Brücke in Budapest
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Gender Studies - in Ungarn bald verboten?

Die ungarische Regierung will die Studiengänge der Richtung "Gender Studies" abschaffen. Begründung dafür: Es gäbe keinen Bedarf an Absolventen auf dem Arbeitsmarkt und das Fach gefährde die traditionellen christlichen Werte. Piroska Bakos hat Menschen in Budapest gefragt, was sie über den Studiengang und das Verbot denken.

von Piroska Bakos

Brücke in Budapest
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Der Zeitpunkt war mit Bedacht gewählt: Im August, mitten in der Sommerpause, wurden die Universitäten in Ungarn über das geplante Verbot des Studiengangs "Gender Studies" informiert. Der Masterstudiengang soll ab September 2019 aus den Lehrplänen gestrichen werden, die bereits eingeschriebenen Studenten können ihr Studium noch beenden, so lautete die Ankündigung des Ministeriums für Humanressourcen (EMMI). Das Ministerium, das für Soziales, Bildung, Kultur, Familie, Sport und Jugend zuständig ist, hatte den Universitäten ganze 24 Stunden Zeit gegeben, sich zu dem Vorgang zu äußern.

Kein Bedarf auf dem ungarischen Arbeitsmarkt

Für zwei Universitäten hätte ein Verbot direkte Konsequenzen: Zum einen die staatliche Eötvös Lóránd Universität, kurz ELTE - eine der größten im Land - und die private Central European Universität (CEU). In der Presse begründete das Ministerium die Entscheidung damit, dass der Studiengang unwirtschaftlich sei, weil es keinen Bedarf an Absolventen auf dem ungarischen Arbeitsmarkt gebe.

Von den Universitäten gab es sofort Widerspruch: die CEU, an der schon seit 2006 Gender Studies unterrichtet werden, meldete, dass sie ein sehr gutes Feedback vom Arbeitsmarkt habe. An der ELTE hingegen gibt es Gender Studies erst seit 2016. Es gibt also noch keine Absolventen. Jährlich wählen einige Dutzend Studenten den Studiengang "Gender Studies".

Kaum jemand will sich zu dem Thema öffentlich äußern

Ich habe Fußgänger in Budapest im 12. Bezirk gefragt, was sie vom Fach "Gender Studies" halten und was sie überhaupt über das Fach wissen? Der 12. Bezirk ist traditionell eine konservative Gegend, die Einwohner haben in den letzten Wahlen vorwiegend die Regierungspartei Fidesz gewählt. Bei den letzten Wahlen, im April 2018, verlor der oppositionelle linksliberale Bezirkskandidat überraschenderweise jedoch nur knapp gegen den Fidesz-Gegner. Im Bezirk wohnen relativ viele Intellektuelle, Akademiker, Professoren, Künstler. Ich war erstaunt, dass viele Menschen gar nicht antworten wollten. Ich habe etwa 25-30 Menschen angehalten und nur fünf waren bereit, mir ein Interview zu geben. Viele sagten mir, sie hätten keine Ahnung, worum es bei den "Gender Studies" überhaupt ginge. Schockierend für mich war, dass einige mir sagten, dass sie zwar eine Meinung hätten, aber fürchteten, eine offen ausgesprochene kritische Haltung könne ihren Arbeitsplatz kosten.     

Osteuropa

Zsoka Pege
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Di 11.09.2018 19:56Uhr 01:26 min

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Für wichtigere Dinge Geld ausgeben

Unter den Interviewten waren vier Menschen für die Abschaffung und nur einer dagegen. "Ich bin damit völlig einverstanden. Ich lehne diesen Studiengang ab. Ich denke, dass so etwas an der Universität gar nicht unterrichtet werden soll, dort sollen traditionelle Studiengänge Platz haben." So die Aussage einer Ehefrau mit drei Kindern. Eine andere Frau sagte mir, es sei eine marginale Sache, Ungarn sollte für wichtigere Dinge Geld ausgeben. Ein älterer Mann betonte vor allem die traditionelle Rollenverteilung von Mann und Frau und sah keinen Sinn in dem Studiengang: "Meiner Meinung nach gibt es zwei Geschlechter. Man kann darüber vielleicht diskutieren, grundlegend existieren aber nur diese zwei."

