Blick auf die Seestraße von Kertsch mit Brücke.
Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Russland | Ukraine Zankapfel Asowsches Meer

Seit der Eröffnung der russischen Kertsch-Brücke im Mai ist das Asowsche Meer zum Zankapfel zwischen Moskau und Kiew geworden. Viele der Schiffe, die ukrainische Häfen anlaufen wollen, sind zu hoch, um die Brücke zu unterqueren.

von Denis Trubetskoy

Blick auf die Seestraße von Kertsch mit Brücke.
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Seit 2014 gibt es im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine mehrere Fronten. Zum einen die Konfrontationslinie im Donbass, zwischen dem von Kiew und dem von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet, wo auch vier Jahre nach dem Beginn des Donbass-Krieges geschossen wird. Zum anderen die diplomatische Front um die Krim: Seit der Annexion der Halbinsel im März 2014 erkennt die Ukraine sowie die meisten Staaten die Krim nicht als russisch an. In diesen Monaten entsteht nun eine weitere Konfliktsituation, die sich durch die Krim-Annexion bereits abgezeichnet hat und auch für den Donbass nicht unwichtig ist.

Nachteile für ukrainische Wirtschaft

Sowohl Russland als auch die Ukraine haben Zugang zum Asowschen Meer. Der Schiffsverkehr zwischen dem Asowschen und dem Schwarzen Meer ist allerdings nur über die etwa 40 Kilometer lange Straße von Kertsch, zwischen der Krim und dem russischen Festland, möglich. Seit der Annexion der Krim kontrolliert Russland nun beide Seiten der Straße von Kertsch. Ein Problem für die Ukraine, denn für den Handel des Landes ist das Asowsche Meer durchaus wichtig. Mit Mariupol, der drittgrößten Stadt der Donbass-Region, die immer noch von der Ukraine kontrolliert wird, hat sie dort einen der wichtigsten Häfen, auch der in Berdjansk, im Verwaltungsbezirk Saporischschja, ist von großer Bedeutung.

Asowsches Meer
Die Idylle trügt. Das Asowsche Meer wird immer mehr zum Zankapfel zwischen Russland und der Ukraine. Bildrechte: IMAGO

Man provoziert sich

Weil Russland die Landverbindung zur annektierten Krim fehlte, hat Moskau inzwischen die Kertsch-Brücke gebaut. Die Ukraine protestierte zwar heftig, doch erfolglos. Je näher der Eröffnungszeitpunkt heranrückte, desto öfter kamen auch kleinere Provokationen von beiden Seiten vor. So brachte die Ukraine im Frühjahr ein russisches Fischerboot in Berdjansk auf und eröffnete gegen den Kapitän ein Verfahren wegen illegaler Einreise. Als Reaktion darauf setzte Russland die verantwortlichen Grenzpolizisten auf die internationale Fahndungsliste.

Wirtschaftliche Blockade?

Schiffe bei Sonnenuntergang
Sowohl ukrainischer als auch russischer Küstenschutz sind im Asowsches Meer unterwegs. Bildrechte: IMAGO

Russland hatte bereits vor der Eröffnung der Kertsch-Brücke im Mai damit begonnen, Druck auf die Ukraine aufzubauen. Das Mittel: ein zwischenstaatliches Abkommen über die gemeinsame Nutzung des Asowschen Meers, das 2004 zwischen Kiew und Moskau verabschiedet wurde. Demnach dürfen Grenzschützer beider Länder die Schiffe des jeweils anderen Anrainers im Asowschen Meer festhalten und kontrollieren. Machte man früher nur vereinzelt von diesem Recht Gebrauch, so hat Russland nach ukrainischen Angaben zwischen Ende April und Mitte Juli rund 100 Schiffe kontrolliert. Der ukrainische Infrastrukturminister Wolodymyr Omeljan ist sich sicher, "dass Russland das gezielt macht." Näheres weiß offenbar der ukrainische Außenexperte Olexander Chara. Er sagte dem ukrainischen TV Sender Kanal 24: "Russland setzt vor allem darauf, ausländische Schiffe, die nach Mariupol und Berdjansk fahren, zu kontrollieren." Dabei gehe es jedoch nicht alleine um die Kontrolle an sich. Ein Schiff könne vier Mal aufgehalten werden. Und die Kontrolle selbst dauere bis zu acht Stunden. Das, so Olexander Chara, sehe nach einer wirtschaftlichen Blockade aus. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB, zuständig für die Grenzkontrollen, bestreitet die Vorwürfe: Es laufe alles im Sinne des Abkommens. Und dass es viele Kontrollen gebe, habe ausschließlich mit Sicherheitsbedenken zu tun.

Schiffsverkehr halbiert

Ein Schiff im Seehafen von Mariupol
Im Hafen von Mariupol gehen immer weniger Schiffe vor Anker. Bildrechte: IMAGO

Durch den Bau der russischen Kertsch-Brücke ist die Lage für die ukrainischen Häfen Mariupol und Berdjansk schwieriger geworden. Denn aus Sicherheitsgründen dürfen unter der Brücke nur Schiffe fahren, die nicht höher als 35 Meter sind. Nach Angaben Kiews kann deshalb nahezu die Hälfte der Schiffe, die früher Mariupol und Berdjansk anliefen, dort nicht mehr vor Anker gehen. Für Ihor Barskyj, Chef des Hafens Mariupol, eine schwierige Situation. "Wir verlieren gerade viele Kunden an Odessa, das dieses Problem nicht hat", beklagt er. Die ukrainische Regierung sorgt sich indes um etwas anderes. Nach ihren Angaben hat die russische Marine ihre Präsenz im Asowschen Meer bis auf 40 Schiffe erhöht.

Droht der offene Konflikt?

Dass Mariupol - die größte Stadt des Donbass, die nicht von Separatisten kontrolliert wird - nun vom Wasser aus de facto von der Welt abgeschnitten ist, ist für die Ukraine strategisch ein großer Nachteil. Russland wolle so noch mehr Druck auf sein Land ausüben, meint der ehemalige ukrainische Außenminister Wolodymyr Ogrysko. Er empfiehlt deshalb, dass die Ukraine aus dem Abkommen von 2004 aussteigen sollte. Die Annexion der Krim und der Bau der Kertsch-Brücke seien Grund genug. Das würde allerdings die Lage noch einmal verschärfen. Und daran, so scheint es, hat die Ukraine kein Interesse.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: MDR aktuell | 17.03.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2018, 13:20 Uhr