Der ukrainische Unternehmer Rinat Achmetow
Reichster Ukrainer: der Oligarch Rinat Achmetow Bildrechte: dpa

Das Vermögen der Oligarchen schrumpft

Die Oligarchen stecken in der Krise. Durch die Donbass-Blockade und die Verstaatlichung der Privatbank haben Schlüsselfiguren wie Rinat Achmetow und Ihor Kolomojskyj ihre wichtigsten Geschäftsfelder verloren.

von Denis Trubetskoy

Der ukrainische Unternehmer Rinat Achmetow
Reichster Ukrainer: der Oligarch Rinat Achmetow Bildrechte: dpa

Wenn man sich die neue Rangliste der reichsten Leute der Ukraine anschaut, die die ukrainische Zeitschrift "Focus" der Tradition nach jedes Jahr im April veröffentlicht, dann hält sich der Überraschungseffekt zunächst einmal in Grenzen. Denn mit Rinat Achmetow und Ihor Kolomojskyj wird die Liste von jenen Oligarchen angeführt, die im vergangenen Jahrzehnt immer vorne lagen. Unbekannte Namen gibt es unter den Top 20 keine – höchstens unbekannte Gesichter, denn nicht alle Oligarchen treten überhaupt öffentlich auf.

Das Vermögen der Oligarchen schrumpft

Rinat Achmetow (li.,Inhaber System Capital Management SCM) und Wiktor Janukowytsch
Rinat Achmetow und Wiktor Janukowitsch 2009 Bildrechte: IMAGO

Doch die tatsächliche Nachricht sind nicht die Plätze in der Liste an sich, sondern das geschätzte Vermögen der reichsten Ukrainer. Hier ist die Tendenz bereits seit 2014 offensichtlich: Das Vermögen fast aller großer Oligarchen schrumpft – und zwar massiv. Das beste Beispiel dafür ist der reichste Mann der Ukraine selbst: Das Vermögen von Rinat Achmetow, des Kohlekönigs des Landes, hat sich seit 2014 um das sechsfache reduziert. Die Tendenz ließ auch 2016 nicht nach: Im letzten Jahr hat Achmetow, laut "Focus", fast eine Milliarde US-Dollar verloren, sein geschätztes Vermögen beträgt nun "nur" noch 2,2 Milliarden US-Dollar.

Dass der aus Donezk stammende Achmetow, einst Verbündeter des geflüchteten Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch, allein im letzten Jahr eine Milliarde verlor, ist bezeichnend für die Krise, in der Achmetow derzeit steckt. Denn eigentlich konnten viele Bergwerke seines Energiekonzerns DTEK, die sich im umkämpften Teil des Donbass befinden, nach zwei unruhigen Jahren 2016 ihre Arbeit wieder ganz aufnehmen. Vor großen Verlusten bewahrte das Achmetow allerdings nicht – und 2017 sieht die Lage für ihn noch schwieriger aus, vor allem wegen der Donbass-Blockade.

Ende Februar 2017 haben prorussische Separatisten damit angefangen, als Reaktion auf die Handelsblockade seitens der proukrainischen Aktivisten ukrainische Unternehmen im besetzten Gebiet unter ihre Kontrolle zu nehmen. Darunter sind in erster Linie die Unternehmen Achmetows – und seit der ukrainische Sicherheitsrat Mitte März 2017 den Handel mit den beiden selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk offiziell untersagte, glaubt niemand an eine Wende mehr. Ist das nun das Ende für Achmetow? - "Es wird ihn schwer treffen", sagt der Politologe Jurij Jakymenko. "Ich glaube jedoch nicht, Achmetow würde auf einmal verschwinden."

Mächtige Privatbank wurde verstaatlicht

Privatbank Kiew
Filiale der Privatbank in Kiew Bildrechte: IMAGO

Tatsächlich wird es eher schwer, Achmetow vom ersten Platz der "Focus"-Liste zu verdrängen. Denn der zweitplatzierte, Ihor Kolomojskyj, zusammen mit seinem Businesspartner Hennadij Bogoljubow, der auf dem dritten Rang liegt, haben nicht nur eine Milliarde US-Dollar Rückstand auf Achmetow – sie erlebten Ende 2016 ein richtiges Debakel. Bereits seit dem Beginn der Krise wurde in der Ukraine über die Zukunft der Privatbank von Kolomojskyi und Bogoljubow, der mit Abstand größten Bank des Landes, spekuliert. Die Lage innerhalb der Bank sei instabil, die Sicherheit des gesamten Finanzsystems sei damit in Gefahr, hieß es damals. Doch es brauchte fast drei Jahre, bis die ukrainische Nationalbank sich einmischte und die Bank verstaatlichte. "Es gab keinen Ausweg mehr und wir mussten schließlich handeln", erklärt Walerija Gontarewa, die Chefin der Zentralbank. Der Verlust der Privatbank ist zwar das größte, aber nicht das einzige Problem Kolomojskyjs. Er befindet sich außerdem immer noch im Konflikt mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko: Die beiden haben sich bereits 2015 zerstritten.

