Menschen demonstrieren mit der griechischen Fahne in der Hand.
Der Namensstreit stößt vor allem bei der nordgriechischen Bevölkerung auf Protest. Bildrechte: IMAGO

Mazedonien und Griechenland Im Namensstreit verfangen

Ein Namensstreit mit Griechenland blockiert seit einem Vierteljahrhundert die Integration Mazedoniens in die EU. Nun scheint sich ein Lösung abzuzeichnen - allerdings nicht ohne Proteste auf beiden Seiten.

von Andrej Ivanji

Menschen demonstrieren mit der griechischen Fahne in der Hand.
Der Namensstreit stößt vor allem bei der nordgriechischen Bevölkerung auf Protest. Bildrechte: IMAGO

Endlich hört man friedliche Töne - sowohl in Skopje, als auch in Athen. Mit dem Machtwechsel in der "Ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien" scheint sich eine Lösung des jahrzehntelangen Namensstreites abzuzeichnen. Als Zeichen des guten Willens änderte man in Mazedonien den Namen des Flughafens und der Autobahn.

Regierungschef Zaev geht auf Griechenland zu

Den angeblichen Vorschlag Griechenlands dem Namen Mazedonien einen geografischen Zusatz voranzustellen, kommentierte Regierungschef Zaev in einem Interview für das Nachrichtenmagazin "Spiegel": "In der Vergangenheit war das bei uns ein Tabu. Ich kann als Regierungschef Mazedoniens nun aber offiziell verkünden, dass es für uns akzeptabel ist, weil es eine Tatsache ist". Denn, Mazedonien sei eine historische Region, die in drei Ländern liege: in der "Republik Mazedonien", in Griechenland und in Bulgarien. Mazedonien sei der nördliche oder der obere Teil, in Griechenland sei der südliche Teil und der östliche sei in Bulgarien, erklärte Zaev.

Der mazedonische Regierungschef machte vier Namensvorschläge: Republik Nordmazedonien; Republik Oberes Mazedonien; Republik Vardar Mazedonien und Republik Mazedonien (Skopje).

Proteste in Griechenland und Mazedonien

Auf die Frage, ob Skopje denn territoriale Ansprüche an Griechenland hätte, sagte Zaev dem "Spiegel": "Nun ja, wir möchten im Sommer die schönen Strände und Inseln Griechenlands okkupieren. Mehr als eine Million Mazedonier fahren jedes Jahr nach Griechenland, wir geben unser Geld dort aus, wir lieben Griechenland, es gibt so viele Kontakte von Unternehmern und Touristen nach Griechenland."

Im Bild zündet eine Gruppe von Männern die Fahne von Mazedonien.
Demonstrationen im Zuge des Namensstreits mit Mazedonien in Athen von Sympathisanten der Partei "Goldene Morgenröte" im Februar 2018. Bildrechte: IMAGO

Die Griechisch-orthodoxe Kirche findet das Ganze jedoch nicht so lustig. Die heilige Synode verkündete, dass sie als "Christen und Griechen" den Gebrauch Mazedoniens im Namen des Nachbarstaates entschieden und unwiderruflich ablehnten. Rund 100.000 Griechen protestierten im Februar in Athen, dass Griechenland im Namensstreit mit Skopje nicht aufgeben solle. Proteste gab es auch in Mazedonien, man rief zum entschlossenen Widerstand gegen die "griechischen Erpresser" auf.

Zum Hintergrund des Streits

Dabei sah es vor einem Vierteljahrhundert so gut aus für Mazedonien. Im Gegensatz zu anderen Teilrepubliken Jugoslawiens erlangte Mazedonien seine Unabhängigkeit ohne einen einzigen abgefeuerten Schuss. Die Türen zur EU und der Nato standen offen für das kleine, multi-ethnische Land mit knapp über zwei Millionen Einwohnern. Es war ein Musterschüler auf dem Balkan.

Dann allerdings wurde die Entwicklung der frischgebackenen Demokratie brüsk aufgehalten. Nicht etwa, weil es ethnische Spannungen zwischen Mazedoniern und der albanischen Minderheit gab, die eine angemessene Vertretung in Politik und Verwaltung forderte. Nicht etwa, weil es Korruptionsaffären in der Amtszeit einer autokratischen Regierung gab. Nein, es war der Namensstreit mit dem Nachbarstaat Griechenland, der die Verhandlungen mit der EU und Nato ins Stocken geraten ließ.

