Das Protestcamp der Assistenzärzte im Universitäts-Kinderkrankenhaus in Warschau (Polen), aufgenommen am 23.10.2017
Der Konflikt um das überlastete polnische Gesundheitssystem sorgte bereits im Oktober für einen Hungerstreik junger Assistenzärzte, wie hier in der Hauptstadt Warschau. Nun könnte die Situation vollends eskalieren. Bildrechte: dpa

Polens Gesundheitswesen kurz vor dem Kollaps

Wartezeiten werden länger, Abteilungen schließen vorübergehend und bald müssen erste Krankenhäuser dicht machen. Der Notstand im polnischen Gesundheitssystem wird immer dramatischer, nachdem viele Ärzte gekündigt haben.

von Monika Sieradzka

Das Protestcamp der Assistenzärzte im Universitäts-Kinderkrankenhaus in Warschau (Polen), aufgenommen am 23.10.2017
Der Konflikt um das überlastete polnische Gesundheitssystem sorgte bereits im Oktober für einen Hungerstreik junger Assistenzärzte, wie hier in der Hauptstadt Warschau. Nun könnte die Situation vollends eskalieren. Bildrechte: dpa

Wenn man sich derzeit als Pole vorstellt, einmal krank zu werden, wird einem ganz mulmig zumute. Denn die Nachrichten aus dem polnischen Gesundheitswesen sind alarmierend. Im oberschlesischen Bielsko-Biala macht ein Krankenhaus gerade aus Ärztemangel seine onkologische Abteilung für drei Monate zu.

Ganz in der Nähe muss eine ganze Klinik für zwei Wochen dicht machen. Einem Krankenhaus in der Region Kleinpolen droht ebenso die Schließung, weil 34 von 52 Ärzten ihre Verträge gekündigt haben. Kurz: die Lage ist dramatisch.

Gesundheitswesen vor dem Kollaps

Die Situation ist in Polen nicht neu, spitzt sich jedoch gerade bedrohlich zu. Bereits im Herbst 2017 wurde es zahlreichen Ärzten zu viel. Nachdem mehrere Kollegen durch Überarbeitung gestorben waren, traten landesweit hunderte Assistenzärzte in den Hungerstreik. Sie forderten massive Lohnerhöhungen und mehr Geld für das gesamte Gesundheitswesen.

Denn Polens Gesundheitssystem ist chronisch unterfinanziert. Auf 1.000 Einwohner kommen im Schnitt 2,3 Ärzte. In den Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind es im Schnitt 3,5 Mediziner, in Deutschland 4,1.  

Daher forderten die Ärzte damals, dass die Mittel binnen drei Jahren von 4,7 auf 6,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Das entspricht der Empfehlung der OECD. Der Regierung war das zu viel. Sie verspricht sechs Prozent und will dieses Niveau erst 2025 erreichen. Weil dieses Angebot die Situation in den Augen vieler Ärzte nicht genug verbessert, greifen sie nun zu drastischen Mitteln. Massenhaft kündigen polnische Ärzte ihre Verträge oder verweigern Überstunden.

polnischer Kinderarzt Daniel Luszczweski 1 min
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Mi 03.01.2018 16:31Uhr 01:17 min

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Tod durch Überarbeitung

Daniel Łuszczewski ist frisch gebackener Arzt und arbeitet seit vier Monaten in einem Bezirkskrankenhaus 50 Kilometer östlich von Warschau. Dem 27-Jährigen sträuben sich die Haare, wenn er Kollegen sieht, die 70 bis 80 Stunden pro Woche arbeiten und gleichzeitig Schichten in mehreren Abteilungen schieben:

Das ist gefährlich für den Patienten. Was tut ein Anästhesist, wenn er während einer OP plötzlich zur Notaufnahme im anderen Teil des Krankenhauses muss, weil da gerade ein Unfallopfer reingebracht wird? Er wird vor die Entscheidung gestellt: Wem rette ich das Leben?

Assistenzarzt Daniel Łuszczewski

Durch die grassierende Überarbeitung der Ärzte kam es 2017 zu mehreren stressbedingten Todesfällen in Polen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gerade wegen eines Falls, als eine 28-jährige Ärztin nach 22 Stunden ununterbrochener Arbeit starb. Ein anderer Arzt soll 50 Stunden ohne Schlaf gearbeitet haben, auch er starb.

Bessere Konditionen im Ausland

Der Assistenzarzt Daniel Łuszczewski wundert sich daher nicht, dass jeder zehnte von den 4.000 Ärzten, die jedes Jahr die Uni verlassen, ins Ausland gehe. "Eine Kollegin hat sich bei einem Krankenhaus in Deutschland beworben. Jetzt bekommt sie ihren Sprachkurs und die Wohnung in Berlin für die ersten drei Monate finanziert. Wenn sie zu arbeiten anfängt, bekommt sie sofort ungefähr 4.000 Euro im Monat", erzählt der Assistenzarzt.

Das ist mit Polen nicht zu vergleichen. Daniel verdient knapp 500 Euro brutto, nach einem Jahr kann er mit 1.000 Euro rechnen. Dabei gehe es ihm nicht nur ums Geld, sagt der 27-Jährige: "Ich hoffe sehr, dass ich mit meinem Engagement etwas hier in Polen bewirken kann." Als Alleinstehender in einer kleinen Stadt kann Łuszczewski von seinem Gehalt noch leben. Familie oder ein Umzug in die Großstadt wären derzeit nicht drin.

Kinderarzt Daniel Luszczewski 1 min
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Mi 03.01.2018 17:09Uhr 00:48 min

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Die Proteste weiten sich aus

Derweil erreichen die Proteste einen neuen Höhepunkt. So hätten bereits 4.000 von insgesamt 17.000 Assistenzärzten Klauseln aus ihrem Vertrag gestrichen, wonach sie mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten würden. Zuvor arbeitete ein Assistenzarzt im Schnitt 70 bis 80 Stunden pro Woche. Durch das Verweigern von Überstunden ist es nun so, als würde das Land plötzlich 2.000 Assistenzärzte weniger haben.

Die Folgen bekommen die Patienten zu spüren. Dabei sind die Wartezeiten ohnehin schon sehr lang. Im Schnitt wartet man etwa drei Monate auf den Besuch bei einem Facharzt. Nach oben gibt es kaum Grenzen. Ein renommiertes Rehabilitationszentrum gibt seine Wartezeiten mit sieben bis acht Jahren an. In einem anderen Krankenhaus wurde einer Patientin angeboten, ihr in 13 Jahren ein künstliches Gelenk einzusetzen. Ranglisten der absurden Wartezeiten sind mittlerweile Internethits.

Absurde Alternativ-Verfahren

Natürlich kann man seine Behandlung auch in Polen wesentlich schneller bekommen. Dazu muss der Patient diese aber aus eigener Tasche bezahlen. Die sollte daher prall gefüllt sein. Das haben längst auch deutsche Patienten für sich entdeckt und lassen sich in ihren Augen preiswert in Polen behandeln, zum Nachteil der Einheimischen.

Absurderweise gibt es die teuren Privatbehandlungen in den gleichen Krankenhäusern, die an anderer Stelle überlastet sind. Denn weil der Staat nur eine bestimmte Anzahl von Behandlungen pro Abteilung finanziert, sind diese oft gar nicht ausgelastet und stehen still. Diese ungenutzten Kapazitäten kann das Krankenhaus dann an selbst zahlende Polen oder Ausländer weiter verkaufen. Vorausgesetzt natürlich, dass es noch das Personal dazu hat.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: TV | 02.06.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2018, 11:06 Uhr