Tschetschenen in Polen
Eine Krakauer Schule empfängt tschetschenische Flüchtlingskinder. Bildrechte: Dzieci z Dworca Brześć

Auf der Flucht Tschetschenische Migranten sind in Polen nicht willkommen

Tausende tschetschenische Geflüchtete finden Schutz in Polen. Willkommen sind sie der Regierung allerdings nicht. Doch es gibt auch Polen, die ganz anders denken und Flüchtlinge, die sich in Polen wohl fühlen.

von Monika Sieradzka

Tschetschenen in Polen
Eine Krakauer Schule empfängt tschetschenische Flüchtlingskinder. Bildrechte: Dzieci z Dworca Brześć

An einem warmen Samstagmorgen treffe ich 40 Frauen, Kinder und Männer vor einem privaten Gymnasium in der Warschauer Innenstadt. Jeder kennt jeden, sie begrüßen sich, als ob sie eine große Familie wären. Auch mich nehmen sie herzlich in ihre Runde auf. Die Stimmung ist fröhlich. Keine Spur vom Trauma, das fast all diese Menschen mit sich herumtragen. Sie haben vor Jahren, Monaten oder Wochen ihre Heimat Tschetschenien aus Angst vor Krieg und Verfolgung verlassen.

Heute soll es nach Krakau gehen. Der Busfahrer wirkt anfangs etwas verunsichert. Er wusste nämlich nicht, dass seine heutigen Passagiere irgendwelche Ausländer, ja sogar Muslime, sein werden. Er fragt mich, ob die Migranten möglicherweise den Terrorismus nach Europa bringen - eine im heutigen Polen weit verbreitete Angst.

Verfolgung politischer Feinde

Wir hatten kaum Arbeit, wir mussten ständig umziehen und mein Mann war jahrelang auf der Flucht.

Madina Masalijewa
Tschetschenen in Polen
Miriam, Edelbeck und Milana waren vier Monate auf der Flucht von Tschetschenien nach Polen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Gruppe sind auch Madina Masalijewa mit ihrem Mann Ahmed und den drei Kindern: Miriam (11), Edelbeck (9) und Milana (8). Früher hat Ahmed im ersten antirussischen Krieg Mitte der 1990-er Jahre gegen die Russen gekämpft. Heute leben er und seine Familie in Angst und Armut, weil sie das pro-russische Regime in Grosny nicht unterstützen. Ein normales Leben war so unmöglich geworden, Alternativen nicht in Sicht. Denn Verfolgung und Entführung der politischen Feinde durch die tschetschenische Regierung seien Gang und Gäbe, erzählen mir Madina und ihr Mann.

Jahrelang war Ahmed auf der Flucht, versteckte sich in mehreren tschetschenischen Städten. Die Kinder und seine Frau sah er in den letzten Jahren nur gelegentlich - zu ihrem Schutz. Als der Entschluss fiel, das Heimatland zu verlassen, reiste er als erster über die Grenze nach Russland, um die Flucht zu organisieren. Im Sommer 2016 setzte sich dann Medina alleine mit ihren Kindern ins Auto eines fremden Mannes. Ihre Verwandten hatten ihn bezahlt. Er sollte sie bis an die EU-Grenze bringen, zum belarussischen Brest. Ihr Mann Ahmed stieß erst im hunderte Kilometer entfernten russischen Saratow dazu.

Osteuropa

In Bildern erzählt

Über den Alltag von tschetschenischen Migranten in Polen, ihre Flucht und ein bisschen Normalität nach den Strapazen.

