Aleksander Śniegocki
Aleksander Śniegocki vom Thinktank "Wise Europa" Bildrechte: Monika Sieradzka/MDR

Polen Bergbau: Immer tiefer, immer gefährlicher, immer unrentabler

Nach dem Grubenunglück in Polen streitet das Land über seine Bergwerke. Viele seien schlicht nicht mehr rentabel und Umstrukturierungsmaßnahmen unzureichend, so Aleksander Śniegocki von einem Warschauer Thinktank. Er fordert: Polen müsse langfristig weg von der Kohle.

von Monika Sieradzka

Aleksander Śniegocki
Aleksander Śniegocki vom Thinktank "Wise Europa" Bildrechte: Monika Sieradzka/MDR

Herr Śniegocki, seit wann gibt es Probleme in der polnischen Bergbauindustrie?

Die Probleme sind gleich nach der Wende eingetreten, als sich der Sektor der Realität der Marktwirtschaft stellen musste. Seitdem ist die Zahl der Beschäftigten von rund 400.000 auf knapp über 80.000 zurückgegangen. Damit ist es eine der größten Umstrukturierungen - nicht nur in Europa, sondern weltweit. Gleichzeitig setzt sich der Lohndruck fort und die geologischen Probleme, d.h. die Notwendigkeit, Kohle in großen Tiefen zu fördern, machen die Umstrukturierung der Branche zu einem Prozess, der ständig in Bewegung ist. Die uneffizienten Minen müssen geschlossen und die Kosten gesenkt werden. Das geschieht seit Jahren in Zyklen. Das heißt, wenn der globale Kohlemarkt wieder mal zusammenbricht, dann werden Minen geschlossen. Wenn die Situation jedoch relativ gut ist, wie es momentan der Fall ist, ist es unwahrscheinlich, dass solche Maßnahmen ergriffen werden.

Geht das alles nicht zu langsam?

Man kann sagen, dass die Umstrukturierung aufgrund einer sehr ungünstigen Ausgangslage zu langsam geht, aber nicht, dass sie gar nicht stattfindet. In den vergangenen 25 Jahren war diese Umstrukturierung eine der größten der Welt. Was heute in Polen geschieht, ist einfach derselbe Prozess, der früher in Westeuropa, einschließlich Deutschland, stattgefunden hat. Auch dort dauerte es mehrere Jahrzehnte.

Osteuropa

Ein Kraftwerk
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Warum gibt es in Polen immer wieder Unfälle in den Gruben?

Geologische Faktoren erschweren den Kohleabbau in Polen immer mehr, weil wir immer tiefer gehen müssen. Es wird daher immer gefährlicher. Es gibt Risiken durch Methan, Explosionen, aber auch z.B. durch Mineneinschläge, die auch mit der Erschließung immer tieferer Rohstoffvorkommen verbunden sind. Die Naturphänomene können nicht vollständig eliminiert werden und werden so langfristig ein Problem bleiben.

Warum sind viele polnische Kohlegruben unrentabel? Von der schwierigen Geologie mal abgesehen...

Das Problem ist die geringe Förderleistung, die bisher durch niedrige Lohnkosten ausgeglichen wurde. Das allmähliche Wachstum der Löhne, eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklung ganz in Polen, führt jedoch dazu, dass der Kostendruck immer größer wird, so dass diese geringere Produktivität irgendwann die Fortsetzung der Förderung nicht mehr zulässt. Dann sollte das Bergwerk nach Möglichkeit umstrukturiert und die Beschäftigung reduziert werden. Auch der Kohleabbau sollte in den Bereichen reduziert werden, die am wenigsten effizient sind. Wenn das nicht gelingt, wie es oft der Fall ist, wird die Mine geschlossen. So wie es jetzt bei der Mine Krupiński der Fall ist.

