Putin im russischen Staats-TV: Der Präsident als Übermensch

Am 23. September flimmert über die TV-Geräte in Russland wieder "Moskau.Kreml.Putin." Die neue Propagandasendung des russischen Staatsfernsehens grenzt in ihrer Huldigung des Präsidenten an Realsatire. Um Putins Beliebtheit zu steigern, scheint mittlerweile jedes Mittel recht.

Moskau Kreml Putin
Bildästhetik à la James Bond: Vorspann zur Sendung "Moskau.Kreml.Putin." Bildrechte: https://www.facebook.com/russiatv

Für einen Moment schien es, als sei es selbst für Wladimir Putins treuen Propagandisten und Fernsehmoderator Wladimir Solowjew ein bisschen zu viel des Guten. "Der Präsident liebt nicht nur Kinder, er liebt Menschen überhaupt, er ist ein sehr menschlicher Mensch", säuselt gerade Putins Sprecher Dmitri Peskow vor laufenden Kameras. "Das habe ich schon früher gehört", erwidert Solowjew, der seinen Gast gerade über Putin ausfragt. Der Satz dürfte vielen Russen aus dem sowjetischen Schulprogramm in Erinnerung geblieben sein. Einst bezeichnete der sowjetische Dichter Wladimir Majakowski den Sowjetherrscher Lenin nach dessen Tod in einer Ode fast wortgleich mit der Formulierung als "der menschlichste Mensch".

Einmal pro Woche moderiert Wladimir Solowjew die neue Sendung "Moskau. Kreml. Putin." im Staatssender Rossija 1, Teil der staatlichen Mediengruppe WGTRK. Einer der bekanntesten Fernsehjournalisten Russlands empfängt Minister, Pressesprecher und Korrespondenten, die über Wladimir Putins Woche berichten. Die Sendung soll den Präsidenten von seiner menschlichen Seite zeigen. Doch Putin nimmt in den 60 Minuten eher übermenschliche Züge an. Man erlebe einen Typ, vor dem wilde Tiere buchstäblich in Ehrfurcht erstarren, ätzt etwa die Politologin Tatjana Stanowaja, Geschäftsführerin der Beratungsfirma R. Politik. "Mit einem rational durchdachten Propaganda-Produkt habe das Programm wenig zu tun", meint Stanowaja. Die Sendung sei vielmehr "eine Liebeserklärung an den Präsidenten von seinem Umfeld, das die Verantwortung für die fallenden Beliebtheitswerte des Präsidenten fürchtet".

Wladimir Putin verleiht Wladimir Solowjew, 2013, den Orden der Ehre.
Einst Streiter für Demokratie, mittlerweile Putins "Hofberichterstatter": Fernsehmoderator Wladimir Solowjew. Bildrechte: IMAGO

Politur für Putins Beliebtheitswerte

Tatsächlich hat Putins Popularität in den vergangenen Wochen gelitten. Die Anhebung des Renteneintrittsalters und die beschlossene Erhöhung der Mehrwertsteuer verärgern viele Russen, die eigentlich zu Putins Stammwählern zählen. Diese Probleme sind für die Macher der Sendung nicht von Belang.  

Zu Beginn der jüngsten Show am vergangenen Sonntag (16.09.2018) hetzt der Moderator fast schon durch den Terminkalender von Wladimir Putin: Treffen mit Staatschefs, ein Wirtschaftsforum, Militärübungen, Fabrikbesuche, Manöverkritik mit Ministern. Der Präsident arbeitet jeden Tag pausenlos zum Wohle des Landes, so die Botschaft. Es folgt eine Reportage über ein Treffen Putins mit Japans Premier Schinzo Abe im gerade eröffneten Werk des Autoherstellers Mazda unweit von Wladiwostok. Die Kameras des russischen Fernsehens fangen ein, wie Japans mitgereiste Minister nervös an ihren Anzügen zupfen, sich Schweißperlen von der Stirn wischen und vor Aufregung Kugelschreiber fallen lassen. Kein Wunder, schließlich erwarten sie den Gastgeber. Und der heißt Wladimir Putin.