Großer Verlierer

Menschen in einer Halle
Dmytro Firtasch im Gebäude des Obersten Gerichtshofs in Wien 2017 Bildrechte: IMAGO

Der größte Verlierer der letzten Jahre ist allerdings weder Achmetow noch Poroschenko, sondern ein anderer. Der 51-jährige Dmytro Firtasch hat einst einen großen Teil der Gasgeschäfte der Ukraine kontrolliert. Mittlerweile kauft sie kein Gas in Russland mehr ein – und genau von diesen Geschäften hat Firtasch profitiert. Firtaschs größte Sorge ist allerdings das Strafverfahren in den USA, die dem Ukrainer Bestechung sowie Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorwerfen. Im März 2014 wurde Firtasch deswegen in Wien festgenommen. Ein Jahr später erklärte das Wiener Landgericht die Auslieferung des Oligarchen an die USA für unzulässig, im Februar 2017 aber erklärte das Oberlandesgericht das Gegenteil. Während der Gerichtsmarathon weiterläuft, fiel Firtasch sogar auf den neunten Rang der "Focus"-Rangliste zurück.

Der Präsident liegt auf dem zehnten Platz

Petro Poroschenko im Bundeskanzleramt
Präsident Petro Poroschenko Bildrechte: IMAGO

Auf dem zehnten Platz: Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Trotz mehreren Medienberichte, er wäre der einzige ukrainische Oligarch, der mittlerweile zulegt, verliert, laut "Fokus"-Liste, auch er. 2016 büßte er zwei Plätze in der Liste sowie 90 Millionen US-Dollar ein. Das Jahr 2017 verspricht nun weitere Verluste: Im Januar kündigte Poroschenkos Schokoladekonzern Roshen an, ihre Fabrik im russischen Lipezk einzustellen. Vorher hat Roshen vergeblich versucht, einen Käufer für die Fabrik zu finden. Ab dem 1. April 2017 arbeitet sie schließlich nicht mehr, mittlerweile wird sie juristisch liquidiert, während Mitarbeiter bis Ende Mai 20ß17 entlassen werden. "Poroschenko fühlt sich trotzdem sicherer als alle anderen, das ist unumstritten", betont Jurij Jakymenko. "Die Verluste sind allerdings unvermeidbar."

Die Oligarchen werden aber noch lange die Wirtschaft bestimmen

Relativ gut geht es Wiktor Pintschuk, die Nummer vier der Liste, der die EastOne Group kontrolliert. Ihm hilft vor allem, dass er sich nicht nur auf die Röhren- und Metallindustrie, sondern auch auf Immobilien konzentriert. Die ukrainische Baubranche befand sich zwar gleich nach den Maidan-Protesten ebenfalls in großer Krise, 2016 zeigte sie jedoch eine erhebliche Wachstumsrate. Dass alle Oligarchen gleichzeitig verlieren, verbinden die meisten Experten nicht mit politischen Änderungen nach 2014 und auch nicht unbedingt mit der Wirtschaftskrise an sich – sondern mit schwachen Perspektiven für die Wirtschaft, die sich vor allem auf Rohrstoffe und Metalle konzentriert.

"Das ist die Wirtschaft von vorgestern", meint Jakymenko, stellvertretender Generaldirektor des Razumkov Centre. "Deswegen ist es logisch, dass die Oligarchen auf dem veränderten Markt verlieren. In einer konkurrierenden Marktwirtschaft haben sie eigentlich keinen Platz." Bis dahin ist allerdings ein langer Weg – und die Ukrainer müssen damit rechnen, dass Leute wie Rinat Achmetow oder Ihor Kolomojskyj noch lange vieles im politischen Leben der Ukraine bestimmen werden.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch in MDR Aktuell: 14.04.2016 | 21:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2017, 16:24 Uhr