Andrej Kiska
Andrej Kiska Bildrechte: IMAGO

Slowakei Nach Doppelmord: Präsident Kiska mischt sich ein

Wegen der Ermordung des Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten steckt die Slowakei in einer politischen Krise. Am Montag trat Innenminister Robert Kalinak zurück. Zuvor war es zu größeren Demonstrationen gekommen. Auch eine Delegation des EU-Parlaments weilte inzwischen in der Slowakei, um sich über den Doppelmord zu informieren. Selbst Staatspräsident Andrej Kiska mischt sich ein und fordert grundlegende Veränderungen in der Regierung. Ein Porträt.

von Helena Šulcová 

Andrej Kiska
Andrej Kiska Bildrechte: IMAGO

Hätte man sich eine Meinung über den slowakischen Präsidenten Andrej Kiska nur aufgrund seiner Facebook-Seite bilden müssen, hätte man noch bis vor kurzem den Eindruck gewonnen, dass das Amt des slowakischen Präsidenten der unterhaltsamste Job der Welt ist. Das Staatsoberhaupt hat sich nämlich zuletzt auf seiner Seite fast ausschließlich über das Geschehen bei den Olympischen Winterspielen geäußert. Erst war er selbst in Pyeongchang und zeigte sich als großer Fan verschiedenster Sportarten. Sogar die Umkleidekabine des slowakischen Eishockey-Teams hat er besucht. Auch als er schon zurück in Bratislava war, setzte er seine Sportberichterstattung fort. "Ich habe die Tränen unserer Biathletin Paulina Fialkova gesehen. Kopf hoch! Es geht nicht um das eigene Leben!", kommentierte er auf der Plattform den Misserfolg der slowakischen Sportlerin. 

Trauernde Menschen stehen an einem Sarg, ein Priester spricht ein Gebet.
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Wenig später allerdings hatte er andere Sorgen: Ende Februar wurde ein junger slowakischer Journalist gemeinsam mit seiner Freundin ermordet. Wer hinter dem Mord steht, ist bis jetzt nicht geklärt. Zuletzt schrieb und recherchierte der Journalist über die italienische Mafia, die höchste Regierungsstrukturen infiltriert haben soll.

Einflüsterer George Soros? 

Nach dem Mord demonstrierten tausende Menschen gegen die Politik der Regierung. Die Opposition fordert den Rücktritt von Regierungschef Robert Fico. Auch der sonst politisch zurückhaltende Präsident Kiska tauchte mit klaren Worten auf. Er forderte einen grundlegenden Umbau der Regierung oder Neuwahlen. Fico reagierte darauf mit harscher Kritik: Hinter der Präsidentenrede stehe der US-Milliardär George Soros, der die Slowakei destabilisieren will, so Fico. 

Robert Fico Ministerpräsident der Slowakei nach der Parlamentswahl
Regierungschef Robert Fico Bildrechte: dpa

Fakt ist, dass der slowakische Präsident Kiska den Philanthropen Geroge Soros letztes Jahr in New York getroffen hat. Beide sprachen zum Beispiel über die Integration von Roma in der Slowakei. "Herr Soros spielt keine Rolle in der Rede des Präsidenten Kiska, genauso spielt er keine Rolle bei den Demonstrationen in der Slowakei", so Soros-Sprecher Michael Vachon. 

Präsident Kiska und Premier Fico mögen sich nicht. 2014 waren beide Kandidaten bei der Stichwahl um die slowakische Präsidentschaft: Andrej Kiska gewann klar. Er war damals kein Politiker und konnte auf eine erfolgreiche Karriere als Unternehmer in der Finanz-Branche zurückblicken, in der er Millionen verdiente.

Von Kakerlaken zu Millionen 

Im damaligen Wahlkampf politische Aussagen von Kiska zu bekommen, war keine leichte Aufgabe. Viel lieber erzählte er seine amerikanische Story: Nach der Wende ging er in die Vereinigten Staaten. Dort lebte er mit vier Männern aus der Slowakei und sieben weiteren aus Polen. "Die Kakerlaken waren überall", erinnerte sich Kiska in einem Interview. In den USA hat er hart gearbeitet, zuerst auf einer Baustelle, dann als Verkäufer und Putzkraft an einer Tankstelle. Nach eineinhalb Jahren ist er zurück in die Slowakei gegangen - denn er lebte keinen amerikanischen Traum. Mit dem slowakischen Traum allerdings hat es besser geklappt. So begann er eine Karriere in der Slowakei als Unternehmer und verkaufte später seine Anteile an Kreditinstituten für mehrere Millionen Euro. 

Steuer und Flugzeug: Die schwache Seite des Präsidenten

Seine Aktivitäten als Unternehmer musste Kiska mehrmals vor der Wahl und danach erklären. Zum Beispiel warum seine Firma die Kosten für die Wahlkampagne von der Steuer abgezogen hatte. Wegen eines möglichen Steuerbetrugs ermittelte die Polizei. Darauf gestand seine Firma Fehler ein und zahlte 27.000 Euro nach.

In der Kritik stand Kiska auch, weil er das Präsidentenflugzeug zu privaten Zwecken nutzte. Kiska fliegt oft zu seiner Familie nach Poprad (Deutschendorf), 350 Kilometer von der slowakischen Hauptstadt und dem Sitz des Präsidenten in Bratislava entfernt. Seine Frau taucht in der Öffentlichkeit kaum auf. Sie kümmert sich lieber um die drei gemeinsamen Kinder.

Ein guter Mensch oder ein Gutmensch? 

Manche sagen über Kiska, er habe ein gutes Herz, eine sympathische Einstellung und sei ehrlich. Andere wiederum nennen ihn provokativ "Gutmensch", der um jeden Preis anders sein will als andere Politiker der Visegrad-Staaten. 2016 sprach er sich zum Beispiel für die Aufnahme von Flüchtlingen aus: "Es ist eine moralische Pflicht der Slowakei, den Flüchtlingen zu helfen".

Andrej Kiska ist nach Umfragen der glaubwürdigste Politiker in der Slowakei, auch nach fast vier Jahren im Amt. Neben der Politik und Familie hat er eine Stiftung gegründet, die den Familien hilft, die wegen Krankheitsfällen in einer schwierigen Situation stecken. Da sein jüngster Sohn im Sommer gerade einmal ein Jahr alt wird, überlegt er, nächstes Jahr nicht um eine zweite Amtszeit als Präsident zu kandidieren. Jetzt hat er aber keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Denn der politische Frühling in Bratislava ist aufgeheizt und Kiska muss nach Lösungen suchen - keine leichte Aufgabe.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 28.02.2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. März 2018, 13:33 Uhr

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