Ein ukrainischer Kriegsveteran bei Feierlichkeiten 2015 in Kiew.
Ein ukrainischer Kriegsveteran bei Feierlichkeiten 2015 in Kiew. Bildrechte: dpa

Umstrittenes Erinnern Wie die Ukraine mit dem 9. Mai umgeht

Die Ukraine will sich von sowjetischen Traditionen verabschieden und hat den Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg nach europäischem Beispiel gefeiert – nämlich einen Tag früher. Die Reaktionen fallen gemischt aus.

von Denis Trubetskoy

Ein ukrainischer Kriegsveteran bei Feierlichkeiten 2015 in Kiew.
Ein ukrainischer Kriegsveteran bei Feierlichkeiten 2015 in Kiew. Bildrechte: dpa

Es gab einmal Zeiten, in denen die Ukraine den Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg anders feierte. Viele Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde in der Hauptstadt Kiew, ähnlich wie in Moskau, eine Militärparade am 9. Mai abgehalten. Die war zwar deutlich kleiner als in Russland, aber trotzdem bedeutend. Damit ist jedoch spätestens seit der Krim-Annexion und dem Beginn des Krieges im Donbass Schluss. Während Moskau den Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg", wie der Zweite Weltkrieg im Russland genannt wird, zunehmend für Propagandazwecke instrumentalisiert, will sich das offizielle Kiew zumindest auf dem Papier von der sowjetischen Tradition trennen.

Europäische Tradition

Bereits 2015 hat das ukrainische Parlament ein Gesetz über die "Verewigung des Sieges gegen Nazismus im Zweiten Weltkrieg" beschlossen, das die Feierlichkeiten "im Geiste Europas" etablieren soll. Demnach gibt es in der Ukraine mittlerweile gleich zwei Feiertage: Am 8. Mai wird, wie in den meisten europäischen Ländern, der Tag der Erinnerung und der Versöhnung gefeiert, während der 9. Mai in den Tag des Sieges gegen Nazi-Deutschland umbenannt wurde. Neues Symbol dieser Feierlichkeiten ist die Mohnblume.

Das neue Symbol der Feierlichkeiten am 8. und 9. Mai: die Mohnblume. Ausstellung auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew
Ausstellung auf dem Maidan in Kiew erinnert an die Veteranen des Zweiten Weltkriegs. Neues Symbol der Feierlichkeiten: die Mohnblume. Bildrechte: IMAGO

Perspektivisch will das ukrainische Institut für nationales Gedenken, das für die Geschichtspolitik des Landes verantwortlich ist, den 8. Mai sogar als wichtigsten Feiertag durchsetzen. Doch noch ist das nicht der Fall. Und so finden in diesem Jahr am 9. Mai dreimal so viele Veranstaltungen statt wie am Vortag.

Streit um Erinnerung

8. oder 9. Mai: Die Entscheidung gilt als richtungsweisend in der Ukraine. Die Kapitulation hat Nazi-Deutschland nach deutscher Zeit noch am 8. unterschrieben - nach Moskauer Zeit jedoch bereits am 9. Mai. Deswegen hat die Sowjetunion schließlich entschieden, den 9. Mai als Feiertag zu deklarieren. "Wir wollen allerdings die europäische Tradition der Erinnerung übernehmen", sagt Wolodymyr Wjatrowytsch, Leiter des Instituts für nationales Gedenken in Kiew und ergänzt: "Hier in der Ukraine müssen wir die sowjetischen Mythen nicht wiederholen."

Allerdings gibt es auch Gegenstimmen. Kritiker meinen, es gebe keinen Grund, sich in diesem Fall an Europa zu orientieren - schließlich habe die Ukraine die Schlüsselrolle beim Sieg der Sowjetunion gespielt. "In dieser Frage vor Europa einzuknicken, sieht komisch aus", sagt unter anderem der ukrainische Politologe Dmytro Kornijtschuk.