Nationaler Stolz

Athen sah im Staatsnamen "Republik Mazedonien" territoriale Ansprüche des kleinen Nachbarn, fühlte sich seiner Identität beraubt, weil eine griechische Region Mazedonien heißt und die Griechen den Namen "Mazedonien" für sich beanspruchen.

Plötzlich ging es um Nationalstolz. Griechenland setzte in der EU und der Nato sein Vetorecht wegen des Namensstreites ein. Als eine vorübergehende Lösung einigte man sich 1995 auf den Namen "Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien" (Former Yugoslav Republic of Macedonia – FYROM). Athen wollte sein Veto in der EU und Nato erst zurücknehmen, wenn Skopje den Namen "Mazedonien" aus seinem Staats- und Verfassungsnamen streicht. Seitdem sind 23 Jahre vergangen.

Diese Haltung löste Trotzreaktionen in Mazedonien aus. Während der zehnjährigen Herrschaft der rechtsnationalen Partei VMRO DPMNE (2006-2016) wurde alles Mögliche nach Alexander dem Großen benannt: der Flughafen in Skopje oder die Autobahn nach Griechenland. Ein protziges Alexander-Denkmal wurde im Zentrum von Skopje gebaut, das durch gewaltige, kitschige Neubauten an die Antike erinnern sollte. Es sollte eine Anspielung darauf sein, dass die heutigen Mazedonier Nachfahren von Alexander des Großen und ihre Wurzeln im antiken Griechenland zu suchen seien. Statt zu lächeln, sahen die Griechen in der antiken Alexander-der-Große-Show des Nachbarlandes eine unverschämte Provokation. Die Lage spitzte sich noch mehr zu.

Russischer Vormarsch

Dass der Spaß zu Ende ist, merkte man allmählich auch in Brüssel und Washington. Da es mit der EU- und Nato-Integration nicht voran kam, nutzte Russland den freien Spielraum aus, um seinen Einfluss auf Mazedonien zu erweitern. Der Westen stellte sich danach endlich hinter die mazedonische Opposition und half Ende Mai 2017 dem Sozialdemokraten Zoran Zaev an die Macht zu kommen. Der heftige innenpolitische Machtkampf begleitet von Massenprotesten, Gewalt und zahlreichen Affären dauerte jahrelang. Der ehemalige Ministerpräsident Nikola Gruevski und einige seiner Mitläufer wurden wegen Machtmissbrauch, Korruption und verfassungswidrigen Handlungen angeklagt. Die Prozesse sind im Gange.

Hoffnung in Sicht

Trotzdem gibt es Hoffnung, dass das Problem bis Sommer gelöst wird und Mazedonien den Aufnahmeprozess mit der Nato und Beitrittsverhandlungen mit der EU endlich beginnen könnte. Auch die russische Tageszeitung "Kommersant" sieht das so und warnt, dass ein Übereinkommen zwischen Athen und Skopje zu geopolitischen Änderungen auf dem Balkan führen würde. Denn beim Nato-Gipfel der Allianz in Bukarest 2008 hätte man Mazedonien die Mitgliedschaft versprochen, sobald es den Namensstreit mit Griechenland löse. Im Juni 2017 ist Montenegro das 29. Mitglied der Nato geworden. In Moskau sah man dem zähneknirschend zu: Ebenso wie Serbien betrachtete man die kleine, slawisch-orthodoxe Adriarepublik als ein russisches Standbein auf dem Balkan.

Mazedoniens Regierungschef Zaev gibt sich zuversichtlich. "Wir sind ein multi-ethnisches Land, wenn bei uns Unruhe und Instabilität herrschen, dann strahlt das auch auf die gesamte Region aus", sagte er. Das aber würden die Nato und die EU nicht zulassen. Laut Zaev ist ein Scheitern für alle betroffenen Seiten undenkbar - für Mazedonien, für die gesamte Westbalkan-Region und insofern auch für die EU. Undenkbar war es allerdings auch, dass ein Namensstreit das Land 25 Jahre lang destabilisiert hat.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 04.02.2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2018, 15:14 Uhr