Heute im Osten - Geraubte Kinder
Eine Gedenktafel am Gebäude der ehemaligen "Reichsschule für Volksdeutsche" erinnert an die dorthin verschleppten polnischen Mädchen. Rechts auf dem Foto ist Zyta Suś zu sehen. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Polen | Deutschland Kinder, die von Nationalsozialisten geraubt wurden

Kinder, die von den Nationalsozialisten aus den besetzten Ländern zur Zwangsgermanisierung entführt wurden, fordern Entschädigung für ihr Leiden. Bei der Recherche über dieses Thema ist unsere Ostbloggerin Monika Sieradzka aus Polen berührenden Schicksalen begegnet.

von Monika Sieradzka

Heute im Osten - Geraubte Kinder
Eine Gedenktafel am Gebäude der ehemaligen "Reichsschule für Volksdeutsche" erinnert an die dorthin verschleppten polnischen Mädchen. Rechts auf dem Foto ist Zyta Suś zu sehen. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Kaum ein anderes Thema der deutsch-polnischen Geschichte hat wohl so viele weiße Flecken wie der nationalsozialistische Kinderraub. Auch für mich war es noch vor einigen Jahren neu, dass in den von Hitlerdeutschland besetzten Ländern Mittel- und Osteuropas Kinder ihren Eltern entrissen oder aus Waisenhäusern ins Deutsche Reich verschleppt wurden. Das geschah auf Anweisung des Reichsführer-SS im Dritten Reich, Heinrich Himmler, der 1938 erklärte:

Ich habe wirklich die Absicht, germanisches Blut zu holen, zu rauben und zu stehlen, wo ich kann.

Ein Trauma fürs Leben

Heute im Osten - Geraubte Kinder
Zyta Suś als junge Frau in Polen im Jahr 1947. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Als ich über den Freiburger Verein "Geraubte Kinder – vergessene Opfer" den Kontakt zu Zyta Sus, einem der geraubten Kinder, bekam, verstand ich die Welt nicht mehr. Die inzwischen alte Dame, Jahrgang 1934, empfing mich in ihrer winzigen Wohnung in einem maroden Haus in Warschau. Zunächst ungern, dann erzählte sie mir aber von ihrem Schicksal. Sie sprach sehr leise, damit die Nachbarn es nicht hörten. Die ehemalige Friseurin, die sich mit ein paar Hundert Euro Monatsrente über Wasser zu halten versucht, lebt bis heute mit der Angst, als "Hitlerbastard" beschimpft zu werden. Das hat sie schon mal erlebt, ganz lange her.

Nach der Entführung aus Polen 1942 und der Zwangsgermanisierung in den so genannten "Lebensborn"-Heimen hatte sie ihre Muttersprache Polnisch fast verlernt, was ja auch das Ziel der ganzen Aktion war. Als sie mit elf Jahren auf Anweisung der polnischen Regierung wieder nach Polen gebracht wurde, wurde sie deshalb schikaniert. Und zwar jahrelang. "Man muss nicht sterben, um tot zu sein", sagte mir Zyta bei unserem ersten Treffen.

Ein vergessenes Thema

Bad Bolzin Pommern, Blick auf das Lebensborn Heim
Blick auf ein Lebensborn-Heim, das im polnischen Bad Polzin steht und von 1938 bis 1945 betrieben wurde, als der Ort zum deutschen NS-Staat gehörte. Bildrechte: dpa

Das ist ein ganz anderes Kriegsopferschicksal, als man es in Polen sonst kennt. In der polnischen Erinnerungskultur gleicht ein Kriegsopfer fast immer einem Helden. Viele tragen Auszeichnungen und geben Interviews. Anders ist es bei den geraubten Kindern, die ich getroffen habe. Viele fühlen sich ihr Leben lang minderwertig.  

Polnischen Schätzungen aus der Nachkriegszeit zufolge sollen bis zu 200.000 polnische Kinder von den Nazis entführt und zwangsgermanisiert worden sein. Es gibt aber auch Historiker, die von weit weniger Opfern ausgehen -  von 20.000 dokumentierten Fällen etwa.