Tschetschenen in Polen
Sie sitzen fest: tschetschenische Geflüchtete, Familien und ihre Kinder, die es noch nicht über die Grenze geschafft haben. Seit Monaten schon harren viele auf dem Bahnhof im belarussischen Brest an der Grenze zu Polen aus. Da sind Späße mit Helferin Marina Hulia aus Polen eine willkommene Abwechslung. Bildrechte: Dzieci z Dworca Brześć
Tschetschenen in Polen
Sie sitzen fest: tschetschenische Geflüchtete, Familien und ihre Kinder, die es noch nicht über die Grenze geschafft haben. Seit Monaten schon harren viele auf dem Bahnhof im belarussischen Brest an der Grenze zu Polen aus. Da sind Späße mit Helferin Marina Hulia aus Polen eine willkommene Abwechslung. Bildrechte: Dzieci z Dworca Brześć
Tschetschenen in Polen
Die gelernte Russischlehrerin Marina (rechts im Bild) unterrichtet nicht nur die Kinder, sondern hilft auch den tschetschenischen Geflüchteten, über die Grenze nach Polen zu kommen. Mit ihrer Hilfe haben es Migranten wie Madina (links), ihr Mann und ihre Kinder bis nach Warschau geschafft.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Tschetschenen in Polen
Vier Monate waren Madinas und Ahmeds Kinder Miriam, Edelbeck und Milana auf der Flucht von Tschetschenien nach Polen. Die meiste Zeit haben sie auf dem Bahnhof im belarussischen Brest verbracht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Tschetschenen in Polen
Viele Flüchtlinge, die auf dem Bahnhof leben, basteln Puppen, um sie später zu verkaufen. Die Puppen sind auch Muslime – sie tragen Kopftücher. Marina, die die Aktion organisiert hat, will den Polen so die tschetschenische Kultur etwas näher bringen. Bildrechte: Dzieci z Dworca Brześć
Tschetschenen in Polen
Für das Geld aus dem Verkauf der Puppen konnten sich schon mehrere tschetschenische Familien Wohnungen in Brest mieten und den Bahnhof verlassen. Bildrechte: Dzieci z Dworca Brześć
Tschetschenen in Polen
Nach mehreren Versuchen ist es vielen tschetschenischen Familien endlich gelungen, über die Grenze nach Polen zu kommen. Hier wollen sie sich ein normales Leben aufbauen und den Polen ihre Kultur näherbringen - wie mit diesem tschetschenischen Nationaltanz im Warschauer „Klub der katholischen Intelligenzia” (KIK). Bildrechte: Dzieci z Dworca Brześć
Tschetschenen in Polen
Damit die Migranten etwas von Polen sehen, hat Marina einen Ausflug von Warschau nach Krakau organisiert. In einer Krakauer Schule wollen die Tschetschenen ihre bunten Taschen präsentieren und verkaufen. Der Erlös soll Familien helfen, die immer noch auf der belarussischen Seite der Grenze festsitzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Tschetschenen in Polen
Für die tschetschenischen Kinder hat die Krakauer Schule eine Clown-Show organisiert. Die Schüler, Lehrer und Eltern wollen den Kindern damit ein bisschen Normalität bringen und zeigen, dass nicht alle Polen Angst vor Migranten haben. (Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV am 08.03.2015| 19.30 Uhr) Bildrechte: Dzieci z Dworca Brześć
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Polnische Solidarität mit den Tschetschenen

Sie wollten nach Polen gehen, weil das Land als gastfreundlich gilt. Seit dem Ende der 1990er-Jahre sind hier über 90.000 tschetschenische Flüchtlinge aufgenommen worden. Schließlich haben die Tschetschenen nach dem Zerfall der Sowjetunion tapfer für ihre Unabhängigkeit von Moskau gekämpft. Genauso wie die Polen auch mehrmals in den letzten Jahrhunderten. Die Solidarität mit der abtrünnigen Tschetschenischen Republik schien also wie eine natürliche Bande zwischen beiden Ländern.

Wenn die Stimmung kippt

Doch mit der Flüchtlingskrise hat sich auch diese Stimmung geändert. Madina und ihre Familie wurden mehrmals an der Grenze abgewiesen. Sie waren nicht die Einzigen. Hunderte von Tschetschenen haben monatelang auf dem Bahnhof von Brest gehockt, einige sitzen immer noch fest. Der polnische Innenminister hat eine einfache Erklärung: Polens Grenzen sollen dicht bleiben, um das Land vor der Gefahr des Terrorismus zu bewahren, sagte er dem Privatsender TVN24.

Umgang mit Vorurteilen

Tschetschenen in Polen
Lehrerin Marina Hulia (rechts) und Madina Masalijewa aus Tschetschenien (links). Ihr Mann Ahmed wollte sich aus Angst vor Repressionen nicht fotografieren lassen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als im Herbst eine zierliche 50-jährige Frau mit blonden Haaren auf dem Bahnhof von Brest auftaucht, nimmt das Schicksal vieler Flüchtlinge eine Wendung. Marina Hulia ist halb Russin und halb Belarussin. Auf dem Bahnhof von Brest organisiert die Russischlehrerin aus Warschau Unterricht für tschetschenische Flüchtlingskinder. Eines Tages hatte Sie eine Idee: Die Kinder bekamen die Aufgabe, ein Terroristenlächeln zu zeichnen. "Sollten die Tschetschenen Terroristen sein, dann müssten doch ihre Kinder wissen, wie sie ticken und auch, wie sie lächeln", sagt Marina und präsentiert die bunten Zeichnungen den verwunderten Reisenden am Bahnhof. Eine Toilettenfrau musste herzlich lachen und schaffte kurzum die Toiletten-Gebühren für tschetschenische Kinder ab.

