Polen nach politischer Selbstverbrennung im Schock

Piotr Szczęsny wollte seine Landsleute aus der Apathie wachrütteln. Er hat sich aus Protest gegen den antidemokratischen Kurs der Regierungspartei PiS in Brand gesetzt. In Warschau gedenkt man seines Todes. Die Tat kann zum politischen Sprengstoff werden.

von Monika Sieradzka

Auf einem der zentralen Plätze in Warschau werden seit zwei Wochen Kerzen angezündet und Mahnwachen gehalten. Es ist der riesige Platz vor dem Kulturpalast, der den Kommunisten vor 1989 als Ort für staatstreue Massenkundgebungen diente. Hier hat sich ein 54-jähriger Mann an einem grauen Oktobernachmittag in Brand gesetzt.

Aus Liebe zur Freiheit

Kulturpalast Warschau
Der Kulturpalast im Zentrum von Warschau Bildrechte: IMAGO

Kurz davor hat Piotr Szczęsny ein bekanntes Lied aus den 1980er-Jahren laufen lassen: "Ich liebe und ich verstehe die Freiheit. Ich kann die Freiheit nicht abgeben." Damals, vor über 30 Jahren, war es für Piotr Szczęsny und seine Kommilitonen ein Protestsong gegen die herrschende Diktatur. Die Verhältnisse im heutigen Polen empfand aber Szczęsny nicht weniger dramatisch als damals, im Kommunismus. Das Verstoßen gegen Regeln der Demokratie, die Unterordnung der Justiz unter die Regierung und die Einschränkung der Medienfreiheit empfand er als Freiheitsberaubung. "Ich liebe die Freiheit, deshalb habe ich mich verbrannt", schrieb er in seinem Manifest. Er wollte Alarm schlagen und seine Landsleute aus der Apathie wecken: "Ich hoffe, mit meinem Tod viele Menschen aufzurütteln."

Der dramatische Appell

In dem Flugblatt, das er kurz vor seinem Tode verteilt hatte, kritisierte er die Zerstörung des Verfassungstribunals, die wachsende Spaltung der polnischen Gesellschaft, die Verbreitung der Hetz- und Hasssprache, die Abschottung gegen Migranten und die internationale Marginalisierung Polens. Ihm tat es weh, wenn er die öffentlichen Medien zum Propagandamittel der Regierung werden sah.

Er appellierte an seine Landsleute: "Lasst euch nicht täuschen, wenn sich die Machthaber manchmal beruhigen und den Schein einer Normalität geben. Sie werden bald wieder zur Offensive übergehen und wieder rechtswidrig handeln." Er rief die Polen dazu auf, das Schicksal des Landes in die eigenen Hände zu nehmen: "Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?"

Das Blut an den Händen

Piotr Szczęsny macht die Regierenden für seinen Tod verantwortlich: "Ich möchte, dass der PiS-Vorsitzende und die ganze PiS-Nomenklatura zur Kenntnis nehmen, dass mein Tod sie unmittelbar belastet, dass sie Blut an ihren Händen haben."

In einem der hinterlassenen Briefe, schreibt er: "Die PiS wird mich angreifen. Das erste Argument liefere ich selbst: Ich leide an Depression." Doch dadurch könne er "beunruhigende Signale früher wahrnehmen und stärker darauf reagieren". Vielleicht würde es ihm deswegen auch leichter fallen, sein Leben zu opfern.

 Weiße Rosen, ein Symbol der Oppositionsbewegung, an einem Ort in Warschau ein Mann selbst verbrannt haben.
Weiße Rosen, ein Symbol der Oppositionsbewegung, an dem Ort, wo sich Szczęsny angezündet hatte. Bildrechte: dpa

Wer war Piotr Szczęsny?

Der Mann hat ein normales bürgerliches Leben geführt. Der studierte Chemiker aus Niepołomice in Südpolen hat die meiste Zeit seines Berufslebens als Unternehmer gearbeitet. Er hat unter anderem Schulungen für Bürgermeister, Bibliothekare und Vereine gemacht. Ihm lag die Transparenz des öffentlichen Lebens und der Ämter am Herzen.

Seine Frau arbeitet in einer Apotheke. Einer seiner Brüder ist Poet, der andere Arzt. Die beiden Kinder schreiben gerade an ihren Doktorarbeiten. Als sie klein waren, habe ihnen der Vater Bücher wie den "Hobbit" und "Robinson Crusoe" vorgelesen, wie sie in einem Interview erzählten. Sonst habe er Natur und Gartenarbeit geliebt und manchmal Limericks geschrieben. In seiner Jugend soll er oft Fragen nach dem Sinn des Lebens gestellt haben, wie die Familie erzählt. "Wir waren eine glückliche Familie", sagt seine Frau in einem Rundfunkinterview. Sie könne zwar seine Tat verstehen und habe davor Respekt, doch sie leide und fühle "Trauer und Zorn".

Ihr Mann habe alles genau durchdacht, habe Abschiedsbriefe und Anweisungen zur Beerdigung hinterlassen. "Es wird unsere Pflicht sein, dafür zu sorgen, dass die Botschaft meines Mannes und sein Leiden nicht umsonst waren, dass es an die Leute herankommt", sagte sie.

Reaktionen auf den politischen Tod

Die Frau fürchtet, dass sich die öffentliche Diskussion auf die psychische Gesundheit ihres Mannes konzentriert. "Ich glaube, es wäre ein Versuch, ihn zu diskreditieren". Die Befürchtung ist begründet, wenn man Äußerungen des Innenministers Mariusz Błaszczak hört. Er sagte, Piotr sei "ein Opfer der Propaganda der totalen Opposition, die sagt, dass sie gegen auf der Straße und im Ausland die Regierung kämpft".

Viele Polen wissen nicht, wie man den politischen Tod bewerten soll. Die Regisseurin Agnieszka Holland formuliert dieses Dilemma so: "Wir haben in unserer Geschichte der aussichtslosen Aufstände die Tradition, dass man sich für die Gesellschaft opfert. Waren es Verrückte oder waren es Helden?"

Die Selbstverbrennung als Tradition

Vor vier Jahren hat Holland die Geschichte des tschechischen Studenten Jan Palach verfilmt, der sich 1968 aus Protest gegen die sowjetische Militärintervention anzündete. Aus demselben Grund hat sich bei einer Feierlichkeit im größten Station von Warschau der polnische Staatsbeamte Ryszard Siwiec in Brand gesetzt. In seinem Manifest schrieb er, dass er "die eigene und die fremde Freiheit über alles liebt". Er bezeichnete sich als "einen grauen gewöhnlichen Menschen". An diese Worte hat auch Piotr Szczęsny angeknüpft.

Grau kann jetzt eine symbolträchtige Farbe werden. Zum Schweigemarsch zu Piotrs Gedenken sollen alle nur grau und schwarz angekleidet kommen, ohne bunte Fahnen und Parteisymbole. Die Frage nach den Auswirkungen des Todes von Piotr Szczęsny ist offen. Die Tat beinhaltet aber ohne Zweifel politischen Sprengstoff, der weitere Proteste in der polnischen Gesellschaft in Gang setzen kann.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: Radio | 01.11.2017 | 04:42 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. November 2017, 09:59 Uhr