Polen und die Bundestagswahl: Merkel ist das kleinere Übel

Dürften die Polen den Bundestag wählen, dann würde wohl die CDU gewinnen. Mit Abstand. Trotz Kritik an Angela Merkel, gilt die Bundeskanzlerin den Polen als berechenbarer politischer Partner. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wird dagegen als polenkritisch und russlandfreundlich abgelehnt.

von Monika Sieradzka

Ich versuche, die Menschen auf den Straßen von Warschau und Oppeln auf die Bundestagswahl anzusprechen. Die meisten haben keine Ahnung, dass die am kommenden Sonntag überhaupt stattfindet. Kein Wunder. Die Medien in Polen berichten lieber über Amerika, Russland, Nordkorea oder Naturkatastrophen als über die Bundestagswahl im Nachbarland.

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Merkel – die Berechenbare

All jenen, die politisch interessiert sind, ist es aber wichtig, dass Deutschland auch weiter ein zuverlässiger Partner (in der EU) bleibt. Und das scheint den Polen niemand besser zu garantieren als die Bundeskanzlerin. "Heutzutage ist die Lage in Europa so unruhig, dass es besser wäre, wenn Angela Merkel wiedergewählt würde, weil sie die Konflikte löst und nicht anheizt", sagt mir eine 60-jährige Frau, die mit ihrem Enkelkind über den Marktplatz von Oppeln spaziert. "Wer könnte schon mit dieser unseriösen Regierung in Warschau besser umgehen als die ruhige Angela Merkel? Bestimmt nicht Martin Schulz, der mit seiner scharfen Zunge die Lage nur anheizen würde", meint ein Lehrer, Mitte 40, in Warschau. Er ist empört über die antideutschen Töne der PiS-Regierung.

Merkel und Schulz: Die Wahl zwischen Pest und Cholera

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Viele junge Polen halten nichts von Angela Merkel und der CDU. Ebensoweinig von der SPD und deren Kanzlerkandidat Martin Schulz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Je jünger die Befragten, desto radikaler die Meinungen. "Wir wollen keine Fremden hier. Wir haben Angst vor Terroristen. Wir sind so nahe an Deutschland, dass die Probleme auch zu uns kommen können", sagt mir ein 24-jähriger Jurastudent. Für ihn sei die Wahl zwischen Merkel und Schulz wie eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Laut Umfragen sind über 70 Prozent der Polen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, die, so die gängige Überzeugung in Polen, von Angela Merkel nach Europa "reingelassen" wurden.

Alte Wunden

Jaroslaw Kaczynski, Chef der polnischen PiS-Partei
Jaroslaw Kaczynski, Chef der polnischen PiS-Partei, will den Deutschen das Leben weiter schwer machen. Seine Lieblingsthemen sind und bleiben die Flüchtlingspolitik der EU und Reparationsforderungen an Deutschland. Bildrechte: dpa

Aus Sicht von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski ist Angela Merkel "die beste Lösung für Polen". Sollte sie Kanzlerin bleiben, wolle er ihr aber auch weiterhin das Leben schwer machen. Von der Aufnahme der Flüchtlinge will er nichts hören, die würden ohnehin nur Parasiten und Krankheiten nach Europa einschleppen. Und auch das Projekt Reparation will die polnische Regierung weiterbetreiben. Polen fordert 840 Mrd. Euro als Kriegsreparationen von Deutschland, was laut Umfragen von rund der Hälfte der polnischen Bevölkerung unterstützt wird.

Wenn ich die Einwohner des alten Warschauer Stadtteils Praga darauf anspreche, werden mir Löcher in den Mauern präsentiert, die die Kugeln von Wehrmachtsoldaten hinterlassen haben. Natürlich soll Deutschland zahlen, meinen hier viele. Doch auch darüber ließe sich sicher viel besser mit Angela Merkel verhandeln als mit dem linken Martin Schulz, so die Hoffnung.

Besserwisser Schulz

Jaroslaw Kaczynski kritisiert Martin Schulz als einen "linken Ideologen", der sich antipolnisch äußere. So denken viele der Polen, die wissen, wer Martin Schulz ist. Minuspunkte bei den Polen hatte der SPD-Kanzlerkandidat zum Beispiel gesammelt, als er 2016 bei einer Plenardebatte im EU-Parlament die Politik der polnischen Regierung als gegen die "europäischen Grundwerte" gerichtet kritisierte. So einen Drohfinger von außen, dazu noch von einem Deutschen, kann man in Polen nicht gut leiden. Auch beim TV-Duell mit Angela Merkel hatte sich Schulz unbeliebt gemacht, als er Polen und Ungarn für ihre Flüchtlingspolitik kritisierte und sogar mit finanziellen Sanktionen drohte.

SPD: russenfreundlich = antipolnisch

Doch all das ist nichts im Vergleich zur "Russlandfreundlichkeit" der SPD. Denn die ist in der Lesart vieler Polen mit einer antipolnischen Gesinnung gleichzusetzen. Altkanzler Gerhard Schröder kann man sein Engagement beim Bau der Ostseepipeline nicht vergessen. Dieses deutsch-russische Energieprojekt, das Polen ausgrenzt, wurde hier als Verrat gesehen und gelegentlich sogar mit dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 verglichen. Gerhard Schröders Vorhaben, für den Aufsichtsrat des russischen Energieriesen Rosneft zu kandidieren, wird als klare Bestätigung des prorussischen Kurses der deutschen Sozialdemokratie interpretiert.

Antideutsche Rhetorik als Instrument der Innenpolitik

Wie kritisch Merkels Willkommenspolitik oder die Russlandfreundlichkeit von Schulz auch gesehen werden, mindestens zwei Drittel der Polen sind gegenüber Deutschland und den Deutschen positiv eingestellt. Deshalb solle sich die künftige Bundesregierung an der antideutschen Rhetorik der PiS-Regierung keineswegs stören, rät die die Warschauer Politologin Agnieszka Lada.  "Der neue Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin soll Polen zeigen, dass es immer noch eingeladen wird, im Zentrum der EU mitzuwirken. Polen soll sich nicht isoliert fühlen", sagt sie. Für die Politologin sind die Sticheleien der polnischen Regierung gegen Deutschland, inklusive der aktuellen Forderungen nach Kriegsreparationen, lediglich ein Instrument der Innenpolitik. Daran solle die neue Bundesregierung denken, wenn sie mit Polen spricht. Egal, wer an der Regierungsspitze stehen werde.  

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 11.09.2004 | 00:15 Uhr

(Zuerst veröffentlicht am 21.09.2017)

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2017, 16:02 Uhr

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