Warschauer Buchmesse: "Sila slow - Worte bewegen"

Zwischen Deutschland und Polen kriselt es. Auf der Warschauer Buchmesse im Mai 2017 war Deutschland Gastland. Bundespräsident Steinmeier nutzte die Gelegenheit, um für Dialog und die Werte der Aufklärung zu werben.

von Monika Sieradzka

Es ist nicht üblich, dass die Staatspräsidenten die Buchmesse besuchen, doch diesmal passierte es. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Polens Präsident Andrzej Duda haben am deutschen Messestand am 19. Mai 2017 ihre Ansprachen gehalten. Es war kein Zufall, dass der deutsche Bundespräsident diesen Termin für seinen Antrittsbesuch beim Nachbarn auswählte. Während es politisch zwischen den beiden Ländern knirscht, kann man die Kultur – neben der Wirtschaft – als ein positives Beispiel innerhalb der deutsch-polnischen Beziehungen hochhalten.

Literatur und Politik

Der Bundespräsident sprach vom verstorbenen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, der bekanntlich von Thomas Manns "Zauberberg" fasziniert war. Der Bruder des PiS-Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski habe sich im Streit der Protagonisten des Romans auf der Seite des liberalen Aufklärers Settembrini und gegen den religiösen Revolutionär Naphta gestellt. Und die Aufklärung sei ja – wie Steinmeier betonte - die Grundlage des gemeinsamen Europas. Die Worte des Bundespräsidenten klangen wie eine verhüllte Botschaft an Polen: Das Land solle die europäischen Grundwerte beachten. "Polen gehört zum Kern Europas, und Polen wird gebraucht, wenn wir diese europäische Krise, in der wir uns zweifelsohne befinden, überwinden wollen", betonte Steinmeier. Präsident Duda schloss sich Steinmeiers Äußerungen weitestgehend an und sagte seinerseits, dass die deutsch-polnischen Beziehungen für Europa bedeutsam seien und man möglichst "gemeinsam handeln" müsse.

Deutsche Autoren in Warschau

Die Präsentation des Gastlandes stand unter dem Motto: "Sila slow - Worte bewegen". Vier Tage lang war die deutsche Ausstellung ein Treffpunkt von Verlegern und Autoren mit ihren Lesern. In Warschau hatten mehr als 60 deutsche Verlage ihre Bücher präsentiert. Warum so viele Verlage in die polnische Hauptstadt gekommen waren? - Seit 2011 findet sich Polen unter den zehn wichtigsten Sprachen, in die deutsche Bücher übersetzt werden. Polnisch liegt andererseits unter den 20 Top-Sprachen, aus denen ins Deutsche übersetzt wird. 2015 waren es immerhin 48 polnische Werke. Insgesamt elf deutsche Autoren waren jetzt zu Lesungen und Gesprächsrunden nach Warschau gereist, unter ihnen Herta Müller, Charlotte Link, Wolfgang Bauer, Artur Becker, Ulrike Draesner, Alice Pantermüller und Jakob Hein.

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Ein gemeinsames Erbe

Die Erfahrung des Kommunismus, die Nobelpreisträgerin Herta Müller unter anderem in ihrem Roman "Atemschaukel" thematisierte, ist in Polen nach wie vor ein viel diskutiertes Thema. Herta Müller war in Polen bereits vor der Verleihung des Nobelpreis 2009 eine bekannte und geschätzte Autorin. In Warschau waren die Leser in diesem Jahr sogar bereit, lange Schlangen zu stehen – ein an die Zeiten des Sozialismus erinnerndes Bild - um eine Widmung der Autorin zu bekommen. 

Herta Müller
Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller Bildrechte: dpa

Die in Rumänien geborene Schriftstellerin warnte vor der wachsenden Xenophobie, die ihrer Meinung nach ihre Wurzeln in der kommunistischen Vergangenheit hat. Sie kritisierte Politiker, die den Menschen die Angst vor Immigranten einzujagen versuchen. "Die Angstmacher von früher sind die Angstträger von heute", sagte Herta Müller während ihres Auftritts in Warschau, den sie unter das Motto "In jeder Sprache sitzen andere Augen in den Wörtern" gestellt hatte.

Herta Müller sprach auch mehrmals die Freiheit des Wortes an, und zwar in Bezug auf den Kommunismus. Doch es wurde auch zum Hauptthema der Diskussionen, die sich auf die Gegenwart bezogen.

Die Freiheit des Wortes

Die polnische Journalistin Ewa Wanat sprach von Versuchen der polnischen Regierung, die Freiheit der Medien einzuschränken. Als Beispiel nannte sie die Verstaatlichung der öffentlich-rechtlichen Medien. "Wir haben immer noch den Pluralismus, weil es bei uns alle möglichen Medien gibt, von rechts nach links. Doch es gibt kein Medium, dass neutral berichtet", sagte Wanat.

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Deutschland war Gastland der Warschauer Buchmesse 2017. In Diskussionsrunden und Foren ging es vor allen um die Freiheit des Wortes, sagt Ostbloggerin Monika Sieradzka.

Di 23.05.2017 11:30Uhr 00:41 min

https://www.mdr.de/heute-im-osten/ostblogger/video-108342.html

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Video

Für Alexander Skipis vom "Börsenverein des deutschen Buchhandels" sei "die Einschränkung der Meinungsfreiheit immer ein erstes Zeichen, dass die Gesellschaft manipuliert werden soll". Seine Worte kamen gut an, weil die Meinungsfreiheit in Polen gerade ein heiß diskutiertes Thema ist.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in Heute im Osten - Die Reportage: 22.04.2017 | 14:30 Uhr

(Zuerst veröffentlicht am 22.05.2017)

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2017, 15:58 Uhr