Weihnachtsfest in Polen Der Karpfen in der Badewanne - damals und heute

In Polen gilt Weihnachten als das schönste Fest des Jahres. Ein Teil der Tradition ist das Karpfenessen. Wie zu vergangenen kommunistischen Zeiten stehen auch heute die Polen Schlange, um den Fisch - immer noch - lebend mit nach Hause zu nehmen.

von Monika Sieradzka

Weihnachtskarpfen mit Früchten und Nüssen
Auch in Polen ein Klassiker: Der Karpfen zum Fest. Bildrechte: imago/imagebroker

Weihnachten ist das beliebteste Fest der Polen. Dahinter steht natürlich ein Riesenaufwand. Alleine schon die obligatorischen zwölf Gerichte für den Heiligabend aufzutischen, macht der polnischen Frau – meistens ist es ja die Frau, die alles macht - zu schaffen. Doch auch für sie scheint es keine Rolle zu spielen, dass sie sich todmüde an den Weihnachtstisch setzt. Die Großmutter und die Mutter hatten es viel schwerer, weil sie das Feiern in der sozialistischen Mangelwirtschaft vorbereitet mussten.

Karpfen musste gekauft werden, wenn es ihn gab

Eine etwas seltsame Erinnerung an die alten Zeiten ist der lebende Karpfen in der Plastiktüte. Das Karpfenessen gehört zwar schon seit Jahrhunderten zur Weihnachtstradition in Polen, doch berühmt-berüchtigt wurde das Gericht erst im Kommunismus. Denn der Karpfen war der einzige Fisch, der in den meist leeren Geschäften überhaupt zu bekommen war. Planen war unmöglich und man kaufte den Fisch eben dann, wenn es ihn im Geschäft gab. Das war meistens mehrere Tage vor Weihnachten.

Dann schwammen die Karpfen in der Badewanne

Bei uns zu Hause, ähnlich wie bei anderen Familien, war es deshalb üblich, dass jedes Jahr im Dezember in der Badewanne Karpfen auftauchten. Bei uns waren es immer zwei. Für uns Kinder war es so, als ob wir ein Aquarium bekämen. Wir konnten uns die Fische stundenlang anschauen. Manchmal haben wir ihnen sogar Namen gegeben.

Doch vor der Mittagszeit an Heiligabend wurden sie vom Vater oder Opa – einem Mann jedenfalls, notfalls vom Nachbarn – mit Hammer oder Messer totgeschlagen. Die Fische sollten so frisch wie möglich auf den Tisch kommen. Das war brutal, bedeutete aber übrigens auch: Endlich war die Badewanne wieder frei.

Geschlachteter Karpfen auf Scheidbrett
Die Hausschlachtung von Karpfen war zu sozialistischen Zeiten üblich, gab es sie doch nur lebend zu kaufen. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)

Karpfen lebend mit nach Hause nehmen?

Dass der Karpfen aber heute noch, wo das Einkaufen so viel einfacher ist, nach wie vor lebend verkauft wird, ist für mich verwunderlich und entsetzlich. In den Supermärkten oder draußen auf Parkplätzen werden für die Fische extra Becken aufgebaut. Ab und zu fischt der Verkäufer mit einem Netz einige Fische raus, um sie den Kunden zu präsentieren. Da liegen sie halbtot, ohne Wasser, in einer Plastikkiste. Dann landen sie in einer Plastiktüte ohne Wasser und werden vom Kunden nach Hause transportiert, wo sie wohl die Badewanne erwartet. Die Lust am Karpfentöten ist nach wie vor weit verbreitet. Als ob es keine Karpfenfilets gäbe, als ob man den frisch geschlachteten Fisch nicht einfrieren könnte.

