Attentate auf tschetschenische Separatisten in der Ukraine

Ein Bündnis mit Risiken und Nebenwirkungen

Zwei Attentate auf bekannte tschetschenische Kämpfer haben im Herbst 2017 die Ukraine erschüttert und der Öffentlichkeit eine lange kaum wahrgenommene Waffenbrüderschaft ins Bewusstsein gebracht: Viele Anhänger der tschetschenischen Unabhängigkeit kämpfen im Donbass-Krieg an der Seite Kiews. Ein Bündnis mit Risiken und Nebenwirkungen.

von Denis Trubetskoy

Dennis Trubetskoy
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es war eine bemerkenswerte Aktion, die am 13. August 2017 im Zentrum Kiews stattfand: Direkt auf dem Maidan-Platz wurde die 22 mal 33-Meter große Fahne der Tschetschenischen Republik Itschkerien, eines international nicht anerkannten Staates der tschetschenischen Separatisten, der ab dem Zerfall der Sowjetunion bis zum Zweiten Tschetschenienkrieg 1999 de facto existierte, entfaltet. An der Aktion nahmen nicht nur Kämpfer der ukrainisch-tschetschenischen Freiwilligenbataillone teil, sondern auch Vertreter der Krimtataren. "Im Namen des ganzen krimtatarischen Volkes will ich Tschetschenen, die gegen die russische Armee kämpfen, herzlich begrüßen. Gemeinsam werden wir siegen", sagte Refat Tschubarow, Vorsitzender der krimtatarischen Volksversammlung Medschlis.

Der Feind meines Feindes …

Krimtataren und Tschetschenen kämpfen gemeinsam mit ukrainischer Armee und teils nationalistischen Freiwilligenbataillonen gegen die russisch unterstützten Separatisten. Ihr Motto: "Der Feind meines Feindes ... ". Doch dieses Bündnis birgt Sprengstoff und trägt die Gewalt auch in andere Teile der Ukraine.

Amina Okujewa: Die kämpfende Ärztin

Frau mit Kopftuch und Uniform
Kämpfen für Itschkerien: Amina Okujewa Bildrechte: imago/Ukrinform

Oben erwähnte Fahnen-Aktion, die große Aufmerksamkeit in den ukrainischen Medien bekommen hatte, war federführend von Amina Okujewa organisiert worden. Die ausgebildete Ärztin wuchs bei ihren Adoptiveltern im südukrainischen Odessa auf, ihr biologischer Vater soll aber aus Tschetschenien stammen. Ab 1999 kämpfte sie im Zweiten Tschetschenienkrieg schließlich für Itschkerien, vier Jahre später kehrte sie in die Ukraine zurück. Seit Ausbruch des Krieges im Donbass kämpfte Amina Okujewa auf der Seite der ukrainischen Regierungstruppe und zählt zu den Gründern des tschetschenischen Dschochar-Dudajew-Bataillons (benannt nach dem ersten Präsidenten Itschkeriens). Ihr Partner, der tschetschenische Militär Adam Osmajew, führt das Bataillon seit Februar 2015 an.

Ein "französischer Journalist" schießt scharf

Mann in Uniform spricht in ein Megaphon
Führt ein tschetschenisches Bataillon im Donbass-Krieg an: Adam Osmajew Bildrechte: imago/Ukrainian News

Im Frühsommer wurden Amina Okujewa und Adam Osmajew Ziel eines ungewöhnlichen Anschlags und damit Top-Thema in der ukrainischen Öffentlichkeit. Die Geschichte hat das Zeug zum Agenten-Thriller: Verübt wurde das Attentat von einem Mann, der sich dem Paar gegenüber als "französischer Journalist Alex Werner" ausgab, der für Le Monde eine große Reportage über den Kampf der beiden in der Ukraine schreiben wollte. Während einer gemeinsamen Autofahrt im Kiewer Bezirk Podil schoss er mit einer Pistole auf Osmajew, der einst in Russland wegen Vorbereitung eines angeblichen Attentats auf Wladimir Putin angeklagt wurde. Osmajew überlebte verletzt, unter anderem weil Kämpferin Okujewa schnell reagierte und das Feuer auf den Angreifer eröffnete. Der festgenommene Täter wurde als Artur Denisultanow-Kurmakajew identifiziert. Ein russischer Staatsbürger tschetschenischer Abstammung - bekannt unter dem Spitznahmen "Kadyrows Killer". Ein Attentat auf tschetschenische Kämpfer in der Ukraine, dessen Spur wiederum ins Zentrum der Macht in Grosny und damit für Beobachter auch immer in Richtung Moskau weist. Denn Machthaber Kadyrow gilt als treuer Gefolgsmann des russischen Präsidenten.

