Blumen vor Fotos von Orkhan Dzhemal, Kirill Radchenko und Alexander Rastorguyev
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Tödliche Suche nach Russlands Privatsöldnern

Es sind Zeichen der Trauer. Vor dem Haus des Journalistenverbandes in Moskau stehen drei gerahmte Fotos. Davor liegen Sträuße aus weißen und roten Blumen. Ein Blumenmeer ist es nicht, denn die Toten auf den Fotos sagen den meisten Moskauern wenig. Dafür waren die drei Journalisten, die vor wenigen Tagen in der Zentralafrikanischen Republik getötet worden sind, umso bekannter unter ihren Kollegen.  

von Maxim Kireev

Blumen vor Fotos von Orkhan Dzhemal, Kirill Radchenko und Alexander Rastorguyev
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Dass der Tod der drei Journalisten - Kriegsreporter Orkhan Djemal, Kameramann Kirill Radtschenko und Regisseur Alexander Rastorguew - mit ihrer Arbeit zu tun hat, daran zweifeln nur wenige ihrer Kollegen. Auch wenn die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Zakharowa, erklärte, es sei noch "eine offene Frage", was die drei in der vom Bürgerkrieg gezeichneten Zentralafrikanischen Republik gemacht hätten.

Recherchen zur Privatarmee "Wagner"

Dabei meldete sich ihr Auftraggeber bereits einen Tag nach den mutmaßlichen Morden zu Wort: Das vom Exiloligarchen und Putinkritiker Mikhail Chodorkowski finanzierte "Zentrum zur Koordination von Recherchen" hat mitgeteilt,  die drei seien in das afrikanische Land gereist, um zur Tätigkeit der russischen Privatarmee "Wagner" zu recherchieren. Zuletzt hatten sich Berichte über eine Präsenz der privaten Söldner in Afrika gemehrt. Immer wieder tauchen Gerüchte in der russischen Presse auf, die Söldner hätten nicht nur den Auftrag, Russlands außenpolitische, sondern auch finanzielle Interessen kremlnaher Unternehmern zu schützen.

Bekannteste russische Privatarmee

Und so wirft der Tod der drei Russen, auch wenn die Täter bislang unbekannt sind, ein Schlaglicht auf die bekannteste russische Privatarmee. Zuletzt machte die Wagner-Truppe im Februar 2018 weltweite Schlagzeilen, als mehrere russische Söldner während einer fehlgeschlagenen Offensive in Syrien ums Leben gekommen sind. Zumindest ein knappes Dutzend Toter konnte von Bloggern wie dem russischen „Conflict Intelligence Team“ identifiziert werden. Auch Wagner-Aussteiger berichteten Reportern des Petersburger Portals „Fontanka.ru“ und der Moskauer Zeitung „RBK“ von ihren Einsätzen in der Ukraine auf Seiten der prorussischen Kräfte, sowie in Syrien als schlagkräftige Unterstützung für die syrische Armee und die offiziellen Militärs.

In Russland sind Privatarmeen illegal

Das Problem: Anders als zum Beispiel in den USA sind private Militärfirmen in Russland illegal. Für die Teilnahme an bewaffneten Konflikten gegen Bezahlung, im russischen Strafgesetzbuch als Söldnertum bezeichnet, drohen bis zu acht Jahren Haft. Ähnliche Strafen gelten für die Finanzierung und Anwerbung. Noch im Oktober 2014 hatte ein Moskauer Gericht zwei Gründer der Privatarmee "Slawisches Korps" zu drei Jahren Haft verurteilt, weil sie Kämpfer für einen Einsatz in Syrien rekrutiert hatten. "Wagner" blieb dagegen bisher unbehelligt. 