Polnische Kohlegruben: veraltet und gefährlich

Ein Rettungswagen steht vor Zofiowka-Kohle-Mine
Zu dem Unglück kam es in der Kohlegrube "Zofiówka" im südpolnischen Jastrzębie-Zdrój. Auslöser war ein leichtes Erdbeben, das laut Geoforschungszentrum Potsdam eine Stärke von 4,0 auf der Richterskala erreichte. Am Sonntag wurden zwei verschüttete Arbeiter tot geborgen, drei weitere werden immer noch vermisst. Bildrechte: dpa
Ein Rettungswagen steht vor Zofiowka-Kohle-Mine
Zu dem Unglück kam es in der Kohlegrube "Zofiówka" im südpolnischen Jastrzębie-Zdrój. Auslöser war ein leichtes Erdbeben, das laut Geoforschungszentrum Potsdam eine Stärke von 4,0 auf der Richterskala erreichte. Am Sonntag wurden zwei verschüttete Arbeiter tot geborgen, drei weitere werden immer noch vermisst. Bildrechte: dpa
Der Präsident der polnischen Kohlegesellschaft JSW, Daniel Ozon, bei einer Pressekonferenz in Jastrzebie-Zdroj
"Die Rettungsarbeiten laufen auf Hochtouren", erklärte der Chef des Grubenbetreibers "Jastrzębska Spółka Węglowa" (JSW), Daniel Ozon, bei einer Pressekonferenz. Jedoch können die Rettungskräfte durch austretendes hochgiftiges Methangas derzeit nicht weiter zu den Vermissten vorstoßen: "Wir haben es geschafft, das Niveau auf acht Prozent zu senken. Wir lassen die Retter aber erst rein, wenn die Methankonzentration unter fünf Prozent liegt", sagte Ozon. Bildrechte: dpa
Gebäude einer Kohlemine in Polen.
Das Bergwerk Zofiówka ist eines der ältesten des Landes. 1961 wurde mit dem Bau begonnen. Seit 1974 wird dort Kokskohle gefördert, in der direkt benachbarten Grube "Borynia" bereits seit 1971. Kokskohle wird zur Stahlherstellung benötigt. JSW ist der größte Kokskohleproduzent in der EU. Doch durch den Kohleboom in China sind die Weltmarktpreise gefallen. Daher werden in einer Tiefe von 1080 Metern derzeit neue Schächte angelegt. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Eine Reihe veralteter Spinde in einem dreckigen Raum. Rechts ein Mann in gelber Bergbaukluft und Helm.
Nur wenige Kilometer entfernt baut JSW mit "Dębina" das größte Kokskohlebergwerk Europas. Das Projekt soll insgesamt bis zu 750 Millionen Euro kosten. Geld, das in den bestehenden Bergwerken eingespart wird, wie ein Blick in die überirdischen Anlagen von Zofiówka zeigt. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Arbeiter in gelbem Anzug an einer Ausgabe für Stirnlampen.
Bei einem Zwischenfall kann es bis zu einer Stunde dauern, die Ausgänge zu erreichen. So lange sollen Notatemgeräte die Männer am Leben erhalten, die vor dem Abstieg in die Grube ausgeteilt werden, genau wie Grubenleuchten. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Metallene Sauerstoffgeräte in einem Raum.
Die Notgeräte versorgen die Männer im Zweifelsfall bis zu 90 Minuten mit Atemluft. Außerdem stehen an verschiedenen Stellen größere Atemgeräte bereit, die mehrere Stunden halten. Währenddessen können die bergwerkseigenen Rettungskräfte mit solchen Lufttanks ausgestattet zu den Verschütteten vordringen. Die Geräte selbst sind mehrere Jahrzehnte alt. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Orangenes Kohleabbaugerät mit zwei Abbaurädern vor einem hellen Bürogebäude.
Untertage kommen moderne Fördermaschinen zum Einsatz, wie diese fahrbare Schrämmaschine, die sich durch das Gestein arbeitet. Hier ein Modell vor dem JSW-Firmensitz in Jastrzębie-Zdrój. Die Investition in die Technik beschränkt sich jedoch auf den direkten Abbau. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Drei Bergleute in einem Schaltraum.
Denn ein Blick in den Schaltraum der Grubenaufzüge zeigt, in welchem Zustand sich der Rest von Zofiówka befindet, so wie viele polnische Bergwerke. Weil die polnische Regierung die Kohleförderung aber mit Millionenzuschüssen subventioniert, bleiben selbst die ältesten Anlagen in Betrieb. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Polnisches Warnschild in einem Bergbauschacht.
Unter Tage lauern diverse Gefahren: So kann es jederzeit zu Wasser- oder Gaseinbrüchen kommen. Auch Einstürze in Folge von Erdverschiebungen sind eine allgegenwärtige Gefahr, so wie beim jüngsten Erdbeben. 200 Bergleute sind in Polen in den vergangenen 45 Jahren bei Unglücken ums Leben gekommen. In Zofiówka kam es 2011 zum letzten tödlichen Zwischenfall. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
Bergbauarbeiter in einem dunklen Abbauschacht.
Aber auch die Arbeitsbedingungen an sich sind lebensgefährlich. In den Abbaustrecken können die Männer kaum aufrecht gehen. Durch den allgegenwärtigen Kohlestaub kann man nur wenige Meter weit schauen. Außerdem steht das Wasser  kniehoch.
Über dieses Thema berichtet der MDR auch in der Reportage:
"Dicke Luft und schwarze Zukunft - Polen und die Kohle" | 16.11.2016 | 18:00 Uhr
Bildrechte: MDR/Alexander Hertel
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Muss die polnische Regierung die unrentablen Minen finanziell unterstützen?

