Soldaten laufen durch einen Graben.
Soldaten auf Patrouille im Donbass. Bildrechte: IMAGO

Ukraine Donbass-Krieg: Immer mehr Soldaten begehen Selbstmord

Mehr als 1.000 Soldaten sollen seit Beginn des Donbass-Kriegs in der Ukraine Selbstmord begangen haben. Das zeigt vor allem eines: Kiew scheitert daran, Soldaten und Veteranen angemessene psychologische Hilfe zu leisten. Die Kriegsheimkehrer sind quasi auf sich allein gestellt. Die private Initiative "Veterano Group" will ihnen Lebensqualität zurückgeben.

von Denis Trubetskoy

Soldaten laufen durch einen Graben.
Soldaten auf Patrouille im Donbass. Bildrechte: IMAGO

Bis vor vier Jahren war für die meisten Ukrainer ein Krieg in ihrem Land undenkbar. Die Wehrpflicht sollte sogar abgeschafft und eine Berufsarmee eingeführt werden. Doch dann brach der Donbass-Krieg aus, der alles veränderte. Auf einmal waren die Ukrainer mit komplett neuen Problemen konfrontiert. So forderte die militärische Auseinandersetzung mit prorussischen Separatisten im Osten des Landes laut UN-Schätzungen mehr als 10.000 Opfer. Zudem sollen etwa 330.000 Ukrainer an Kriegshandlungen in der sogenannten ATO-Zone, damit werden die Gebiete von Donezk and Luhansk bezeichnet, die unter Kontrolle des russischen Militärs sind, beteiligt gewesen sein.

Wie hoch ist die Selbstmordrate tatsächlich?

Die Ukraine stand plötzlich vor zwei schwierigen Aufgaben. Zum einen sollten die Motivation der Soldaten trotz der extremen Situation aufrecht erhalten werden. Zum anderen waren Tausende Kriegsheimkehrer in die Gesellschaft zu integrieren. Offenbar scheitert Kiew an beiden Aufgaben. Denn laut Olexander Tretjakow, dem Vorsitzenden des Parlamentsausschusses für Veteranen, haben seit dem Ausbruch des Konflikts über 1.000 Kriegsteilnehmer Selbstmord begangen. Dabei handelt es sich um eine Schätzung, denn genaue Zahlen sind nur schwer zu ermitteln. Offizielle Stellen geben die Zahl geringer an. So waren es laut Staatsregister, mit Stand zum 1. April, mindestens 554 Kriegsteilnehmer, die Selbstmord begangen haben.

 "Bei den Menschen, die sich lange in der Kriegszone befinden, liegt die Selbstmordrate in diesem Jahr bei zwei bis drei Suiziden pro Woche", sagt der Militärstaatsanwalt Anatolij Matios, mit steigender Tendenz. So waren es 2016 insgesamt 63 Soldaten, die in der Kriegszone Selbstmord begingen. "Leider sind es größtenteils sehr junge Männer, die zwischen 1995 und 1998 geboren sind", fügt Matios hinzu. Offiziell bestätigt das Verteidigungsministerium die Angaben des Militärstaatsanwaltes nicht. Inoffiziell ist aber auch aus dem Ministerium zu hören, dass sie der Wahrheit entsprächen.

Fehlende psychologische Hilfe

Bei den jungen Soldaten fehle es vor allem an psychologischer Hilfe, die bei längeren Aufenthalten in der Frontzone dringend notwendig wäre, meint die ukrainische Militärstaatanwaltschaft. Das Durchschnittsalter der Kriegsveteranen liegt schätzungsweise bei rund 35 Jahren. Der Großteil ist traumatisiert. Das friedliche Leben, das die meisten Ukrainer führen, ist ihnen fremd geworden. "Hier in Kiew hat man oft das Gefühl, dass es den Krieg im Donbass gar nicht gibt. Dass das manche nervt, kann ich nachvollziehen. Andererseits kämpfen wir gerade für dieses friedliche Leben", sagt der 38-jährige Oleh Antonow (Anm. der Red.: Nachname geändert), während er an einem sonnigen Aprilsonntag in der Imbisskette "Pizza Veterano" zu Mittag isst. Der gelernte Ingenieur, der aus der Umgebung von Kiew stammt, hat zwischen 2015 und 2016 ein Jahr an der Frontlinie verbracht.

Nach seiner Rückkehr konnte Antonow keine dauerhafte Arbeit finden. Er verdient sein Geld zum Großteil als Taxifahrer. "Es gibt viele Kriegsheimkehrer, es gibt auch viele Binnenflüchtlinge, der Markt ist mit Arbeitskräften gefüllt. Deswegen ist es wirklich nicht leicht, eine Arbeit zu finden", betont Antonow. Er hält die Zahl von 1.000 Selbstmorden für realistisch. "Sie entspricht dem, was ich oft von anderen Kriegsheimkehrern höre. Ich glaube, der Staat könnte hier mehr Hilfe leisten. Es geht nicht um Arbeit oder Geld, sondern um psychologische Hilfe." Soldaten, die aus der Kriegszone zurückkehren, sollen laut Gesetz mit psychologischer Rehabilitierung versorgt werden. 2017 hat laut der ukrainischen Militärstaatsanwaltschaft jedoch nur 0,1 Prozent der Kriegsveteranen sie tatsächlich erhalten.

Pizza backen zur Reintegration

Und so kommt es auf private Initiativen wie "Veterano Pizza" an, die sich um die Wiedereingliederung der Kriegsveteranen kümmern. Angefangen hatte ihr Gründer Leonid Ostalzew mit einer Pizzakette, die von Ex-Soldaten betrieben wird. Mittlerweile hat sich die "Veterano Group" zu einem Franchise-Unternehmen entwickelt, das zum Beispiel den Kaffeladen "Veterano Coffee" und den brandneuen Taxidienst "Veterano Cab" unter einen Dach vereint. "Ich will den Kriegsheimkehrern das geben, was sie vom Staat nicht bekommen: eine Chance auf ein normales Leben. Unsere Veteranen stehen zu ihrem Wort und sind absolut verlässlich, deswegen ist die Idee auch ein Erfolg", meint Ostalzew. Doch auch er weiß: seine Projekte sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Als Privatunternehmer könne er die katastrophale Gesamtentwicklung nicht stoppen.

Der Eingangsbereich eines Kiewer Pizzaladens
Die "Veteranen-Pizzeria" in Kiew: Arbeitsplatz für Kriegsheimkehrer. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy

Versprechen vom Veteranen-Beauftragten

"Es muss ein Rehabilitationszentrum und ein spezieller Rehabilitationsdienst für unsere Kriegsveteranen aufgebaut werden. Nur so können wir die Anzahl der Selbstmorde und Depressionen halbwegs kleinhalten", fordert der Präsidentenbeauftragte für Veteranen-Belange, Wadym Swyrydenko. Ihm zufolge unterstützt der Präsident voll und ganz die Gründung solcher Zentren. Bisher ist jedoch nichts in diese Richtung unternommen worden.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 14.07.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Mai 2018, 16:47 Uhr