Osteuropa

Viktoria Herold
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Di 11.09.2018 19:56Uhr 01:33 min

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Der einzige Gegner, ein gebildeter Mann Mitte 40, war sehr empört, sogar wütend. "Ich bin absolut dagegen. Die Autonomie der Universitäten ist für alle Länder von größter Bedeutung, das endet in Ungarn mit diesem Moment", begann er und fuhr fort: "Wenn dieses Regime sich wirklich um die ungarische Nation Gedanken machen würde, dann müsste es anerkennen, dass es zum Beispiel alleinerziehende Mütter gibt, die durch Teilzeitbeschäftigung oder mit Geld unterstützt werden könnten. Es gibt geistig oder physisch behinderte Kinder, deren Verpflegung auch eine nationale Aufgabe sein sollte. Keine dieser Aufgaben wird von dieser grausamen und barbarischen Regierung erfüllt." Er werde das Land bald verlassen und wolle nichts mehr mit dieser Regierung zu tun haben, fügte er noch hinzu.

Osteuropa

Gergely Mocsai
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Di 11.09.2018 10:54Uhr 01:57 min

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Gefahr für christliche Werte

Augenscheinlich haben nicht alle der Befragten eine genaue Vorstellung, womit sich "Gender Studies" überhaupt beschäftigen. Es geht vor allem darum, umfassend zu erforschen, welche Rolle das Geschlecht in allen Bereichen des Lebens spielt. Der Studiengang an der ELTE fokussiert beispielsweise vorwiegend auf Frauenprobleme: Warum verdienen sie immer noch weniger als Männer im gleichem Beruf? Was sind die Gründe für häusliche Gewalt oder Belästigung am Arbeitsplatz und was kann man dagegen tun? Warum ist die Arbeit der Frauen zu Hause immer noch nicht anerkannt?

Gegner der "Gender Studies" kommen vorwiegend aus den konservativen-christlichen Reihen, nicht nur in Ungarn. Sie halten das Fach nicht für eine wissenschaftliche Disziplin, sondern für eine schädliche Ideologie, die das traditionelle Familienmodell und die christlichen Werte in Frage stellt.

Osteuropa

Gabor Szendi
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Mo 10.09.2018 17:10Uhr 01:20 min

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Bildungsfreiheit bedroht

Heftige Kritik gegen die Ankündigung kam hingegen nicht nur aus oppositionellen, linksliberalen Kreisen. Rechtskonservative Intellektuelle kritisierten vor allem, dass die Orbán-Regierung sich damit in die Autonomie der Universitäten einmische und die Bildungsfreiheit bedrohe. Auch international protestierten zahlreiche Universitäten und Forschungsinstitute, unter anderem die Europäische Vereinigung für Genderforschung und die Internationale Soziologische Vereinigung gegen die geplante Abschaffung des Studiengangs in Ungarn.

Womit genau beschäftigen sich Gender Studies? Beim Studium der Gender Studies geht es darum zu erforschen, wie sich Geschichte, Kultur, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik auf das Geschlecht und Geschlechterrollen auswirken. Man geht davon aus, dass durch das biologische Geschlecht nicht alle Eigenschaften eines Menschen fesgelegt sind, sondern viele Faktoren darüber entscheiden. Beispielsweise waren viele Professoren noch am Anfang des 20. Jahrhunderts strikt dagegen, dass Frauen studieren, weil das nicht ihrer Natur entspräche. Gender Studies sind nicht einfach ein Studienfach, sondern sie erstrecken sich über viele Bereiche, zu denen neben Soziologie oder Geschichte auch Biologie und Medizin gehören. So haben Mediziner unter anderem bei geschlechtsspezifischen Forschungen festgestellt, dass Männer und Frauen unterschiedlich krank werden und auch unterschiedliche Behandlungen und Medikamente benötigten.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen : MDR akuell | 10.04.2017| 17.45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2018, 10:40 Uhr