Erobern russische Start-Ups den Mond?
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Russlands Raumfahrt: Top oder Flop?

Am 4. Oktober 1957 umrundete der erste künstliche Satellit piepsend die Erde. Ein Coup, der die Sowjetunion zur führenden Raumfahrt-Nation machte. Russland sieht sich noch heute in dieser Rolle. Mit der Realität hat das indes nur wenig zu tun.

von Maxim Kireev

Erobern russische Start-Ups den Mond?
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Am 11. April 2018 erklärte Russlands Premier Dmitrij Medwedew während seiner Regierungsstunde in der Duma, das Land gehöre auch weiterhin zu jener "Staaten-Elite, die das Weltall erschließt". Mit dem neuen Weltraumbahnhof "Wostotschny" habe sich Russland einen eigenen Zugang zum Kosmos verschafft. Auch Medwedews Ziehvater Wladimir Putin prahlt gerne mit der russischen Raumfahrt. "Wir werden bald unbemannte und später auch bemannte Starts zum Mond unternehmen und auch eine Marsmission starten", erklärte der Staatschef in einem Lobesfilm, mit dem Titel "Putin" - ausgestrahlt wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl Mitte März 2018.  Auch eine Mehrheit der russischen Bevölkerung glaubt fest daran, dass Russland noch immer eine der führenden Raumfahr-Nationen ist. Laut einer aktuellen Umfrage des staatlichen Instituts WZIOM sehen 84 Prozent der Russen ihr Land an der Spitze der Raumfahrt. Fast 40 Prozent glauben zudem, dass Russland die erste bemannte Mission zum Mars starten wird, während nur 13 Prozent die USA in der Pionierrolle sehen.

Animation Mars
Fast jeder zweite Russe ist davon überzeugt, dass Russland noch vor den USA auf dem Mars landen wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tatsächlich hat Russland in Sachen Weltraumprogramm einiges vorzuweisen. So hat das Land noch immer eine Monopolstellung inne, was bemannte Flüge zur Internationalen Weltraumstation ISS angeht. Zudem liefert Russland, trotz angespannter Beziehungen, Raketenantriebe an den Erzrivalen USA. Mit 17 Raketenstarts im vergangenen Jahr belegte Russland Platz zwei unter den Weltraumnationen. Spitzenreiter USA kommen auf 27 Starts.

Das "Portugal der Raumfahrt"?

Luftaufnahme des Russischen Weltraumbahnhofs, Wostotschny.
Der russischen Weltraumbahnhof Wostotschny Bildrechte: dpa

Dennoch sind auch die Probleme der russischen Raumfahrt kaum zu übersehen. So hat sich die Zahl der Weltraumstarts seit Beginn des Jahrzehnts, als Russland noch Marktführer auf dem Gebiet war, beinahe halbiert. Die Quote der Fehlschläge beim Start russischer Trägerraketen, die zwischen 2011 und 2016 durchschnittlich 6,88 Prozent betrug, ist inzwischen um fast ein Viertel höher als die der Konkurrenz. Und auch beim Bau des neuen Weltraumbahnhofs "Wostotschny", den Premier Medwedew als Russlands Tor zum Weltall preiste, gab es immer wieder Verzögerungen und Korruptionsvorwürfe. Russland drohe zu einem "Portugal der Raumfahrt" zu werden, warnt  Weltraumexperte Wadim Lukaschewitsch. Einst seien die Portugiesen auch Pioniere der Schifffahrt gewesen, verschwanden später aber in der Bedeutungslosigkeit.

Fehlplanungen und Fehlstarts

Eine Rakete steht auf der Startplattform auf dem Kosmodrom Pleretsk. Dampf entweicht von den Bppsterraketen, der Start steht unmittelbar bevor.
Zwei Jahrzehnte bis zum Start: Angara-Rakete Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Angesichts der technischen Fehlschläge in der Vergangenheit halten es tatsächlich die wenigsten Raumfahrtexperten für möglich, dass Russland so schnelle Fortschritte machen kann wie von Präsident Putin angekündigt. Russland habe sich nach dem Zerfall der Sowjetunion zu sehr auf kommerzielle Starts konzentriert. In neue Entwicklungen sei dagegen wenig investiert worden, meint beispielsweise Pawel Puschkin, Chef des privaten russischen Weltraumtourismus-Anbieters "Cosmocours". So hat etwa die Entwicklung der mittelschweren Rakete Angara 5 gut zwei Jahrzehnte gedauert. Nach dem Jungfernflug im Dezember 2014 wurde jedoch beschlossen, dass die Rakete weiter modernisiert werden soll. Nach aktuellem Zeitplan soll die Serienproduktion erst Anfang der 2020er-Jahre anlaufen. Noch erfolgloser war die Entwicklung des Raumschiffs Clipper, dessen Innenraumkonzept sechs Kosmonauten Platz bot. Als einen der Hauptkonkurrenten hatten die Ingenieure des Konzerns RKK Energija den damals noch kaum bekannten Elon Musk ausgemacht. Doch das Projekt hatte zu wenig Rückhalt in der russischen Weltraumagentur "Roskosmos" und wurde schließlich eingestellt.

Russland will mit neuen Trägerraketen wieder konkurrenzfähig werden

Will Russlands Präsident Putin seine kühnen Weltraumpläne verwirklichen, müssen die Investitionen in neue Trägerraketen enorm erhöht werden. So hat die Weltraumagentur "Roskosmos" erst vor wenigen Tagen den Entwurf einer superschweren Rakete bei "RKK Energija" in Auftrag gegeben. Der bisherige Zeitplan sieht die Fertigstellung der Rakete und der notwendigen Infrastruktur für ihren Start vom Weltraumbahnhof "Wostotschny" für das Jahr 2028 vor. Parallel entwickelt "Energija" ebenfalls die Sojus-5-Rakete, die bis zu 17 Tonnen Nutzlast ins All befördern können und im Jahr 2024 fertig werden soll. Mit ihr will Russland auf dem Markt für Satellitenstarts wieder konkurrenzfähig werden.

Experten bleiben skeptisch

Doch obwohl die Planungen angelaufen sind, bleiben Experten weiterhin skeptisch. Zum einen schrumpft das Budget von "Roskosmos" von Jahr zu Jahr. Offenbar will weder Putin noch Medwedew für die blumigen Weltraumträume zu tief in die Tasche greifen, zumal Russland noch immer gegen ein Budgetdefizit ankämpft. Zum anderen gibt es Zweifel, ob die neuen Raketen mit kommerziellen Produkten mithalten können. Der private russische Weltraumdienstleister "S7", der zur gleichnamigen Fluglinie gehört, hält etwa die Sojus 5 schon jetzt für veraltet. "Die Sojus 5 brauchen wir in der Form nicht. Sie ist im Grunde eine etwas größere und schwere Version ihres Vorgängers Zenit", erklärte Sergej Sopow, Chef von "S7 Space Transportation Systems" gegenüber dem Portal Lenta.ru. Sein Unternehmen will sich lieber nicht auf die staatliche Entwicklung verlassen. Deswegen kündigte "S7" am 11. April 2018 an, ebenfalls in Zusammenarbeit mit RKK Energija eine eigene Version der Sojus 5 zu entwickeln. "Für uns ist der Preis ausschlaggebend", ergänzte Sopow. In dieser Hinsicht habe ihn bisher kein einheimischer Hersteller überzeugen können.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: 01.02.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2018, 15:29 Uhr

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