Warum die russische Raumfahrt in der Krise steckt

Nach mehr als 200 Tagen auf der Internationalen Raumstation ISS kehrt der deutsche Astronaut Alexander Gerst am Donnerstag auf die Erde zurück. Begleitet wurde sein Einsatz von diversen Problemen mit der russischen Sojus-Raumkapsel. Die stehen exemplarisch für die Krise der russischen Raumfahrt.

von Maxim Kireev

Um genau 06:03 Uhr mitteleuropäischer Zeit wird die Sojus-Raumkapsel mit Gerst, seiner US-amerikanischen Kollegin Serena Auñón-Chancellor und dem russischen Kosmonaut Sergei Prokopjew von der ISS abgekoppelt. Drei Stunden später soll die Raumkapsel per Fallschirm in Kasachstan landen.

Eigentlich war die Landung bereits für Anfang Dezember geplant, verzögerte sich jedoch durch Probleme mit der russischen Raumkapsel. So wurde während des Aufenthalts ein stecknadelgroßes Loch an der "Sojus" entdeckt, das die Astronauten in einem schwierigen Außeneinsatz flicken mussten. Wie das Loch entstanden ist, bleibt unklar. Gerst und seine Kollegen bringen Proben von der Außenwand der Kapsel mit zur Erde, wo russische Experten diese untersuchen sollen.

Fast-Kastrophe der russischen Raumkapsel

Bereits zuvor kam es durch die russische Technik fast zu einer Katastrophe. Ein Montagefehler hätte beinahe dem russischen Kosmonauten Alexej Owtschinin und seinem US-Kollegen Nick Hague das Leben gekostet. Die beiden waren am 11. Oktober 2018 als Ablösung für Gerst und seine Kollegen mit einer rusischen Rakete zur ISS gestartet. Kurz nach dem Start versagte das Triebwerk, die beiden Raumfahrer konnten sich aber in der Raumkasel retten und notlanden.

Grund für die Havarie war ein beim Einbau auf dem Weltraumbahnhof Baikonur verformter Sensorstift. Der habe dazu geführt, dass die Rakete nur wenige Minuten nach dem Start zerbrochen sei. Zu diesem Schluss kam eine Untersuchungskommission der russischen Weltraumagentur Roskosmos.

Roskosmos-Kosmonaut Alexej Owtschinin und Nasa-Astronaut Nick Hague nach Sojus-Notlandung
Roskosmos-Kosmonaut Alexej Owtschinin und Nasa-Astronaut Nick Hague hatten Glück im Unglück. Sie konnten nach dem Sojus-Fehlstart gerettet werden. Bildrechte: IMAGO

Gespannt hatte Russlands Raumfahrtbranche auf die Bekanntgabe der Untersuchungsergebnisse gewartet, schließlich markierte der Unfall einen neuen Tiefpunkt in der Krise russischen Raumfahrt. Über drei Jahrzehnte hatte es bei bemannten Starts russischer Raumschiffe keine ähnlichen Zwischenfälle gegeben. In diesem Jahr dagegen hatte es erst Ende August ein Problem mit einer an der ISS angedockten Sojus-Kapsel gegeben. Durch einen Mikroriss war Luft entwichen.

Monopolstellung bei bemannten Flügen zur ISS

Gleichzeitig hat Russland in Sachen Raumfahrt viel zu verlieren. So hat das Land noch immer eine Monopolstellung inne, was bemannte Flüge zur Internationalen Weltraumstation ISS angeht. Zudem liefert Russland, trotz angespannter Beziehungen, Raketenantriebe an den Erzrivalen USA. Mit 17 Raketenstarts im vergangenen Jahr belegte Russland Platz zwei unter den Weltraumnationen. Spitzenreiter USA kommen auf 27 Starts.