In Anbetracht der Millionen von Kriegsopfern ist ihre Zahl gering – vielleicht sind sie auch deshalb nicht im Fokus. Der Kinderraub hat übrigens nicht nur in Polen, sondern auch in der Ukraine und im ehemaligen Jugoslawien stattgefunden. Opfer wurden in erster Linie Kinder mit blauen Augen und blonden Haaren, die der nationalsozialistischen Idealvorstellung vom "Arier" entsprachen.

Die Suche nach den Wurzeln

Heute im Osten - Geraubte Kinder
Hermann Lüdeking alias Roman Roszatowski wurde in Polen aus seiner Familie gerissen und von den Nationalsozialisten verschleppt. 1943 kam er zu seiner Pflegemutter Maria Lüdeking nach Lemgo. Bildrechte: Monika Sieradzka, MDR

Diesem Bild entspricht auch Hermann, Jahrgang 1936, auf seinem Kindheitsfoto. Der inzwischen pensionierte Ingenieur aus Bad Dürrheim (Baden-Württemberg) wurde 1942 aus Łódź entführt. Er kam ins Lebensbornheim "Sonnenwiese" in Kohren-Sahlis. Der 1935 gegründete SS-Verein "Lebensborn" war in Hitlers "Generalplan Ost" für die Zwangsgermanisierung der geraubten Kinder zuständig.

Hier hat ihn Maria Lüdeking, eine NSDAP-Aktivistin, zur Pflege bekommen. Nach dem Krieg durfte sie ihr "Ostkind" behalten, es musste nicht nach Polen zurück. So wurde Hermann, der ursprünglich Roman hieß, ein Deutscher. Seine wahren Wurzeln kennt der 82-Jährige bis heute nicht. "Das macht einen schon unruhig, wenn man nicht weiß, wer man ist."

Keine Entschädigung für die Opfer

Heute im Osten - Geraubte Kinder
Hermann Lüdeking zeigt ein Bild von sich als kleinen Jungen. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Im Verein "Geraubte Kinder - vergessene Opfer" kämpft Hermann um eine Entschädigung für sich, aber auch für andere geraubte Kinder. Bislang ohne Resultat. Die Forderungen wurden vom Bundesfinanzministerium, vom Petitionsausschuss des Bundestages und vom Kölner Verwaltungsgericht abgelehnt.  

Für mich war es herzzerreißend, als ich den alten Mann im Juli 2018 vor dem Kölner Gericht zusammen mit anderen Opfern stehen sah. Auf ihrem Transparent stand die Forderung nach Entschädigungen. "Ich gebe nicht auf", sagte mir Hermann nach mehreren Stunden im Gerichtsgebäude, deutlich erschöpft. Jede Ablehnung durch die Behörden sei wie eine Demütigung und Ohrfeige für ihn. Und schließlich gehe es nicht ums Geld, sondern um eine Anerkennung der Tatsache, dass die geraubten Kinder überhaupt auch NS-Opfer waren.

Die bewegenden Geschichten

Das Thema ist für mich nicht abgeschlossen. Ich bin an der Gemeinschaftsaktion der Deutschen Welle und des polnischen Internetportals Interia.pl unter dem Namen "Geraubte Kinder" beteiligt. Ihr Ziel ist, den Opfern und ihren Familien bei der Spurensuche zu helfen. Die Gespräche mit den Zeitzeugen halte ich mit der Kamera fest und versuche jedes Mal so viel wie möglich zu erfragen. Das Erzählen ihrer Geschichten habe eine therapeutische Wirkung, haben mir schon einige Opfer gesagt.

Heute im Osten - Geraubte Kinder
MDR-Ostbloggerin Monika Sieradzka zu Besuch bei Hermann Lüdeking in Dürrheim. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Ich kann sagen, dass es genauso auf denjenigen wirken kann, der hinter der Kamera steht. Die Menschen, die wir interviewen, strahlen eine unheimliche Stärke aus, so dass viele Dinge im eigenen Leben plötzlich eine neue Dimension bekommen. Vieles, worüber man sich normalerweise Sorgen macht, scheint auf einmal klein und banal. So erschließt sich für mich und meine Kollegen mit jedem Gespräch eine neue Welt. Und jedes Mal ist es ein Wettrennen mit der Zeit. Man weiß nicht, wie lange diese Menschen noch unter uns sein werden.

Über dieses Thema berichtete MDR ZEITREISE auch im: TV | 22.08.2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Dezember 2018, 05:00 Uhr