Attentat auf Attentat

Der Anschlag auf Amina Okujewa und Adam Osmajew im Frühsommer 2017 war nicht das erste Attentat mit tschetschenischem Hintergrund seit Ausbruch des Donbass-Krieges. Zuvor hatte es schon der Tod von Timur Machauri auf die Titelseiten der ukrainischen Presse geschafft. Machauri, bürgerlicher Name Ali Timajew, war nach dem Tschetschenienkrieg erst nach Georgien geflohen, hatte 1999 in Dagestan gegen die Russen gekämpft und diente später in georgischen Einheiten, mit denen er 2008 in Abchasien und Südossetien gegen den Einmarsch des mächtigen Nachbarn wenig ausrichten konnte. 2012 ging Machauri nach Syrien, wo er Rebellen ausbilden wollte, später dann in die Ukraine, um im Donbass an der Seite der ukrainischen Regierungstruppen zu kämpfen. Er führte ein tschetschenisches Bataillon an. Gegen seinen Erzfeind Russland. "Ich will überall gegen Russland kämpfen, wo es nur geht", wurde Machauri in ukrainischen Medien zitiert. Am 9. September wurde das Auto Machauris, der als persönlicher Feind Ramsan Kadyrows gilt und dem die Nähe zu kriminellen Kreisen in gleich mehreren Ländern nachgesagt wird, direkt im Zentrum Kiews gesprengt. Ukrainische Behörden gehen von einer russisch-tschetschenischen Spur aus, eindeutige Erkenntnisse liegen aber nicht vor.

Personen und Fahrzeuge an enem abgesperrtem Gebiet in einem Wald
Nach dem Attentat auf Okujewa und Osmajew: ukrainische Ermittler am Tatort Bildrechte: imago/ZUMA Press

Am 30. Oktober traf es schließlich wieder das Paar Okujewa und Osmajew. Ihr Auto wurde in Glewacha, in der Nähe Kiews beschossen. Amina Okujewa starb in Folge schwerer Verletzungen; Adam Osmajew überlebte schwer verletzt. Auch in diesem Fall vermutet die ukrainische Polizei russische Geheimdienste oder von Kadyrow beauftragte Tschetschenen als mögliche Täter.

Ein gefährliches Spiel für die Ukraine

Nach der schweren Niederlage gegen die russische Armee im Zweiten Tschetschenienkrieg waren viele Anhänger der Separatisten in alle Richtungen ins Ausland geflohen. Das beliebtestes Fluchtziel waren die Länder der EU, innerhalb des postsowjetischen Raums ging es aber meist in Richtung Georgien und eben in die Ukraine.

Silhouette eines Soldaten in einer Garagentür
Front im Donbass: Tschetschenische Soldaten kämpfen für die Ukraine Bildrechte: imago/ZUMA Press

Dass sich die Ukraine derzeit zumindest informell an die Seite der Itschkerien-Anhänger stellt, ist zwar wegen der andauernden Auseinandersetzung mit Russland logisch. Außerdem leisten die Tschetschenen u.a. durch das Dschochar-Dudajew-Bataillon große Hilfe im Donbass-Krieg. Ein mittlerweile ebenfalls getöteter Freischärler-Anführer sagte einmal: "Ukrainische Nationalisten haben für uns sowohl im Ersten als auch im Zweiten Tschetschenienkrieg gekämpft. Wir wollen ihnen nun helfen, den Frieden in der Ukraine wiederherzustellen." Die steigende  Zahl der Attentate mit tschetschenischem Hintergrund ist jedoch besorgniserregend. Kiew lässt sich mit seinen Helfern auf ein gefährliches Spiel ein und hat dabei, wie es scheint, nicht alle möglichen Konsequenzen vollständig im Blick. Irgendwann dürfte es für die ukrainische Führung schwer werden, die Geister, die sie rief, wieder los zu werden.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 14.07.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2017, 09:49 Uhr