Leben auf dem Bahnhof

Aus Warschau bringt Marina jede Woche alte Klamotten und gebrauchten Schmuck mit nach Brest. Tschetschenische Frauen nähen Taschen und Puppen, die Marinas Freunde dann in Warschau verkaufen. Für den Erlös werden in Brest Wohnungen gemietet, sodass eine Familie nach der anderen endlich den Bahnhof verlassen kann. Im Namen der Flüchtlinge spricht Marina mit dem polnischen Grenzschutz. Von den Beamten lässt sie sich nicht einschüchtern. Beim 12. Versuch gelingt es schließlich auch Madina und ihrer Familie, nach Polen zu kommen. "An diesem Tag habe ich mir versprochen: es wird meine letzte Grenze sein. Ich will nie mehr über Grenzen gehen", erzählt die 34-Jährige.

Reise nach Krakau

Auch die Krakau-Reise hat Marina organisiert. Sie kümmert sich nämlich um "ihre" Kinder - auch nachdem sie Flüchtlingsheime verlassen haben und erklärt: "Sie können doch nicht ständig in den zugeschlossenen Flüchtlingsunterkünften sitzen, sie müssen rauskommen, ich will ihnen das Land zeigen." Auf der Fahrt machen wir Pause bei einem McDonald-Restaurant. Ein Mann, Mitte 30, kommt auf Marina zu und will mit ihr ein Selfie machen. Er hat sie im Fernsehen gesehen und drückt ihr 100 polnische Zloty, umgerechnet etwa 25 Euro, in die Hand: "Sie werden schon etwas Gutes damit anzufangen wissen", sagt er. "Damit können wir in Krakau alle Eis essen gehen", sagt Marina spontan. Dabei hat sie Tränen in den Augen.

Tschetschenen in Polen
Auf dem weg nach Krakau treffen die Tschetschenen auf Polen, die sie unterstützen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein gutes Leben in Polen

In Krakau werden die Flüchtlingsfamilien in einer privaten Schule empfangen. Es gibt ein gemeinsames Essen mit den polnischen Schülern und ihren Eltern. Alle sind neugierig, wie es sich in Polen als Ausländer leben lässt. Man lebe in einem Land, wo es kaum Fremde gebe, sagt ein Vater. Man wisse nichts vom Leben anderer Menschen.

Tschetschenen in Polen
Mustafa (links) kam als 1-Jähriger mit seiner Oma Heda nach Polen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch der 16-jährige Mustafa, der als kleines Kind nach Polen kam, kann nur positives erzählen. Er habe viele Freunde gefunden. Sie seien alle Fans von Mamed Khalidov, dem polnischen MMA-Meister, der mit der ersten tschetschenischen Flüchtlingswelle Ende 1990er-Jahre nach Polen gekommen ist. Natürlich trainieren Mustafa und alle seine Freunde auch MMA (Abkürzung für den Kampfsport "Mixed Martial Arts").

Kein typisches Polen

Allerdings ist das friedliche Bild, das ich auf dem Schulhof in Krakau beobachte, alles andere als typisch. Für gewöhnlich schotten sich meine Landsleute von Fremden ab. Ein Grund wird wohl auch sein, dass viele gar nicht mit Ausländern in Kontakt kommen und man keine Migranten auf den Straßen sieht. Das weiß auch die Russischlehrerin Marina: "Wir haben immer Angst vor dem, was wir nicht kennen." Marina will das ändern und vor allem "ihren" tschetschenischen Kindern ein "buntes und herzliches Polen zeigen". Hartnäckig und unermüdlich engagiert sich die Frau mit der "russischen Seele" - wie Marina über sich selbst sagt - für ein offenes Polen und gegen Vorurteile. Auf dem Schulhof präsentiert sie die bunten Puppen, die von den Müttern vom Bahnhof Brest genäht wurden und erzählt den Krakauer Schülern und Eltern von den menschlichen Schicksalen, die hinter jeder einzelnen Puppe stecken.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 08.03.2015| 19.30 Uhr

(Zuerst veröffentlicht am 26.06.2017)

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2017, 16:00 Uhr