadt anzuschauen, die genauso aussieht wie alle anderen Städte im Westen, das findet manch einer langweilig. Lwiw ist hingegen sehr bunt: Auf der einen Seite nie wirklich sowjetisch, andererseits nie negativ gegenüber der Sowjetunion eingestellt, doch stark von der sowjetischen Periode geprägt.

Insgesamt sehr politisch und spannend." Auch Bohdan merkt, dass immer mehr ausländische Touristen kommen: "Diese Entwicklung nahm 2012, während der Fußball-EM, Fahrt auf. Damals hat zum Beispiel Deutschland zwei Mal bei uns gespielt. Einige Deutsche kommen seitdem immer wieder. Darüber hinaus pflegt die Stadtverwaltung das Tourismus-Image der Stadt sorgfältig: "Ich bin zwar nicht mit allem, was Bürgermeister Sadowyj macht, einverstanden, doch das macht er richtig gut."

"Nationalismus verkauft sich eben ganz gut"

Der aktuelle Erfolg von Lwiw wird oft damit erklärt, Sadowyj mache gemeinsame Sache mit lokalen Unternehmen und entwickle spannende Konzepte, die eben Menschen anlocken. Zu diesen Unternehmen gehört die "!Fest"-Gruppe von Andrij Chudo, die eine große Reihe von Themen-Restaurants und Kneipen beitreibt, rund die Hälfte davon mit nationalistischer Grundthematik.

Denn Lwiw gilt als Wiege der modernen ukranischen Kultur. Weil es vor dem Ersten Weltkrieg zum Habsburgerreich gehörte, konnte sich hier die ukrainische Sprache und Kultur im 19. Jahrhundert deutlich freier entwickeln. Das mit Abstand bekannteste Café der "!Fest"-Gruppe - und der gesamten Stadt - befindet sich im Keller eines Gebäudes am Martkplatz und nennt sich "Kryjiwka".

Am Eingang wird der Gast von einem Mann in der Uniform der historisch umstrittenen "Ukrainischen Aufständischen Armee" begrüßt, der zunächst einmal fragt, ob "Moskali", also Russen, anwesend sind und danach eine Eintrittsparole ausruft: " Slawa Ukrajini", zu Deutsch "Ruhm der Ukraine". "Das meinen wir nie ernst. Vor 2014 haben uns die Russen gerade deswegen sehr gerne besucht, einige kommen immer noch", so Chudo.

Der in Lwiw lebende Journalist Oleh Schtscherbakow glaubt, das nationalistische Image sei Lwiw nie völlig wegzunehmen, allerdings sei es heutzutage mehr PR als Wirklichkeit: "Lwiw ist die größte westukrainische Stadt und viele nationalistische Gruppierungen kommen von hier. Ich denke aber, diese nationalistische Karte wird vielmehr von der Stadt selbst und von den hiesigen Unternehmen gespielt, damit die Leute nach Lwiw kommen. Das finden sowohl Ukrainer als auch Ausländer spannend. Nationalismus verkauft sich eben ganz gut.“

Und so stehen Kneipen und Cafés wie "Kryjiwka" genauso für das moderne Lwiw als auch unzählige Kaffee- und Schokoladehäuser, an denen im Zentrum kein Weg vorbeiführt. Keine andere ukrainische Stadt polarisiert so stark wie Lwiw – und genau das weckt das Interesse der Touristen im In- und Ausland, im Sommer wie im Winter.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 30.06.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juli 2018, 16:43 Uhr