Zumindest bedeuten die Untersuchungsergebnisse zum "Sojus"-Fehlstart, dass die bemannten Flüge bald wieder aufgenommen werden können. Der Chef der Unfallkommission Oleg Skorobogatow betonte, dass es sich nicht um einen Konstruktionsfehler handele und dass eine Beschädigung des Sensors beim Raketenhersteller "Progress" ausgeschlossen werden könne. Künftig solle die Montage der Trägerrakete noch genauer per Video überwacht und dokumentiert werden. Zur Sicherheit will Roskosmos zwei bereits montierte Raketen neu zusammenbauen lassen, um mögliche Fehler auszuschließen.

Russen wollen zu gerne an ihre Spitzenposition im All glauben

Für den Kreml sind die präsentierten Ergebnisse Glück im Unglück. Schließlich bleibt die Raumfahrt ein wichtiges Statussymbol. Stolz druckte die Zentralbank etwa den neuen Weltraumbahnhof "Wostotschny" in Sibirien mit seiner imposanten Startrampe auf die die kürzlich eingeführten 2.000-Rubel-Scheinen. Und wer sich eine App aufs Handy lädt und es dann auf den Schein richtet, der sieht eine nagelneue 3-D-Sojus-Rakete, startklar gen Himmel gerichtet. Noch im April erklärte Russlands Premier Dmitrij Medwedew in der Duma, das Land gehöre auch weiterhin zu jener "Staaten-Elite, die das Weltall erschließt". Mit dem neuen Weltraumbahnhof Wostotschny habe sich Russland einen eigenen Zugang zum Kosmos verschafft.

Animation Mars
Fast jeder zweite Russe ist davon überzeugt, dass Russland noch vor den USA auf dem Mars landen wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Medwedews Ziehvater Wladimir Putin prahlt gerne mit der russischen Raumfahrt. "Wir werden bald unbemannte und später auch bemannte Starts zum Mond unternehmen und auch eine Marsmission starten", erklärte der Staatschef in einem Lobesfilm mit dem Titel "Putin" - ausgestrahlt wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl Mitte März 2018.  Auch eine Mehrheit der russischen Bevölkerung glaubt fest daran, dass Russland noch immer eine der führenden Raumfahr-Nationen ist. Laut einer aktuellen Umfrage des staatlichen Instituts WZIOM sehen 84 Prozent der Russen ihr Land an der Spitze der Raumfahrt. Fast 40 Prozent glauben zudem, dass Russland die erste bemannte Mission zum Mars starten wird, während nur 13 Prozent die USA in der Pionierrolle sehen.

Das "Portugal der Raumfahrt"?

Luftaufnahme des Russischen Weltraumbahnhofs, Wostotschny.
Der russische Weltraumbahnhof Wostotschny in Sibirien Bildrechte: dpa

Dennoch sind auch die Probleme der russischen Raumfahrt kaum zu übersehen. So hat sich die Zahl der Weltraumstarts seit Beginn des Jahrzehnts, als Russland noch Marktführer auf dem Gebiet war, beinahe halbiert. Die Quote der Fehlschläge beim Start russischer Trägerraketen, die zwischen 2011 und 2016 durchschnittlich 6,88 Prozent betrug, ist inzwischen um fast ein Viertel höher als die der Konkurrenz. Und auch beim Bau des neuen Weltraumbahnhofs "Wostotschny", den Premier Medwedew als Russlands Tor zum Weltall preiste, gab es immer wieder Verzögerungen und Korruptionsvorwürfe. Seit 2016 sind erst zwei Raketen von Wostotschny ins All gestartet. Russland drohe zu einem "Portugal der Raumfahrt" zu werden, warnt  Weltraumexperte Wadim Lukaschewitsch. Einst seien die Portugiesen auch Pioniere der Schifffahrt gewesen, verschwanden später aber in der Bedeutungslosigkeit.