Demonstrantin hält ein Plakat gegen Karpfenverkauf. Auf dem Plakat steht in polnischer Sprache: Wissenschaftliche Studien beweisen, dass Fische Angst verspüren und leiden, wenn sie sich vor Schmerz fürchten.
Gegen den Verkauf lebender Karpfen gibt es inzwischen Protest. 2016 wies eine Demonstrantin auf den Stress für die Tiere hin. Bildrechte: IMAGO

Das obligatorische Karpfenessen

Während andere Weihnachtsgerichte von Region zu Region variieren, bleibt der paniert gebratene Karpfen überall obligatorisch. An Heiligabend isst man nämlich Fisch und kein Fleisch. Am besten soll man auch bis zum Abendessen keinen Alkohol trinken. Ab Mitternacht sind Fleisch und Getränke mit Prozenten wieder erlaubt. Da ist das Christkind schon auf der Welt und damit das Adventsfasten vorbei.

Panierter Karpfen
Karpfen aus der Pfanne ist überall in Polen obligatorischer Teil des Weihnachtsmenüs. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)

Ein Teller mehr

Doch Weihnachten beginnt in Polen viel früher, eigentlich schon am 6. Dezember, wenn Sankt Nikolaus die ersten Geschenke vorbeibringt. Das zweite Mal kommt Sankt Nikolaus am Heiligabend, doch vor seinem Besuch gibt es noch eine ganze Menge Rituale. Zuerst wird über die Geburt Christi aus der Bibel vorgelesen und die Oblate geteilt. Jeder teilt sie mit jedem und es werden dabei Wünsche ausgesprochen.

Beim Tischdecken muss immer ein zusätzlicher Teller vorbereitet sein. Die Sitte wurde besonders im 19. Jahrhundert gepflegt, als Polen zwischen drei Besatzungsmächten aufgeteilt war und polnische Aufständische oft in zaristischen Gefängnissen landeten. Kurz vor Weihnachten gab es manchmal eine Amnestie und man rechnete damit, dass der arrestierte Familienvater oder Sohn zum Heiligabend auftauchen könnte. Heute wartet der leere Teller auf einen unbekannten Wanderer.

Eine Rute für ungezogene Kinder

Nach dem Essen darf Sankt Nikolaus endlich kommen. Bei mir zu Hause haben wir uns alle in einem Zimmer versteckt, um ihm den Weg ins Wohnzimmer frei zu machen. Er raste auf seinen Schlitten, flog meistens durchs offene Fenster oder durch den Schornstein in die Wohnung rein und  legte die Geschenke blitzschnell unter den Tannenbaum. Vor dem Auspacken mussten wir Kinder noch ein Weihnachtslied vorsingen und es war das schnellste Singen der Welt, weil wir so neugierig und ungeduldig waren. Und ein bisschen unsicher, weil es hieß, dass auf die ungehorsamen Kinder eine Rute unter dem Tannenbaum warten sollte. Zum Glück haben wir sie nie zu spüren bekommen.

Polen feiern am liebsten zu Hause

Heute belegen sogar Forschungsergebnisse der Universität Warschau, dass Weihnachten das Lieblingsfest der Polen ist und dass sie die Weihnachtstraditionen unbedingt ihren Kindern beibringen wollen. Nur zwei Prozent der Polen fahren in der Zeit in den Urlaub, Weihnachten ist ja für die Familie bestimmt. Man feiert am üppig gedeckten Tisch, wo natürlich der Karpfen zum Höhepunkt des Abendessens wird.

(Zuerst veröffentlicht am 21.12.2017)

Osteuropa

Weihnachtsessen in Polen: Zwölf Gerichte – aber bloß kein Fleisch!

