Möven kreisen über einer Mülldeponie in der Region Moskau.
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Dicke Luft: Russland erstickt im Müll

In Russland geht man sorglos mit Müll um. Die Deponien wachsen und entlassen auch mal giftige Dämpfe ins Umland. Das stinkt dann nicht nur zum Himmel, sondern kann auch gefährlich werden. Immer wieder protestieren die Menschen dagegen. Ändern wird sich vermutlich nichts.

von Maxim Kireev

Möven kreisen über einer Mülldeponie in der Region Moskau.
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Millionen Russen kennen die zehnjährige Tanja Lozowa seit einigen Wochen als das kleine "Kopf-ab-Mädchen". Ihren Spitznamen hat sich Tanja bei Protesten in ihrer Heimatstadt Wolokolamsk verdient. Als tausende Menschen gegen eine Mülldeponie auf die Straßen gingen, strich sich die Kleine mit zwei Fingern über den Hals und zeigte auf den Gouverneur der Oblast Moskau, Andrej Worobjow, der neben ihr und ihrer Mutter stand. Worobjow, eine Art Ministerpräsident, hatte zuvor den Chef des Bezirkes Wolokolamsk gefeuert, doch das eigentliche Problem nicht entschärft: die Mülldeponie. Aus der entweichen giftige Gase. Ende März waren Dutzende Kinder aus Wolokolamsk mit Verdacht auf Vergiftung in eine Klinik eingeliefert worden.

Gesicht des Protestes

Die Viertklässlerin ist mittlerweile das Gesicht der "Müll-Proteste" in Wolokolamsk geworden. Dort forderten am vergangenen Sonntag erneut rund 7.000 Menschen die Schließung der Deponie. Erfolglos. Stattdessen verurteilte ein Gericht den Umweltaktivisten Artjom Ljubimow und einen Wortführer der Proteste aus Wolokolamsk wegen Widerstand gegen Polizeibeamte zu 15 Tagen  Arrest.

Eine junge Frau nimmt an einer Demonstration teil und trägt ein Schild mit einer Figur und kyrilischen Buchstaben.
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Ein schwelendes Problem

Wolokolamsk ist kein Einzelfall. Wachsende Deponien sind ein landesweites Problem in Russland. Besonders im Umland von Moskau, aber auch rings um Metropolen wie Sankt Petersburg, Kazan oder Rostow am Don breiten sich Müllhalden aus. Sogar bei Putins Fernsehsprechstunde im vergangenen Jahr kam das Thema auf den Tisch, als ein Anrufer aus der Stadt Balaschicha bei Moskau sich beim Präsidenten über die ausufernde Müllhalde beschwerte, die sich bis auf 200 Meter Entfernung zu den Wohngebieten durchgefressen hat. Der Präsident reagierte prompt und in gewohnter Kümmerer-Manier: Nur wenige Tage später wurde die Deponie in Balaschicha dicht gemacht. Die Sache hat allerdings einen Haken. Nach offiziellen Angaben wurden in Balschicha bis zu 90 Prozent des Haushaltsmülls aus Moskau entsorgt. Dieser landet nun unter anderem in Wolokolamsk. Statt aus drei Bezirken von Moskau und Umland, fließt nun der Müll aus 15 Bezirken auf die Deponie, klagte vor wenigen Tagen der verhaftete Aktivist Ljubimow.

Mülltrennung? Fehlanzeige!

Überfüllte Abfallcontainer in Moskau
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Eine der Ursachen für das Müllproblem: Weit über neunzig Prozent des Haushaltsmülls in Russland landen ungetrennt auf Deponien. Nach Angaben der Umweltaufsichtsbehörde "Rosprirodnadzor" werden landesweit nur vier Prozent der Abfälle verarbeitet. Ein Bruchteil wird in Verbrennungsanlagen verbrannt. Selbst in Großstädten wie der Fünf-Millionen-Metropole Sankt Petersburg wird der Müll meist in einen großen Container im Innenhof abgeworfen, der regelmäßig geleert wird. Wer Müll bewusst trennen will, ist auf lokale Initiativen angewiesen, die in Intervallen von mehreren Wochen mobile Sammelpunkte aufbauen, in denen Bewohner Plastik, oder Altmetall und Papier abgeben können. Bis dahin müssen die Abfälle jedoch in der eigenen Wohnung aufbewahrt werden.

Müllentsorgung zum Schnäppchenpreis

Ein Mädchen sammelt Tetrapaks in Moskau ein
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Einer der Gründe, warum sich Mülltrennung nicht lohnt, ist der noch zu geringe Preis, den die Bewohner für die Müllentsorgung bezahlen. Zumal sich die Müllverarbeitung im Rohstoffland Russland nur selten lohnt. So zahlt ein Zwei-Personen-Haushalt in Russland je nach Wohnort kaum mehr als 2,50 Euro an Müllgebühren pro Monat. Die Tarife werden meist von den Kommunen festgelegt, auch wenn die Müllentsorgung schließlich privaten Unternehmen überlassen wird. Die Beamten ihrerseits wollen die Bevölkerung mit zu hohen Tarifen nicht verärgern. Selbst Investitionen in spezielle Container, die zur Mülltrennung notwendig wären, lohnen sich unter diesen Bedingungen nicht.

Müllberge so groß wie die Schweiz

Müllhalde in Russland
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Das alles führt dazu, dass Russlands Müllberge weiter wachsen. Wie groß die Gesamtfläche der Deponien ist, lässt sich schwer sagen. Vor anderthalb Jahren bezifferte Wladimir Putin selbst die Fläche der Deponien auf vier Millionen Hektar, was etwa der Größe der Niederlande oder der Schweiz entspricht. Mit ähnlichen Zahlen operiert auch der Rechnungshof in einem Untersuchungsbericht. In einem internen Dokument der Umweltaufsicht ist dagegen die Rede von einer Million Hektar Fläche, die zur Müllentsorgung im ganzen Land vorgesehen ist. Das entspräche noch immer der vierfachen Fläche des Saarlandes. Dazu kommt, dass viele der Deponien illegal arbeiten. So sprach der Chef der Stadtverwaltung der Millionenstadt Rostow, Vitali Kuschnakow, von zehn illegalen Deponien, die noch im vergangenen Jahr in seiner Stadt aktiv waren.

Hilfe aus den Niederlanden

Das Problem mit den giftigen Gasen, die in der Deponie Wolokolamsk austreten, soll derweil das niederländische Unternehmen "Trisoplast Mineral Liners" lösen. Die zehnjährige Tanja aus Wolokolamsk habe von der Firma auch schon eine Einladung nach Holland erhalten, erzählte ihre Mutter dem Sender Doschd. Dort soll sie sich anschauen, wie Müllverarbeitung in den Niederlanden funktioniert.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 25.05.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2018, 13:42 Uhr