Fehlplanungen und Fehlstarts

Eine Rakete steht auf der Startplattform auf dem Kosmodrom Pleretsk. Dampf entweicht von den Bppsterraketen, der Start steht unmittelbar bevor.
Zwei Jahrzehnte bis zum Start: Angara-Rakete Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Angesichts der technischen Fehlschläge in der Vergangenheit halten es tatsächlich die wenigsten Raumfahrtexperten für möglich, dass Russland so schnelle Fortschritte machen kann wie von Präsident Putin angekündigt. Russland habe sich nach dem Zerfall der Sowjetunion zu sehr auf kommerzielle Starts konzentriert. In neue Entwicklungen sei dagegen wenig investiert worden, meint beispielsweise Pawel Puschkin, Chef des privaten russischen Weltraumtourismus-Anbieters "Cosmocours". So hat etwa die Entwicklung der mittelschweren Rakete Angara 5 gut zwei Jahrzehnte gedauert. Nach dem Jungfernflug im Dezember 2014 wurde jedoch beschlossen, dass die Rakete weiter modernisiert werden soll. Nach aktuellem Zeitplan soll die Serienproduktion erst Anfang der 2020er-Jahre anlaufen. Noch erfolgloser war die Entwicklung des Raumschiffs Clipper, dessen Innenraumkonzept sechs Kosmonauten Platz bot. Als einen der Hauptkonkurrenten hatten die Ingenieure des Konzerns RKK Energija den damals noch kaum bekannten Elon Musk ausgemacht. Doch das Projekt hatte zu wenig Rückhalt in der russischen Weltraumagentur "Roskosmos" und wurde schließlich eingestellt.

Russland will mit neuen Trägerraketen wieder konkurrenzfähig werden

Will Russlands Präsident Putin seine kühnen Weltraumpläne verwirklichen, müssen die Investitionen in neue Trägerraketen enorm erhöht werden. So hat die Weltraumagentur "Roskosmos" erst vor wenigen Tagen den Entwurf einer superschweren Rakete bei "RKK Energija" in Auftrag gegeben. Der bisherige Zeitplan sieht die Fertigstellung der Rakete und der notwendigen Infrastruktur für ihren Start vom Weltraumbahnhof "Wostotschny" für das Jahr 2028 vor. Parallel entwickelt "Energija" ebenfalls die Sojus-5-Rakete, die bis zu 17 Tonnen Nutzlast ins All befördern können und im Jahr 2024 fertig werden soll. Mit ihr will Russland auf dem Markt für Satellitenstarts wieder konkurrenzfähig werden.

Experten bleiben skeptisch

Doch obwohl die Planungen angelaufen sind, bleiben Experten weiterhin skeptisch. Zum einen schrumpft das Budget von "Roskosmos" von Jahr zu Jahr. Offenbar will weder Putin noch Medwedew für die blumigen Weltraumträume zu tief in die Tasche greifen, zumal Russland noch immer gegen ein Budgetdefizit ankämpft. Zum anderen gibt es Zweifel, ob die neuen Raketen mit kommerziellen Produkten mithalten können. Der private russische Weltraumdienstleister "S7", der zur gleichnamigen Fluglinie gehört, hält etwa die Sojus 5 schon jetzt für veraltet. "Die Sojus 5 brauchen wir in der Form nicht. Sie ist im Grunde eine etwas größere und schwere Version ihres Vorgängers Zenit", erklärte Sergej Sopow, Chef von "S7 Space Transportation Systems" gegenüber dem Portal Lenta.ru. Sein Unternehmen will sich lieber nicht auf die staatliche Entwicklung verlassen. Deswegen kündigte "S7" am 11. April 2018 an, ebenfalls in Zusammenarbeit mit RKK Energija eine eigene Version der Sojus 5 zu entwickeln. "Für uns ist der Preis ausschlaggebend", ergänzte Sopow. In dieser Hinsicht habe ihn bisher kein einheimischer Hersteller überzeugen können.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 11.10.2018 | 11:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Dezember 2018, 16:36 Uhr