Warum immer weniger Tschechen in Deutschland arbeiten

Durch die Arbeitsmarktöffnung 2011 haben sich viele Tschechen über neue Arbeitsmöglicheiten in Deutschland gefreut. Doch heute zieht es nur noch wenige über die Grenze. Denn der tschechische Arbeitsmarkt boomt.

von Helena Šulcová

"Denso Manufacturing Czech" ist der größte Arbeitgeber im Landkreis Reichenberg (Liberecký kraj), der an Sachsen und Polen grenzt. 2.600 Menschen arbeiten in der Firma, die Klimaanlagen für Autos produziert. In den vergangenen Monaten war das Unternehmen auf der Suche nach neuen Mitarbeitern.

Diverse Boni, wenige Interessenten

"Für die haben wir das Einstiegsgehalt sogar um 20 Prozent erhöht", sagt Simona Procházková, die Personalmanagerin der Firma. Jedoch reichte auch dieses Angebot nicht aus, um Arbeitskräfte in Tschechien zu finden und so musste die Firma auch Arbeiter aus dem polnischen Grenzgebiet anheuern.

Dabei waren auch die Anforderungen niedrig: Die neuen Arbeitskräfte in der Produktion mussten lediglich einen tschechischen "Grundschulabschluss" vorweisen, der einem deutschen Hauptschulabschluss entspricht. Dafür zahlte das Unternehmen ein Einstiegsgehalt von 900 Euro - ohne Überstunden.

Dazu bekommt jeder neue Arbeitnehmer einen "Willkommens-Bonus" in Höhe von umgerechnet 400 Euro. Jeder Arbeiter, der einen neuen Kollegen in die Firma bringt, wird auch belohnt: mit einer 600 Euro-Prämie. Die Löhne werden in der Firma noch weiter steigen. Gerade verhandeln die Gewerkschaften neue Tarife, die ab Frühling 2018 gelten werden.

Steigende Löhne auch bei deutschen Unternehmen

Auch andere Firmen in Tschechien reagieren mit einer Lohnerhöhungen auf die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Die Firma Pierburg aus Usti nad Laben, gehört zu den führenden Zulieferern von Komponenten für Verbrennungsmotoren. Das Tochterunternehmen der deutschen Rheinmetall AG beschäftigt derzeit circa 450 Menschen in seinem tschechischen Werk.

"Auch wir haben die Löhne erhöht", bestätigte die Personalmanagerin Monika Šatná und sagt, dass sie derzeit zum Glück nicht viele offene Stellen hat: "Würden wir jetzt fünf neue Mitarbeiter für die Produktion suchen, hätten wir ein Problem."

"Vollbeschäftigung" durch Währungspolitik

Nur 3,5 Prozent der Tschechen haben keine Arbeit. Damit hat das Land die niedrigste Arbeitslosenquote innerhalb der EU. Man könnte sagen: Wer in Tschechien arbeiten will, der findet immer eine Arbeit. In der Region Pilsen oder in der Hauptstadt Prag kann man fast über Vollbeschäftigung sprechen - denn die Arbeitslosenquote beträgt dort nur 2,3 Prozent.

"Dafür sorgen unter anderem die starke Automobilbranche und andere Industrien. Deren Betriebe brauchen viele Arbeiter", erklärt Helena Horská, Analytikerin der tschechischen Raiffeisenbank. Auch die tschechische Nationalbank hätte mit ihrer Währungspolitik zur niedrigen Arbeitslosigkeit beigetragen, so die Wirtschaftsexpertin: "Sie hat einen Wechselkurs von 27 Kronen pro Euro dreieinhalb Jahre gehalten und damit die Preise für tschechische Ausfuhren niedrig gehalten. Das hat die Wirtschaft angekurbelt."

Steigende Löhne und Fachkräftemangel

Die Löhne steigen auch in Berufen, die in Tschechien immer unterbezahlt waren.  So verdienen zum Beispiel Lehrer seit dem 1. November 2017 circa 1.260 Euro im Monat. Das entspricht einer Gehaltssteigerung um 15 Prozent. Ein tschechischer Arbeitnehmer verdient umgerechnet etwa 1.140 Euro, in Prag sind es 1.450.

In Deutschland kommt man dagegen im Schnitt auf 3.700 Euro monatlich. Der Unterschied ist also immer noch groß. Doch die Forderungen nach noch massiveren Lohnerhöhungen Tschechien sind riesig. Und die Firmen suchen händeringend neues Personal. 214.000 offene Stellen gibt es im ganzen Land. 

Arbeitgeber gegen Deutschland-Beratung im Jobcenter

Kein Wunder, dass die Arbeitgeber langsam nervös werden. Empört reagierte der Verband der kleinen und mittleren Unternehmer auf eine Aktion des Arbeitsamtes in Reichenberg. Das Amt bietet Beratung für Menschen an, die einen Job in Deutschland suchen.

Das Arbeitsamt sollte sich vor allem darauf konzentrieren, die Stabilität unseres Marktes sicherzustellen, nach Instrumenten zur Unterstützung der tschechischen Unternehmen suchen und nicht dazu beitragen, Arbeitnehmer nach Deutschland zu vermitteln.

Pressemitteilung des tschechischen Unternehmer-Verbands

Das Arbeitsamt verteidigt sich damit, dass es sich gar nicht um eine Rekrutierung von Arbeitskräften für Deutschland handelt, sondern um eine Beratung, die schon seit Jahren im tschechisch-sächsisch-polnischen Grenzgebiet im Rahmen des EURES-Programms angeboten wird.

Sprachbarriere als Jobkiller

"In den vergangenen zwei Jahren ist das Interesse der tschechischen Bürger an einer Arbeit in Deutschland zurückgegangen. Die Beratung wird vor allem von Kunden genutzt, die bereits in Deutschland arbeiten und Probleme mit der Arbeit oder beim Pendeln zur Arbeit lösen müssen," erklärt Kateřina Beránková, die Sprecherin des Arbeitsamtes.

Der Grund, warum die Tschechen weniger Interesse an einer Tätigkeit in Deutschland haben, ist vor allem die Sprache. Bei weniger qualifizierten Berufen fragt sich ein tschechischer Arbeitspendler mittlerweile, ob es sich überhaupt lohnt, für den deutschen Mindestlohn jahrelang die Sprache zu pauken. Außerdem müssen die Pendler auch die Zeit und die Kosten berechnen, die der tägliche Weg zur Arbeit und zurück verursacht. Unterm Strich ist Deutschland daher für viele Tschechen einfach nicht mehr attraktiv genug.

Über dieses Thema berichtete MDR auch im Radio: MDR AKTUELL | 12.10.2017 | 12:56 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. April 2018, 17:13 Uhr