Heimaturlaub in der Wildnis

Seitdem der Rubel stark abgewertet hat, können sich weniger Russen einen Urlaub im Ausland leisten. Nun entdecken immer mehr Russen die unermesslichen Möglichkeiten ihres Heimtalandes.

von Maxim Kireev

junge Frau in einem Wald
Ein neuer Reisetrend in Russland: Ab in die einheimischen Wälder! Bildrechte: IMAGO

Einmal am Tag hält der Petersburger Vorortszug hier mitten im Wald. Dann stapfen Dutzende Passagiere über Moos und Gras bis zur nächstgelegenen Landstraße. Denn obwohl die Station Jappilja und das Stadtzentrum von Russlands zweitgrößter Stadt nur eine Stunde Zugfahrt auseinanderliegen, führt kein befestigter Weg bis zum Bahnsteig. Nach einer halben Stunde Fußmarsch über eine Schotterpiste tauchen zwischen den Kiefern plötzlich weiße Indianerzelte, kleine Holzhütten mit Moosdächern und bunte Zelte auf. Olga, Mitte 30, Dreadlocks, winkt. "Hier ist unsere Rezeption", schmunzelt sie und zeigt auf eine der Hütten. "Habt ihr genug Essen dabei? Der nächste Laden ist zwölf Kilometer entfernt".

Zelte und Donnerbalken

Ökohotel "Les" (Wald),  heißt die Anlage, die an einem See knapp 80 Kilometer von Petersburg entfernt liegt und an diesem Juli-Wochenende ausgebucht ist. Denn immer mehr Großstädter in Russland entdecken diese Art von Erholung. Im "Les" gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Und ihre Notdurft verrichten die Gäste auf Komposttoiletten. Zur Ruhe legt man sich in Zelten und Hütten, in denen frisch bezogene Betten auf die Urlauber warten. Die Unterkünfte sind mit kleinen Holzöfen ausgestattet. Das Holz ist schon fertig gehackt. Nicht nur rund um Petersburg, sondern im ganzen Land, schießen solche Anlagen aus dem Boden: in den Wäldern Kareliens im Nordosten, in den Kaukasusbergen im Süden des Landes und im fernen Sibirien im Osten.

Einfaches Plumsklo an einem Fuߟballplatz auf dem Land bei Savonilina.
Zünftig: Zum Urlaub abseits der Zivilisation gehört auch ein Plumpsklo. Bildrechte: IMAGO

Ein neuer Tourismustrend

Die Wirtschaftskrise der letzten Jahre, vor allem jedoch die Rubelabwertung hat die gerade erst sich entwickelnde Lust der Russen, ins Ausland zu reisen, etwas gedämpft. Und da die russischen Küstenregionen am Schwarzen Meer nur in seltenen Fällen das Niveau der Urlaubsressorts in der Türkei, in Griechenland oder Spanien erreichen, orientieren sich viele Russen nun anders. Allein in den vergangenen sechs Jahren hat sich die Anzahl der Besucher in Russlands Nationalparks und Naturschutzgebieten um 50 Prozent auf etwa elf Millionen Touristen erhöht, meldet etwa die staatliche Tourismusagentur Rosturizm. Schon in den kommenden drei Jahren soll die Zahl auf etwa 15 Millionen steigen.

Flüße und Seen in der sibirischen Taiga von oben.
Sagenhaft: Russlands Natur ist ungalublich vielfältig. Im Land gibt es 20 Nationalparks. Bildrechte: IMAGO

Im internationalen Vergleich steckt der inländische Tourismus in Russland noch in den Kinderschuhen. Allein die Besucherzahlen in den Nationalparks der USA mit knapp 300 Millionen Gästen sind um ein Vielfaches höher. Immer wieder beklagen Reiseanbieter die mangelnde Infrastruktur und die kostenintensive Anreise, vor allem wenn das Reiseziel nicht in der Nähe der Millionenstädte liegt. Längst nicht jede Reise durch Russland ist billiger als ein Urlaub im Ausland. Günstige Inlandstouren durch Russland bei denen Reise, Hotel und Ausflüge inbegriffen sind, bleiben noch immer eine große Seltenheit. Auch wenn das Angebot wächst. So hat der Reiseanbieter Tui Russia erst im laufenden Jahr sogenannte Reisepakete auf die Halbinsel Kamtschatka an der russischen Pazifikküste, gut acht Tausend Kilometer von Moskau entfernt, ins Angebot aufgenommen. Die Halbinsel, mit einer Fläche fast so groß wie die der Bundesrepublik, hat gerade mal 315.000 Einwohner und ist bekannt für unberührte Natur, schroffe Küsten und Vulkane.

Hütte des Fischereiaufsehers am Kurilensee, dahinter ragt der Vulkan Ilinskaya in die Höhe.
Viel Platz: Urlaub im dünn besiedelten Kamtschatka lohnt sich, ist aber nicht ganz billig. Bildrechte: IMAGO

Ein teures Vergnügen

Eines der größten Probleme sind die teuren Tickets. So kostet ein Flug von Moskau nach Petropawlowsk, die Regionalhauptstadt Kamtschatkas, im August mindestens 500 Euro in eine Richtung. Hinzu kämen die hohen Preise für Hotels und Ausflüge, weil die lokalen Anbieter in der kurzen Saison Geld für das ganze Jahr verdienen müssen, klagt Taras Demura, Geschäftsführer von Tui Russland. Man sei deshalb gerade im Gespräch mit Airlines und lokalen Unternehmern, um die Preise zu drücken. "Der Ökotourismus ist derzeit weltweit populär, und wird auch in Russland kommen", ist sich Demura sicher. Laut Tui-Webseite fangen derzeit die Kamtschatka-Touren bei ca. 3.000 Euro pro Person an.

