Adrian Furgalski
Der polnische Wirtschaftsexperte Adrian Furgalski Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Polen und die EU: Money, Money, Money

Seit dem EU-Beitritt Polens hat sich die Wirtschaft des Landes rasant entwickelt. 140 Milliarden Euro hat Brüssel seit 2004 nach Warschau überwiesen. In einigen Jahren wird sich das Blatt wohl wenden. Dann wird Polen sogar mehr in die EU-Kasse zahlen als daraus bekommen. Unsere Ostbloggerin Monika Sieradzka hat mit Adrian Furgalski gesprochen. Der Wirtschaftsexperte ist Chef von "TOR" - einer der führenden Beratungsfirmen Polens.

von Monika Sieradzka

Adrian Furgalski
Der polnische Wirtschaftsexperte Adrian Furgalski Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Herr Furgalski, wo stände Polen heute ohne die EU?

Ich kann mir Polen ohne die EU überhaupt nicht vorstellen. Der Beitritt zur Union war das Beste, was Polen in seiner Geschichte passiert ist. Ohne die EU-Fördermittel hätten wir den Fortschritt, etwa in der Infrastruktur, nicht geschafft.

Was geschieht mit den Milliarden Euro, die aus Brüssel nach Warschau fließen?

In der laufenden EU-Haushaltsperiode, von 2014 bis 2020, bekommt Polen 115 Milliarden Euro aus Brüssel. Mehr als 30 Milliarden muss unser Land in den EU-Topf einzahlen. Polen wird also mit etwa 80 Milliarden Euro alimentiert. So hohe Zuschüsse sind noch nie ins Land geflossen. Mit einem Großteil der Mittel werden der Bau und die Modernisierung von Straßen und Bahnverbindungen finanziert. Auf den ausgebauten Bahnstrecken werden dann auch Hochgeschwindigkeitszüge Richtung Deutschland fahren.

Welchen Nutzen haben die EU-Nettozahler vom EU-Mitglied Polen?

Die Steuerzahler in Großbritannien, Deutschland oder Frankreich zahlen dafür, dass der europäische Markt immer größer wird. Nur so kann Europa mit dem chinesischen oder mit dem amerikanischen Markt konkurrieren. Darüber hinaus ist Polen durch die immer besseren Produktionsbedingungen in der Lage, bessere Waren und Dienstleistungen nach Europa zu bringen.

Und was bedeutet das für Deutschland, den größten Nettozahler in der EU?

Deutschland ist der größte Handelspartner Polens und Polen ist der siebtgrößte Handelspartner Deutschlands. Es wurde ausgerechnet, dass von jedem Euro der deutschen Steuerzahler, der nach Brüssel geht, fast die Hälfte nach Deutschland zurückfließt. Geld, das in Polen ausgegeben wird, trägt auch zum Wirtschaftswachstum in Deutschland bei, weil es zur Erhöhung des Handelsaustausches führt und auch weil sich deutsche Firmen direkt an  verschieden Investitionsprojekten in Polen beteiligen.

Was kommt auf Polen im neuen EU-Haushalt für die Jahre 2021-2027 zu?

Polen wird definitiv weniger Geld aus dem Gemeinschaftstopf bekommen als bisher. Schon jetzt hört man aus Brüssel, dass die Fördermittel für alle Mitgliedsstaaten um etwa acht Prozent sinken sollen. Polen bekommt möglicherweise sogar 15 Prozent weniger Geld, weil unsere Wirtschaft schon so gut entwickelt ist, dass unsere eigene finanzielle Beteiligung bei den Investitionen immer größer werden kann. Die Kürzung der Mittel kann aber auch mit der Beschneidung des Rechtsstaates in Polen und der Weigerung, die geforderte Anzahl von Bürgerkriegsflüchtlingen aufzunehmen, zu tun haben.

Polens Wirtschaftskraft nähert sich dem EU-Durchschnitt. Wird das Land bald zum EU-Nettozahler werden?

Auf jeden Fall. In den kommenden Jahren erreicht Polen 75 Prozent des durchschnittlichen Lebensniveaus in der EU und das bedeutet, dass uns viel weniger Mittel zustehen werden. Und nach der kommenden EU-Haushaltsperiode, also nach 2027, werden wir mit Sicherheit schon EU-Nettozahler sein.


Adrian Furgalski ist Wirtschaftsexperte und Chef von "TOR" - einer der führenden Beratungsfirmen Polens, die durch ihre Analysen zur Verwendung der EU-Mittel bekannt geworden ist. In Polen ist er einer der bekanntesten Experten in Fragen EU-Gelder. Seine Spezialgebiete sind Infrastruktur und Transport.


Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: 27.04.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. April 2018, 13:09 Uhr