Parlament entscheidet

Wjatrowytschs Institut schlägt mittlerweile vor, den 9. Mai zwar nicht ganz aus dem Feiertagskalender zu streichen, ihn aber dennoch zum Werktag zu machen. Über die entsprechende Gesetzinitiative soll das ukrainische Parlament bald abstimmen. Das Ergebnis ist offen. Dabei ist der aus dem west-ukrainischen Lwiw stammende Historiker Wjatrowytsch in weiten Teilen der Bevölkerung sowie in der internationalen Historikergemeinschaft umstritten. Der 39-Jährige beschäftigte sich vor allem mit Studien über die Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN), der Kollaboration mit Nazi-Deutschland sowie der Beteiligung der ukrainischen Nationalisten an den Massenmorden.

"De-Sowjetisierung" stößt auf Kritik

So ist das Institut für nationales Gedenken für die sogenannte De-Sowjetisierung verantwortlich, für den Abriss von Lenin-Denkmälern und die Umbenennung von Straßen mit sowjetischen Namen. Doch die Begeisterung einiger Ukrainer über die Umbenennung der Hauptstraße „Moskauer Prospekt“ in Kiew nach dem OUN-Anführer und ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera hält sich in Grenzen.

Wjatrowytsch betont jedoch: "72 Jahre nach dem Ende des Krieges müssen wir sowohl die Ukrainer in der Roten Armee als auch die Ukrainer, die in Reihen der OUN für unsere Unabhängigkeit kämpfen, verehren." Am 9. Mai werden nun im Kiewer Park des ewigen Ruhms die Blumen am Grabmal des unbekannten Soldaten niederlegt. Das gilt als die wichtigste Veranstaltung im Rahmen der Feierlichkeiten.

Zwei Wirklichkeiten

Im Kiewer Zentrum existieren indes in diesem Jahr gleich zwei Wirklichkeiten: Auf dem Maidan wird zum Tag des Sieges an die Veteranen des Zweiten Weltkrieges sowie an die Soldaten im Donbass erinnert. 300 Meter entfernt beginnt auf der Prachtstraße Chreschtschatyk die Fan-Zone des Eurovision Song Contests. "Wir haben den 'Tag des Sieges' in den 'Tag des Sieges gegen den Nationalsozialismus' nicht zufällig umbenannt", sagt Wjytrowytsch. "Denn einen neuen Tag des Sieges wird die Ukraine nach dem Ende dieses Krieges gegen Russland bekommen."

Parade auf der Krim

Auch für die durch Russland annektierte Halbinsel Krim hat der 9. Mai eine neue Bedeutung bekommen. Gerade in der Flottenstadt Sewastopol, seit 1783 Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte, hat die dazugehörige Militärparade auch nach dem Zerfall der Sowjetunion eine wichtige Rolle gespielt. Vor 2014 sind russische und ukrainische Marinesoldaten zusammen durch die zentralen Straßen Sewastopols spaziert. Seit der russischen Annexion sind die Ukrainer zwar logischerweise nicht mehr dabei, die Parade hat sich aber deutlich ausgeweitet und wird jedes Jahr größer.

Yulia Samoilova
Die russische Sängerin Julia Samoilowa wird bei einem Konzert in Sewastopol auf der Krim auftreten. Bildrechte: IMAGO

Eine Besonderheit in diesem Jahr: die ESC-Teilnehmerin aus Russland Julia Samoilowa, der die Ukraine wegen eines illegalen Krim-Besuchs die Einreise verweigerte, wird am Abend an einem feierlichen Konzert in Sewastopol teilnehmen – gerade an dem Tag, an dem in Kiew der ESC mit dem ersten Halbfinale beginnt. Anders als ein politisches Statement ist die Entscheidung Samoilowas wohl nicht zu verstehen.

9. Mai und die Separatisten

Eigene Militärparaden werden, wie in den Jahren zuvor, auch in den beiden selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk ausgetragen. Die Führung der Separatisten, die dem Narrativ folgt, die Ukraine sei heute von Faschisten regiert, nutzt den Tag des Sieges gerne, um auf die aktuelle Politik zu verweisen. Die beiden Paraden sollen also unter anderem als Zeichen der Kampfbereitschaft Richtung Kiew gelten.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im TV: 08.05.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Mai 2017, 16:21 Uhr