Lech Walesa: Held oder Verräter?

Lech Walesa ist wohl ein Spitzel des polnischen Geheimdienstes gewesen. Wie bewerten seine einstigen Gefährten diesen Fakt? - Jan Rulewski, enger Mitarbeiter Walesas in den 1980er-Jahren, äußert sich in einem Interview.

von Monika Sieradzka

Sind Sie von den Veröffentlichungen des "Instituts für Nationales Gedenken" zur Zusammenarbeit Walesas mit der polnischen Stasi überrascht?

Nein. Schon 1981, während des 1. Solidarnosc-Kongresses, wurden mir Kopien von einigen Dokumenten zugespielt. Dass ich Süßigkeiten mag, ist allgemein bekannt und war es damals schon. Und während des Kongresses habe ich von jemandem eine Pralinenschachtel bekommen, in die man irgendwelche Papiere reingesteckt hat. Ein paar andere Leute aus der Gewerkschaft Solidarnosc wurden auch informiert. Damals war die Stasi in unseren Kreisen sehr aktiv, sie hat versucht, unsere Versammlungen zu stören, die oppositionellen Kreise wurden ständig infiltriert. Deshalb war diese Aktenzuspielung in unseren Augen auch ein solcher Versuch, weil der sehr genau in dieses Agentenspiel reinpasste. Die echten Atteste der "Reinheit" haben jedoch die Kongressdelegierten immer aus ihren Wahlkreisen bekommen. Wałęsa hatte die volle Unterstützung seiner Leute und keiner von denen hatte damals das Thema seiner Stasi-Zusammenarbeit angesprochen.

Was ist Walesa für Sie – Held oder Verräter?

Ich bin ihm sehr dankbar, dass er Polen in Bewegung gebracht hat. Ich sah in meinem großen Betrieb, der Fahrradfabrik in Bydgoszcz, dass der Kommunismus schon am Verrotten war. Doch bei uns gab es keine erfahrenen Oppositionellen, viele Menschen wären auch gar nicht bereit gewesen zu kämpfen, obwohl sich viele von dem System unterdrückt fühlten. Wir brauchten einen Anstoß. Und der kam von Walesa! Er hat uns unsere Würde zurückgegeben. Er war ein guter Leader, der sich vor allem nach seiner Intuition richtete. Wichtig war, dass er einer von uns war, ein einfacher Arbeiter, der das Funktionieren der kommunistischen Betriebe gut kannte. Und er besaß eine gewisse Bauernschläue, er hat immer zwei Schritte nach vorn und einen nach hinten gemacht, um dem Staatsapparat immer wieder ein weiteres Stück Freiheit für die Solidarnosc zu entreißen. Diese Strategie hat sich bewährt.

Was bezweckt die PiS mit der Veröffentlichung der Geheimdienstdokumente?

Die heutige Regierung versucht alles zu delegalisieren, was nach 1990 in Polen geschah. Dabei spielt der tiefe persönliche Stachel von Jaroslaw Kaczynski gegenüber Walesa eine Rolle. Als Walesa von 1990 bis 1995 Polens Präsident war, gehörten die beiden Brüder Jaroslaw und Lech Kaczynski zu seinem engsten Mitarbeiterkreis. Doch als der autoritäre Stil von Walesa und die Machtambitionen der Zwillingsbrüder aufeinander stießen, mussten die Brüder den Präsidentenpalast verlassen, was sie sehr enttäuscht hat.

Und was jetzt gemacht wird, nenne ich eine falsche Zeitmaschine, mit der Lech Walesa in die Vergangenheit zurückversetzt wird. Man verrückt die Fakten, wenn man generell behauptet, dass Walesa ein Geheimdienstmitarbeiter war. Wenn er wirklich eine Verpflichtungserklärung unterzeichnet haben sollte, dann doch nicht als Präsident oder Gewerkschaftsführer, sondern als junger Werftarbeiter, der in den 1970er-Jahren aus einem kleinen Dorf in die große Stadt Danzig kam und der sich von der Stasi vielleicht verfolgt fühlte.

Sehen Sie die Debatte um Walesa als Teil einer neuen Geschichtspolitik?

Jan Rulewski
Jan Rulewski: Wenn Walesa wirklich eine Verpflichtungserklärung unterzeichnet haben sollte, dann als junger Werftarbeiter, der sich von der Stasi verfolgt fühlte. Bildrechte: IMAGO

Es geht nicht nur um die Geschichte, da steckt viel mehr dahinter. Es geht auch darum, das ganze Rechtssystem, das nach dem Fall des Kommunismus entstand, in Frage zu stellen. Jaroslaw Kaczynski hat grosse Ambitionen. Er möchte am liebsten die ganze III. Republik (die Zeit nach 1990 – Anm. d. Red.) aus dem öffentlichen Bewußtsein löschen. Der Kampf gegen Walesa ist für ihn nicht genug. Er möchte eine neue Realität schaffen. Er will die Geschichte Polens als Geschichte des permanenten Kampfes darstellen. Diejenigen, die jetzt an der Macht sind, werden als die eigentlichen Freiheitskämpfer und Walesa als Führer der Renegaten dargestellt. Dass die Brüder Kaczynski die Wahl Walesas zum Präsidenten 1990 als einen Neubeginn bezeichneten, soll jetzt nicht mehr gelten. Der Neubeginn soll jetzt, während der Ära PiS, stattfinden.

(Zuerst veröffentlicht am 31.01.2017)

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2017, 12:21 Uhr

Lech Walesa, Polnische Gewerkschaft Solidarität 1980
Die Regierung in Warschau erklärt schon nach wenigen Tagen, die Forderungen der Werft-Arbeiter erfüllen zu wollen. Der Streik scheint damit beendet zu sein. Die Arbeiter aber wollen sich damit nicht zufrieden geben. Sie wollen auf weitere Reformen drängen. Am 17. August 1980 rufen sie ein "Überbetriebliches Streikkomitee" ins Leben, das mehr als 300 Betriebe repräsentiert und einen 21 Punkte umfassenden Forderungskatalog erarbeitet. Zu den Forderungen gehört das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Streikrecht und das Recht auf unabhängige Gewerkschaften. Zum Vorsitzenden des Streikkomitees wird Lech Walesa gewählt. Aus dieser Bewegung entwickelt sich in den nächsten Tagen die "Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarität". (Im Bild: Lech Walesa. Vor ihm, mit Brille: Anna Walentynowicz.) Bildrechte: dpa