Der japanischer Premierminister Shinzo Abe (2. von R) und den russischen Präsidenten Wladimir Putin (C) besuchen eine Fabrik.
Ein Motor wird geadelt: Russlands Präsident Putin und Japans Premier Abe in einem Mazda-Werk bei Wladiwostok. Bildrechte: IMAGO

Putin ist cool, Putin lächelt, Putin ist grimmig. Fast 20 Minuten weicht der Präsident nicht vom Bildschirm, bis Moderator Solowjow schließlich resümiert: Wladimir Putin ist der wichtigste "Newsmaker der Woche", einer dessen Worte zu Nachrichten werden. Dann folgen zwei ausgiebige Interviews. Das erste mit Putins Sprecher Dmitrij Peskow. Der erklärt, wie der Staat die Wirtschaft in Russlands fernem Osten fördert. Anschließend darf sich Verteidigungsminister Schoigu fast 20 Minuten über die Macht russischer Waffentechnik auslassen.

Sendung erreicht Millionenpublikum

Während im Internet Ausschnitte und Phrasen aus der Sendung mittlerweile zehntausendfach geteilt werden, hatte der Mediendienst Mediascope für die erste Sendung eine Quote von knapp 14 Prozent ermittelt. Allein in Moskau haben die Show mehr als 600.000 Menschen gesehen. Auf das ganze Land gerechnet hat sich also ein Millionenpublikum die neue Propagandashow angeschaut. Kein Wunder, denn die staatliche Sendergruppe WGTRK gilt neben dem ersten Kanal als wichtigste Propaganda-Maschine des Kremls. Nach Angaben des Senders machten die Einnahmen im vergangenen Jahr rund 300 Millionen Euro aus. Fast so viel bekam die Medienholding an Subventionen aus dem Haushalt.
Grafisch und optisch kommt der Sender modern und hochwertig daher. Eine perfekte Plattform für den Präsidenten. Der gleiche Wladimir Solwojew, der die neue Putin-Show moderiert, durfte den Präsidenten schon 2015 und 2017 exklusiv für den Kanal interviewen.

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Immer wieder sonntags: "Moskau.Kreml.Putin." - die Präsidentenshow für die ganze Familie. Bildrechte: https://www.facebook.com/russiatv

Dabei gilt der Fernsehjournalist nicht nur als Putins Propagandist, sondern auch als einer der bestbezahlten Medienmacher des Landes. Laut einer Enthüllungsstory des Oppositionellen Alexej Nawalny soll Solowjew eine Villa in Italien besitzen. Sein Vermögen wurde Nawalnys Mitarbeitern zufolge auf eine Milliarde Rubel, damals umgerechnet rund 15 Millionen, Euro geschätzt. Solowjow konterte: Es sei kein Geheimnis, dass er viel Geld habe. Vor 17 Jahren, zu Beginn der Putin-Ära, hatte Solowjow noch ganz andere Töne angeschlagen. 2001 hatte der staatliche Energiekonzern Gazprom den größten damals unabhängigen und kremlkritischen Sender NTW unter seine Kontrolle gebracht, was zu Protesten nicht nur seitens der NTW-Journalisten, sondern auch in der Bevölkerung führte. Solowjow, damals Mitarbeiter des Senders, kritisierte den Eigentümerwechsel scharf. In einer Live-Sendung bezeichnete er den Vorgang als "Anzeichen einer Systemkrise im Land" und bestand darauf, dass ein Journalist immer ein "unabhängiger Mensch" bleiben muss. Ein Satz, der angesichts seiner späteren Karriere beim Staatsfernsehen wie blanker Hohn klingt.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 15.06.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2018, 15:09 Uhr