Für die meisten Bergwerke trifft es in der Tat zu, dass im privaten Sektor kein Investor eine solche Situation dulden würde. In den Bergwerken, die ganz oder teilweise privatisiert wurden, ist die Produktivität höher, die Kosten werden besser überwacht. Doch angesprochenen geologischen Problemen in Verbindung mit steigenden Arbeitskosten führen dazu, dass die Bergwerke entweder Verluste machen oder nur sehr niedrige Gewinne erzielen. Das macht sie unwirtschaftlich.

Tut die Regierung genug, um die Lage zu verbessern?

Die Maßnahmen sind breit, aber sie reichen noch nicht aus. Die Regierung will einfach nicht zugeben, dass wir uns langfristig aus dem Kohlebergbau zurückziehen müssen. Wir haben hier also einerseits konkrete Maßnahmen, also die Umstrukturierung, die tatsächlich stattfindet, auch wenn sie unzureichend ist, und andererseits politische Erklärungen, die diesen Trend verneinen.

Was wäre in Polen die Alternative zur Kohle als Energiequelle?

In den letzten zehn Jahren hat Polen den Anteil der Kohle am Energieindex von 90 auf 80 Prozent gesenkt. Es ist also noch ein langer Weg. Es gibt Alternativen, wie die Entwicklung erneuerbarer Energien, die vorerst durch stabilere Quellen unterstützt werden müssen. Auch der Bau eines Kernkraftwerks ist geplant. Aber die finanzielle und organisatorische Machbarkeit dieses Projekts ist noch offen. Was den totalen Ausstieg aus der Kohle betrifft, so wäre dies ein relativ natürlicher Prozess in den nächsten 50 Jahren. Wenn man es beschleunigen würde, dann wäre es auch in bis zu 20 Jahren machbar. Das wäre aber mit höheren sozialen Kosten verbunden.

Zur Person: Aleksander Śniegocki ist Projektmanager für Energie und Klima bei "Wise Europa". Der Thinktank hat seinen Sitz in Warschau und wird mit EU-Mitteln finanziert. Śniegocki hat mehrere Veröffentlichungen zum Thema Bergbau in Polen geschrieben.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell im TV am: 11.05.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2018, 16:00 Uhr