Söldnerchef mit guten Verbindungen

Russlands Militärexperten und Beobachter führen das vor allem auf die guten Verbindungen des Mannes zurück, der die Zügel bei der Gruppe in der Hand hält. Vor drei Jahren hatten Journalisten des Portals "Fontanka.ru" das erste Mal über den ehemaligen Offizier des Aufklärungsdienstes GRU, Dmitrij Utkin, berichtet und ihn als Söldnerchef ausgemacht. Auf seinen Rufnamen "Wagner" soll auch die Bezeichnung der Truppe zurückgehen. Ehemalige Weggefährten erzählten, er habe sich den Namen wegen seiner Bewunderung für das Dritte Reich zugelegt. Utkins Verbindungen sollen weit reichen. Nicht nur weil er bei einem Empfang im Kreml abgelichtet wurde, sondern weil ihm eine Freundschaft mit dem mächtigen Petersburger Unternehmer Jewgenij Prigozhin nachgesagt wird.

Russischer Oligarch mit Verbindungen zum Söldnerchef

Wladimir Putin, Präsident der Russischen Förderation.
Russlands Präsident Wladimir Putin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den vergangenen Jahren konnte Prigozhin, eigentlich in der Gastronomie tätig, lukrative Aufträge zur Bewirtung der Armee oder auch der Moskauer Schulen an Land ziehen. Insgesamt bringen Staatsaufträge dem Unternehmen mehr als eine Milliarde Euro Umsatz pro Jahr. Zudem gehört Prigozhin ein Medienunternehmen, das später als Russlands einzige bisher bekannte Trollfabrik bekannt wurde. Deswegen steht Prigozhin auf der Sanktionsliste der USA, die ihm Einmischung in den Wahlkampf mithilfe seiner bezahlten Internet-Trolle vorwerfen. Und auch wenn Russlands Präsident eine vermutete Freundschaft mit Prigozhin abstreitet, so hatte er zumindest in einem Interview kürzlich erklärt, dass man sich kennt. Prigozhin selbst streitet seinerseits jegliche Wagner-Verbindungen ab. Gleichzeitig berichtete die Wirtschaftszeitung "RBC" vor einigen Monaten, dass ein gewisser Dmitrij Utkin, der Wagner-Kommandeur, nun zum Geschäftsführer eines Teils von Prigozhins Unternehmensgruppe geworden ist.

Gold fördern im Sudan

Denn die Geschäftsinteressen von Prigozhin reichen offenbar weit über das Catering-Geschäft hinaus. Spätestens im Frühjahr kursierten Gerüchte, Prigozhin wolle ins Bergbaugeschäft in Afrika einsteigen. Vergangenen Herbst unterzeichnete die bis dahin unbekannte Firma M-Invest eine Konzession zur Goldförderung im Sudan. M-Invest, so übereinstimmende Berichte, gehört zum Firmenimperium des "Restaurantbesitzers" Ewgenij Prigozhin. Fast gleichzeitig tauchten Berichte, etwa in der französischen "Le Monde" auf, sowohl im Sudan als auch in der Zentralafrikanischen Republik seien neuerdings russische Söldner im Einsatz. Das Moskauer Verteidigungsministerium dagegen gab lediglich zu, Ausbilder in die Zentralafrikanische Republik geschickt zu haben.

Motive der Tat bislang noch unklar

Offenbar wollten die getöteten Journalisten untersuchen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Berichten über die Präsenz von Wagner-Söldnern in Afrika und den Aktivitäten von Ewgenij Prigozhins Firmen gibt. Sie wollten der Frage nachgehen, ob es einen illegalen Söldnereinsatz zum Schutz privater Wirtschaftsinteressen gibt. Das nächste Ziel der Journalisten hätten eigentlich die Goldminen von Ndassima sein sollen. Dort, wo auch die Goldminen von Prigozhin vermutet werden. Nach bisherigen Informationen sind sie jedoch von ihrer ursprünglichen Route abgewichen, bevor sie von Unbekannten getötet wurden. Das Motiv und die Identität der Täter, so das "Zentrum zur Koordination von Recherchen" in einer Stellungnahme, seien bisher noch unklar.

Über dieses Thema berichtete MDR im Radio 04.08.2018 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. August 2018, 15:33 Uhr