Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki in Radymno.
Premier Morawiecki (2.v.r.) feierte am 23. März 2018 in Radymno die Einführung des Kindergeldes vor zwei Jahren. Bildrechte: B. Kijanka/Gazeta Jaroslawska

Kindergeld lässt viele Polinnen zu Hause bleiben

Vor zwei Jahren hat die PiS-Regierung das Kindergeld in Polen eingeführt. Es beträgt 120 Euro monatlich pro Kind. Viele Polinnen sehen damit die Familie finanziell abgesichert und bleiben lieber zu Hause. 100.000 Frauen haben sich laut einer Studie schon so entschieden.

von Monika Sieradzka

Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki in Radymno.
Premier Morawiecki (2.v.r.) feierte am 23. März 2018 in Radymno die Einführung des Kindergeldes vor zwei Jahren. Bildrechte: B. Kijanka/Gazeta Jaroslawska

Für Premierminister Mateusz Morawiecki ist das Kindergeld ein Grund zum Feiern. Das berühmte "500 Plus"-Programm war im Herbst 2015 das wichtigste Wahlversprechen seiner Partei und wurde danach zum Flaggschiff der Politik der PiS-Regierung. Morawiecki ist also auch voll des Lobes, als er aus Anlass des zweiten Jahrestages der Einführung des Kindergeldes eine Schule in Südostpolen besucht.

"Das Programm 500 Plus baut die Würde der polnischen Familien wieder auf und stellt ihnen Mittel zur Verfügung, die es bisher in der Höhe nicht gegeben hat", sagt Morawiecki vor Lehrern, Eltern und Kindern im 5.000-Seelen-Städtchen Radymno. Der ehemalige Bankenchef und Millionär, dessen Vermögen schon mehrmals für Schlagzeilen gesorgt hat, versucht, sich in Radymno in das Schicksal der Armen einzufühlen: "Die Familien müssen nicht mehr ihr tägliches Brot auf Kredit kaufen und immer mehr Menschen können sich Urlaub leisten."

Zahl der arbeitenden Frauen um 2,4 Prozent gesunken

2,5 Millionen Familien beziehen das Kindergeld derzeit. Ausgezahlt werden 500 Zloty pro Kind, allerdings erst ab dem zweiten Kind. Hat eine Familie weniger als 800 Zloty, also knapp 200 Euro, Einkommen, bekommt sie Kindergeld schon ab dem ersten Kind.

Doch was in Morawieckis Worten so schön klingt, hat auch eine Schattenseite. Die neueste Studie des Warschauers Instituts für Strukturforschungen (Instytut Badan Strukturalnych) zeigt, dass immer mehr Frauen, besonders Mütter von drei oder mehr Kindern, lieber zu Hause bleiben. 100.000 von sieben Millionen Frauen im arbeitsfähigen Alter hätten demnach ihre Arbeit aufgegeben oder auf die Arbeitssuche verzichtet, sagt die Studie. Damit sei der Anteil der berufstätigen Frauen zwischen 20 und 49 Jahren um 2,4 Prozent gesunken.

Zwei Drittel der Polen bekommen umgerechnet nicht mehr als 900 Euro im Monat auf die Hand, viele noch deutlich weniger. Bei mehreren Kindern in der Familie kann das Kindergeld einen Monatslohn ersetzen. Viele Mütter machen auch diese Rechnung auf: Lieber selbst um die Kinder kümmern, als arbeiten zu gehen und einen knappen Verdienst in Kinderbetreuung zu stecken. Wie die Studie zeigt, denken vor allem geringer qualifizierte Polinnen so.

Risiko der Altersarmut steigt

Iga Magda, Autorin der Studie, sieht darin eine gefährliche Tendenz und warnt: "Das wird sich auf das Niveau ihrer Renten auswirken. Wenn die Frauen das Rentenalter erreichen, werden sie auf ihrem Rentenkonto geringe Summen haben, also auch Mindestrenten bekommen. Damit wird das Risiko der Altersarmut steigen", so die Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie sieht auch psychische Folgen für Menschen, die lange Zeit nicht im Erwerbsleben stehen. Ihnen falle es schwer, in den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Oft werde die Arbeit dann auch schlechter bezahlt als die frühere.

Polnische Familienministerin Rafalska mit Flaggen im Bildhintergrund.
Familien- und Sozialministerin Elzbieta Rafalska versprach sich vom Kindergeld höhere Löhne für berufstätige Mütter Bildrechte: IMAGO

Experten warnen vor diesem Nebeneffekt von "500 Plus" schon lange. Doch bei der Einführung zeigten sich die Politiker optimistisch. Familien- und Sozialministerin Elzbieta Rafalska nannte die Befürchtungen, dass Frauen wegen des Kindergelds ihre Arbeit aufgeben würden, absurd. Sie sah es sogar als Ansporn für Arbeitgeber, die ihrer Meinung nach die Gehälter erhöhen sollten. "Wenn die Frauen mehr verdienen, dann werden sie auf dem Arbeitsmarkt bleiben, weil es sich lohnen wird", sagte Rafalska 2016.

Hoffnung auf höhere Löhne geplatzt

Es blieb beim Wunschdenken. Und das alles in einer Zeit, in der die Konjunktur sehr gut und die Arbeitslosigkeit so niedrig ist wie nie. "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, Frauen zu aktivieren. Jetzt ist es auch günstig, Arbeit zu suchen, weil es relativ einfach ist", betont Iga Magda vom Institut für Strukturforschung. Sie findet es schade, dass ausgerechnet jetzt so viele Frauen ihre Chance nicht nutzen.

Die Politiker reagieren immer noch gelassen, selbst mit den Fakten der Studie vor Augen. Der Vize-Familienminister Bartosz Marczuk sieht es als eine normale Entwicklung, dass Frauen zu Hause bleiben. Die Frauen würden sich seiner Meinung nach nur vorübergehend aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen, sodass "kein Verlust" für die Gesellschaft entstehe. Er spricht sogar von einer neuen Tendenz: Die Frauen würden auf den Arbeitsmarkt zurückkommen, weil sie sich dank des Kindergeldes Babysitter leisten könnten. Dafür habe er aber "leider keine Belege", sagte er im privaten Rundfunk TOK FM.

PiS hält an Kindergeld fest

Im Herbst stehen Kommunalwahlen in Polen an, ein Jahr danach wieder Parlamentswahlen. Die Regierung leidet im Moment unter schlechten Umfragewerten. Das Kindergeld-Programm "500 Plus" hat ihr schon einmal zum Wahlsieg verholfen. Es soll nach dem Willen von Premierminister Morawiecki auch beim nächsten Mal wieder zur Wunderwaffe im Wahlkampf werden.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 03.02.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2018, 16:06 Uhr