Abkühlung garantiert! Die Halbinsel Kamtschatka

Die Insel Morzhovy.
Die Halbinsel Kamtschatka ist acht Zeitzonen und knapp 7.000 Kilometer von Moskau entfernt. Es ist der entlegenste Außenposten im Nordosten des russischen Riesenreiches, umrahmt vom Nordpazifik, dem Ochotskischen Meer und der Beringstraße. Bildrechte: IMAGO
Die Insel Morzhovy.
Die Halbinsel Kamtschatka ist acht Zeitzonen und knapp 7.000 Kilometer von Moskau entfernt. Es ist der entlegenste Außenposten im Nordosten des russischen Riesenreiches, umrahmt vom Nordpazifik, dem Ochotskischen Meer und der Beringstraße. Bildrechte: IMAGO
Aussicht auf die Russkaya Bucht an der Südküste von Kamchatka.
Kamtschatka ist etwas größer als Deutschland. Und doch leben auf der noch weitestgehend unentdeckten Halbinsel nur etwa 310.00 Menschen. Bildrechte: IMAGO
Kamtschatka
Auf Kamtschatka gibt es 30 aktive Vulkane, dichte Wälder, Gletscher, Fjorde, hohe Gebirgszüge und einsame Küsten. Auch im Hochsommer, im Juli und August, ist es angenehm kühl, die Temperatur liegt im Durchschnitt bei 20 Grad. Bildrechte: IMAGO
Ein Tourist sieht sich den Teufelsfinger in der Avacha Bay auf Kamtschatka an
Die Halbinsel, die in weiten Teilen zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, ist ein Paradies für Abenteurer, Entdecker und Naturliebhaber. (Im Bild: Der Teufelsfinger in der Avacha Bay) Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Junge Frau sitzt auf dem Baum einer Yacht
Den touristischen Aktivitäten sind auf Kamtschatka kaum Grenzen gesetzt. Der Atlantik, die Fjorde und die Seen sind ein Eldorado für Segler. Bildrechte: IMAGO
Eine Frau in einem Kajak in der Morzhovaya Bucht
Oder auch für Kajakfahrer, die in einsamen Buchten ihre Bahnen ziehen können. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Ein Touristmit einem Schlauchboot Bechevinskaya Bucht
Mit dem Schlauchboot kann man auch kleine, unbewohnte Eilande vor der Küste Kamtschatkas entdecken. Bildrechte: IMAGO
Touristen erkunden den Ort Bechevinka
Beliebt sind auch Trekkingtouren durch die unberührte Landschaft Kamtschatkas. Bildrechte: IMAGO
Ein Kamtschatka-Bär im Kurilensee
Auch Tierliebhaber kommen auf ihre Kosten: Allein 18.000 Bären leben auf Kamtschatka. Die auf der Halbinsel beheimatete Unterart ist größer und schwerer als Grizzlybären. Und durchaus gefährlich. Man sollte ihnen nicht zu nahe kommen. Bildrechte: MDR/Holger Lieberenz
Touristen auf Mishennaya Sopka
Von den vielen Berggipfeln bieten sich grandiose Aussichten. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Kamtschatka
Touristisch ist Kamtschatka freilich noch nicht erschlossen. Die Halbinsel ist ein weißer Fleck auf der Landkarte der Reiseveranstalter. Einsamkeit ist daher auf jeden Fall garantiert. (Im Bild: Stehpaddler vor der Küste Kamtschatkas)
(Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "MDR um 2" | 29.12.2017 | 14:00 Uhr.)
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Die Insel Morzhovy.
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Dorftourismus

Solche Summen haben nur die wenigsten Russen für einen Urlaub übrig. Nicht zuletzt deswegen entwickelte sich in den vergangenen Jahren ein für Russland vergleichsweise neuer Trend: der Dorftourismus. "In Deutschland wäre das alles ein Naturschutzgebiet", sagt Stefan Semken über sein Dorf Byngi, unweit der Industriestadt Jekaterinburg am Uralgebirge. Über Byngis Straßen laufen Hühner und Schafe, viele der gut 2.000 Dorfbewohner leben, wie auch Semken, in Holzhäusern mit geschnitzten "Nalitschniki", also bunten Fensterbeschlägen aus Holz. Das 150 Jahre alte Haus hat der aus Bremen stammende Semken zusammen mit seiner Frau Olga auf Vordermann gebracht und ausgebaut. Im Hof stehen dazu vier Jurten für die Gäste bereit.

Typischer sibirischer Bauernhof.
Wohnen wie früher: Immer mehr Touristen begeistern sich für einen Urlaub auf dem Dorf. Bildrechte: IMAGO

"Pro Jahr kommen ca. 60 bis 80 Besucher, die meisten aus Deutschland, aber auch Einheimische", erklärt Semken. Wer nach Bingy kommt, kann entweder die Natur genießen, zum Beispiel auf einer der unbewohnten Inseln im benachbarten Fluss, oder auch Fabriken und Goldgruben besichtigen. Anderen Unternehmern kann Semken nur Mut machen, in diese Art von Tourismus zu investieren. "Das kostet wirklich nicht viel Geld, man muss vor allem kreativ sein und gut organisieren können." Und den Russen aus den Metropolen kann er nur ans Herz legen, ihr Land zu erkunden, nachdem er selbst kürzlich zur Fußball_WM eine längere Reise durch mehrere russische Städte gemacht hat: "Guckt euch euer Land an, es ist wirklich toll geworden."


Über dieses Thema berichtete der MDR auch in der HIO-Reportage "Urlaub im wilden Osten" im: TV | 22.07.2017 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. August 2018, 10:04 Uhr

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