Festlich gedeckter Tisch mit polnischem Weihnachtsessen
Sobald der erste Stern zu sehen ist, meistens Punkt 18:00 Uhr, beginnt in Polen ein 12-Gänge-Festtagsschmaus. Zu Wigilia, auf Deutsch Weihnachten, wird groß aufgetischt. "Der Magen bleibt nüchtern", sagt der polnische Food-Blogger Artur Jagiello. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Festlich gedeckter Tisch mit polnischem Weihnachtsessen
Sobald der erste Stern zu sehen ist, meistens Punkt 18:00 Uhr, beginnt in Polen ein 12-Gänge-Festtagsschmaus. Zu Wigilia, auf Deutsch Weihnachten, wird groß aufgetischt. "Der Magen bleibt nüchtern", sagt der polnische Food-Blogger Artur Jagiello. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Teller mit Rote-Bete-Suppe
Als erstes kommt ein polnischer Klassiker auf den Tisch: die Rote-Bete-Suppe. Der Hintergrund des 12-Gänge-Menüs ist in der Bibel zu finden. Weil Jesus 12 Apostel um sich hatte, werden auch 12 Gerichte aufgetischt. Inspiriert ist jedes der Gerichte von einem der 12 Kalendermonate. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Uszka – polnische Tortellini
Die Uszka sind die Einlage in der Rote-Bete-Suppe. Der Nudelteig wird mit Sauerkraut und Pilzen gefüllt. Uszka heißt übrigens Öhrchen, was auf die Form der Tortellini zurück zu führen ist. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Krautfüllung für polnische Piroggen in Schüssel mit Löffel
Das Essen ist so aufwendig, dass meistens bereits zwei Tage vor Heilig Abend mit den Vorbereitungen begonnen wird. Die Krautfüllung der Uszka wird mit vielen Gewürzen abgeschmeckt. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Polnisches Bohnensuppe auf Teller
Die zweite Vorspeise ist eine Bohnensuppe mit Karotten. Die Bohnen ziehen einen Tag in einem Sud aus Möhren und Sellerie. Piment, Lorbeerblätter und ein Schuss Sahne verfeinern die Suppe. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Salzhering in Schüssel
Da wegen der Fastenzeit kein Fleisch aufgetischt wird, gibt es viele Fisch-Gerichte. Der Hering zieht in Salzlake und Öl. Gegessen wird dieser mit reichlich Zwiebeln. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Polnischer Salat in Schüssel
Der Salat wird aus Kartoffeln, Karotten, Erbsen, Sellerie, Eiern und sauren Gurken zubereitet. Mit Mayonnaise wird alles abgeschmeckt. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Soja-Sprossen, Rote-Bete-Meerrettich und Oliven auf Teller
Eine Besonderheit ist der Rote-Bete-Meerrettich, der als Dip gegessen wird. Die Rote Bete wird im Ofen gebacken, gerieben und mit scharfem Meerrettich gemischt. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Panierte Champignos auf Teller
Die Pilze werden in Ei und Mehl klassisch paniert. Sie dienen als Beilage und können auch als Suppeneinlage genutzt werden. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Gefüllte Eier
Das hart gekochte Eigelb wird mit Dill und Majonäse gemischt. Danach wird es in die Eiweiß-Hälften gefüllt und mit Dill oder Kaviar garniert. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Panierter Karpfen
Der Karpfen gilt als der Höhepunkt des Weihnachtsessens. Meistens wird er paniert serviert. Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Artur Jagiello, polnischer Food-Fotograf
Artur Jagiello  (31) ist polnischer Food-Blogger und lebt heute in Gießen. Die Gerichte wurden von seiner Mutter, die aus Gliwice bei Katowice stammt, liebevoll zu Weihnachten gekocht. - Über dieses Thema bereichtete der MDR auch im TV: 07.12.2012 | Auf gute Nachbarschaft
Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
Geschlachteter Karpfen auf Scheidbrett
Leider mag die Familie von Artur Jagiello keine Süßspeisen, weshalb in der Galerie die traditionellen polnischen Weihnachtsgerichte aus Mohn und Trockenobst fehlen. Daher rufen wir Sie auf, wenn auch Sie polnische Wurzeln haben: Schicken Sie uns Bilder von ihrem polnischen Weihnachtessen mit einer kurzen Beschreibung an heuteimosten@mdr.de - Wir freuen uns auf Ihre Bilder! Vielen Dank! Bildrechte: Artur Agiello (Foodblaster.com)
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Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Sachsenspiegel: Nachbar - Weihnachten | 22.12.2016 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Dezember 2018, 14:56 Uhr